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Jugendkriminalität : Wenn du zuckst, hast du schon verloren

Im Hinterhof:Kommissar Patrick Unger bewacht Jugendliche im „Abschnitt 36”. Die Polizei fährt dort 1800 Einsätze im Monat und vollstreckt 100 Haftbefehle. Bild: Andreas Pein

Es gibt Straßen in Berlin, in die gehen Polizisten nachts nicht alleine. Dort werden sie tätlich angegriffen, bespuckt, beschimpft - von Jugendlichen, die ihre eigenen Regeln haben und sich um keine anderen mehr kümmern. Auf Streife im Wedding.

          Manchmal fragt sich Christian Eitel, warum er sich das antut. Wenn er abends in seinen Aktenordner schaut, in dem er seine Verletzungen dokumentiert hat. Wenn ihm während der Streife wieder Jugendliche mit großer Klappe begegnet sind. Die hinter ihm hergegangen sind, keinen Respekt vor der Uniform hatten, ihn „Scheiß Bulle“ und „Wichser“ genannt haben und ihm, als er sich umgedreht hat, ins Gesicht gegrinst haben. Den schlimmsten Teil Berlins nennt Eitel sein Revier. Dort ist er als Kontaktbereichsbeamter unterwegs, als „Kob“, zu Fuß auf den Straßen des Polizeiabschnitts 36 im Wedding. Als der Taxifahrer im Abschnitt 36 hält, sagt er zum Abschied: „Das hier ist Slum, fast so schlimm wie in New York. Das ist nicht Deutschland, aber auch nicht die Türkei. Das ist Niemandsland.“

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Zum Einsatz nur noch mit zwei Streifenwagen

          Der Abschnitt 36 umfasst 6,5 Quadratkilometer, von der Kühnemannstraße im Norden bis zur Gartenstraße und zur Bernauer Straße im Süden, von der S-Bahn-Trasse alter Güterbahnhof im Osten bis zur Reinickendorfer Straße im Westen. Etwa 80.000 Leute leben in den vier- oder fünfstöckigen Gründerzeithäusern mit ihren Hinterhöfen und in den Bauten aus den siebziger und achtziger Jahren. Hier und da kommt frische gelbe Farbe auf die Fassade, werden Graffiti überpinselt, Überwachungskameras in den Eingängen montiert. Die Treppenhäuser zeigen noch den Verfall der vergangenen Jahrzehnte. Die Polizei fährt hier 1800 Einsätze im Monat und vollstreckt 100 Haftbefehle. 19 Schulen gibt es, 15 Moscheen in Fabriketagen und Hinterhöfen, unzählige Dönerbuden, Gemüsehändler, An- und Verkäufer, Internetshops.

          Bei Kellereinbruch gestellt: Polizisten vernehmen Jugendliche

          Straßen, in denen nichts Deutsches mehr sei, sagt Eitel. 57,7 Prozent der Einwohner haben einen Migrationshintergrund, 35,8 Prozent sind Ausländer. 107 strafrechtlich relevante Widerstandshandlungen gab es im vergangenen Jahr; jeden Monat werden durchschnittlich 1,5 Beamte verletzt. In manche Straßen traut sich die Polizei bei Einsätzen nur mit zwei Streifenwagen.

          Verhaften, Plaudern, Verhaften

          Als „Kob“ soll Eitel mit Anwohnern ins Gespräch kommen. Dann schäkert der 46 Jahre alte Hauptmeister mit dem türkischen Fleischer, der seit kurzem nicht mehr im Bezirk wohnt, weil er seine Kinder hier nicht aufwachsen lassen wollte. Er grüßt den südländischen Mann Mitte zwanzig, den er schon mehrmals festgenommen hat.

          In den Ecken der U-Bahn-Station Pankstraße stehen die Dealer, das Handy am Ohr. Sie blicken kurz auf, als sie Eitel sehen, und widmen sich dann wieder dem Geschäftlichen. Sie haben sich an Eitel gewöhnt, an seine auffällige Erscheinung mit dem halblangen dunkelblonden Haar und der engen Hose – ein Neuzeitcowboy, der Harleys liebt. Eitel kennt alle Dealer mit Namen. Auch sie hat er schon oft genug festgenommen.

          „Die haben uns richtig aufgerieben“

          Auf seiner morgendlichen Streife nähert sich Eitel der Soldiner Straße, läuft vorbei an der Biesentaler Straße. Der Müll der Nacht – Flaschen, Kippen, Hausrat – ist zur Seite gekehrt. Abseits der Pankstraße mit ihren Dönerbuden ist kaum jemand auf den Gehwegen unterwegs. Die Kinderspielplätze zwischen Hausmauern, mit Müll übersät, liegen verwaist. Die Junkies nutzen sie in der Nacht für sich. Urin und Kot im Sand.

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