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Nach antisemitischer Attacke : Alle Männer sollen einen Tag eine Kippa tragen

  • Aktualisiert am

Ein Mann mit einer Kippa sitzt im Berliner Reichstag. Bild: AP

Nach dem mutmaßlich antisemitischen Angriff in Berlin sorgt sich die jüdische Gemeinschaft in Deutschland um ihre Sicherheit. Gleich von mehreren Seiten kommen unterdessen Vorschläge für eine Aktion der Solidarität.

          Nach dem Angriff auf zwei Kippa tragende Männer in Berlin geht die Debatte um die Sicherheit von Juden in Deutschland weiter. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sprach am Freitag im Deutschlandfunk von einer neuen Qualität des Antisemitismus. Er hätte sich einen solchen Vorfall vor zehn Jahren nicht vorstellen können. Die rote Linie habe sich verschoben. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte der Zeitung „Die Welt“, er sei nicht bereit, das hinzunehmen.

          Am Dienstag waren zwei Männer, die die jüdische Kopfbedeckung trugen, von einem Arabisch sprechenden Mann angegriffen worden. Gegen den mutmaßlichen Täter wurde inzwischen Haftbefehl erlassen.

          Schuster äußerte sich auch besorgt über das Wiederauftauchen von antisemitischen Stereotypen wie einer „jüdischen Weltverschwörung“. Er verwies darauf, dass das Problem nicht alleine aufgrund arabischer Migranten bestehe. Antisemitismus sei ebenfalls bei einem Teil der deutschen Bevölkerung vorhanden.

          Judenhass fast schon Teil einer staatstragenden Ideologie?

          Nach Ansicht des Berliner Rabbiners Daniel Alter tritt der Antisemitismus zunehmend aggressiv auf. Judenhass aus unterschiedlichen Kreisen und Ursachen trete aggressiver und offener zutage, sagte der frühere Antisemitismusbeauftragte der Berliner Jüdischen Gemeinde dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Der Rabbiner war selbst 2012 von mutmaßlich arabischstämmigen Jugendlichen in Berlin-Schöneberg wegen seines Judentums krankenhausreif geschlagen worden. Die Täter wurden nie gefasst.

          Durch den zunehmenden Zuzug von Migranten muslimischen Glaubens in den vergangenen Jahren habe sich die Lage für Juden in Deutschland verschärft, sagte Alter. In vielen der Herkunftsländer sei der Judenhass fast schon Teil einer staatstragenden Ideologie und in mehreren Generationen tief verwurzelt.

          Antisemitismus dürfe aber nicht als singuläres Problem betrachtet werden, sagte der Rabbiner: „Sondern wir sollten eben auch ganz klar benennen, dass er in der Mehrheitsgesellschaft – an den extremen Rändern, aber auch in der Mitte - weit verbreitet ist.“

          Mike Delberg, Mitglied der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin, sieht als eine der Ursachen für den erstarkenden Antisemitismus ein grundsätzliches Bildungsdefizit. „Menschen wissen zu wenig über lebende Juden“, sagte Delberg der „Berliner Zeitung“. In den Schulen gehe es nur um den Holocaust. Von Politik und Gesellschaft forderte Delberg, Worten auch Taten folgen zu lassen. Wenn jetzt alle Berliner Kippa tragen würden, wäre das zwar ein schönes Symbol und in der jetzigen Situation eine Zeichen der Gesellschaft: „Aber was kommt danach? Es gab schon zu viele Solidaritätskundgebungen.“

          Trotzdem ruft die Jüdische Gemeinde Berlin für Mittwoch in der Hauptstadt zu einer Solidaritätsaktion unter dem Motto „Berlin trägt Kippa“ auf. Zu der Kundgebung vor dem Gemeindehaus Fasanenstraße seien alle Berlinerinnen und Berliner eingeladen, kündigten die Gemeinde und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit am Freitag an.

          Unterdessen wurden weitere Einzelheiten zu dem mutmaßlichen Täter bekannt. Der Mann soll am Dienstagabend zwei 21 und 24 Jahre alte Männer im Stadtteil Prenzlauer Berg aus einer dreiköpfigen Gruppe heraus angegriffen haben, weil sie eine Kippa trugen. Auf einem Handyvideo eines der Opfer ist zu sehen, wie einer der mutmaßlichen Täter mit einem Gürtel auf den Filmenden einschlägt und ihn wiederholt als „Yahudi“ (Arabisch für „Jude“) bezeichnet.

          Der laut Polizei 19-Jährige Mann soll ein Palästinenser aus Syrien sein. In einem auf Facebook veröffentlichten Video bestreiten er und ein weiterer Tatverdächtiger antijüdische Motive des Angriffs. „Wir sind nicht feindlich gegenüber Juden. Wir sind keine Antisemiten“, erklären sie in dem am Donnerstag veröffentlichten Video.

          Frankfurter Bürgermeister regt Kippa-Tag an 

          Frankfurts Bürgermeister und Kirchendezernent Uwe Becker (CDU) hat einen Kippa-Tag angeregt. Als „klares Zeichen gegen Antisemitismus und der Solidarität mit den in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden“ sollten alle Männer einen Tag lang in der Öffentlichkeit die jüdische Kopfbedeckung tragen, schlug Becker am Freitag vor. Hintergrund der Aktion „Zeig’ Gesicht und Kippa“ ist der gewalttätige Übergriff auf zwei Kippa tragende Männer am Dienstagabend in Berlin-Prenzlauer Berg.

          „Wenn Jüdinnen und Juden sich nicht trauen, ihren Glauben öffentlich zum Ausdruck zu bringen und sogar auch angegriffen werden, sobald sie dies tun, ist die gesamte Gesellschaft gefordert“, sagte Becker. Antisemitismus sei kein Problem der jüdischen Gemeinschaft alleine, „sondern von uns allen“.

          Dass jüdisches Leben in Deutschland nur „unter dem fortlaufenden Schutz durch Polizei und Sicherheitsmaßnahmen“ möglich sei, zeige, „dass das hohe Gut der Religionsfreiheit für Juden in unserem Land auch 73 Jahre nach Auschwitz nur eingeschränkt gilt, zwar staatlich garantiert doch praktisch limitiert“, monierte Becker. Daran hätten sich schon viele zu selbstverständlich gewöhnt.

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