https://www.faz.net/-gpf-8o0h9

Mitglieder der NSDAP : Goebbels’ Brechreiz

  • -Aktualisiert am

Ihm waren Karrierenazis verhasst: Joseph Goebbels Bild: dpa

Bisher galten die Nazis der ersten Stunde als Hitlers treueste Anhänger. Ein Wissenschaftler entlarvt den Mythos mithilfe von Millionen Karteikarten aus der Nazi-Bürokratie.

          6 Min.

          Wer hielt Adolf Hitler die Treue? Die Antwort lautet: Opportunisten und Karrieristen. Denn überraschend viele Nationalsozialisten der ersten Stunde hatten die NSDAP schon wieder verlassen, als Hitler 1933 Reichskanzler wurde. Das fand der Politikwissenschaftler Jürgen Falter heraus, der sich schon seit Jahrzehnten mit der Nazipartei beschäftigt. Seine Forschungen beruhen auf der Zentralkartei der Partei, die das Bundesarchiv in Berlin aufbewahrt – eine wahre Fundgrube, die unter widrigen Umständen die NS-Zeit überdauerte.

          Denn eigentlich wollten die Nazis die Kartei vernichten, damit niemand etwas über die Partei und ihre Mitglieder erfährt. Bis 1945 lagerte die Kartei in München. Als die Rote Armee um Wien und Berlin kämpfte, wurde sie mit mehreren Lastwagen zu einer Papiermühle gefahren. Der Müller erhielt den Auftrag, die Karteikarten in einem Säurebad zu Papierbrei zu verarbeiten. Nach dem Krieg behauptete der Geschäftsführer der Mühle, er habe den Befehl absichtlich sabotiert. Von den Karteikarten blieb jedenfalls mehr als die Hälfte erhalten.

          Die Amerikaner, die Ende Mai 1945 darüber informiert wurden, zeigten allerdings wenig Interesse an den tonnenschweren Papierbergen. Erst Monate später erkannte ein Berater der Militärregierung den Wert der Unterlagen. Wahllos wurden die Karteikarten in Säcke gestopft und dem Berlin Document Center übergeben. Für die Entnazifizierung der Deutschen war die gerettete Zentralkartei dann von unschätzbarem Wert. 1994 gingen die Karteikarten in den Bestand des Bundesarchivs über.

          Reichskartei und „Gaukartei“

          Die Mitglieder der NSDAP üben seit vielen Jahren auch auf Wissenschaftler einen großen Reiz aus. Jürgen Falter ist der Erste, der sich nicht auf die Parteigenossen einer bestimmten Region oder zu einer bestimmten Zeit beschränkt. Falter nimmt alle in den Blick, die je der Partei beigetreten sind, von der Neugründung der NSDAP 1925 bis zum Ende des „Dritten Reiches“ 1945. Weil die Nazis doppelte Buchführung betrieben, arbeitet Falter mit zwei Karteien: Die sogenannte Reichskartei war alphabetisch aufgebaut, wohingegen die „Gaukartei“ territorial geordnet war.

          In der Summe ergab das 20 Millionen Karteikarten. Fügt man beide Karteien unter Berücksichtigung der Kriegsverluste zusammen, sind noch neunzig Prozent der Parteimitglieder in der Zentralkartei überliefert. Natürlich konnte Falter nicht jedes Mitglied in die Untersuchung aufnehmen. Das hätte 200 Jahre gedauert, sagt er. Aber selbst die Stichprobe von 50.000 Parteigenossen beschäftigte ihn und seine Mitarbeiter über Monate und Jahre.

          Der Sumpf, aus dem die NSDAP kroch, war das völkische Milieu Münchens. Später wurde die Stadt zur Hauptstadt der Bewegung erklärt. In einem Münchner Lokal gründeten der Sportjournalist Karl Harrer und der Eisenbahnschlosser Anton Drexler 1919 die Deutsche Arbeiterpartei, die sich ein Jahr später in NSDAP umbenannte. Anfangs glich die Partei einem sektiererischen Haufen von nicht einmal 30 Gleichgesinnten. Doch das Krisenjahr 1923 ließ die Reihen der Nationalsozialisten gewaltig anschwellen. 55.000 Parteimitglieder wusste Hitler hinter sich, als er zusammen mit dem populären Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff in München den Putsch wagte. Vor der Feldherrnhalle brach der Staatsstreich im Kugelhagel der Landespolizei zusammen. Die NSDAP wurde verboten und Hitler in Landsberg inhaftiert.

          Weitere Themen

          Respekt für die Bürger

          Erste Rede von Bärbel Bas : Respekt für die Bürger

          Der Bundestag wählt Bärbel Bas zu seiner Präsidentin. Sie wirbt für mehr Bürgernähe – und fordert, endlich eine Wahlrechtsreform anzugehen, „die den Namen verdient“. Bei der Wahl ihrer Stellvertreter fällt der AfD-Kandidat durch.

          Topmeldungen

          Marine Le Pen und Viktor Orbán in Budapest

          Le Pen in Ungarn : Bildtermin bei Orbán

          Europas Nationalisten reisen gerne nach Budapest, Marine Le Pen musste es sogar tun. Ob das die französischen Wähler beeindrucken wird?
          Der umstrittene Demokrat: Joseph Manchin im Oktober 2021 in Washington, DC.

          Senator Joseph Manchin : Der letzte Demokrat

          Ein korrupter Verräter? Joseph Manchin stößt auf viel Kritik innerhalb seiner eigenen Partei. Die Republikaner versuchen indes, den Politiker zu einem Seitenwechsel zu motivieren.
          Für manche der Hexer: Tesla-Chef Elon Musk

          Tesla-Aktie : Die Billionen-Dollar-Wette

          Tesla begeistert die Anleger. Eine Aktie kostet jetzt mehr als 1000 Dollar, das Unternehmen wird mit mehr als einer Billion Dollar bewertet. Kann Tesla halten, was es verspricht?
          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht Bundeskanzlerin Angela Merkel die Entlassungsurkunde am Dienstag im Schloss Bellevue

          Entlassungsurkunde für Merkel : Am Ende einer Kanzlerschaft

          Der Bundespräsident würdigt die Amtszeit von Angela Merkel als „beispielgebend“. So verabschiedet er die Kanzlerin – und bittet sie, noch ein bisschen weiterzumachen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.