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Judentum : Was bedeutet jüdisch sein in Deutschland?

  • -Aktualisiert am

Die neue Synagoge in Mainz Bild: Frank Röth

Zwischen Antisemitismus, rechten Annäherungsversuchen und Holocaustgedenken: Die Ethik und Kultur der Juden bleibt in Debatten auf der Strecke. Das ist jedoch fatal. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          „Es muss doch einen Grund geben, dass euch die meisten Länder nicht anerkennen“, sagte mir neulich ein ungefähr 17 Jahre alter Schüler in Norddeutschland, nachdem er mir zuvor erklärt hat, was die Juden in Israel alles falsch machen. Reichlich komisch. Denn erstens stimmt seine Aussage natürlich nicht. Und zweitens lebe ich, auch wenn ich Israel liebe, mit deutschem Pass in den Vereinigen Staaten. Und den ultimativen Friedensplan für den Nahen Osten hatte ich gerade nicht dabei. Stattdessen fragte ich ihn und seine drei Freunde: „Was wisst ihr denn, von den Palästinensern abgesehen, noch so über die Juden?“ Sie hatten den Holocaust durchgenommen. Ausführlich, wie sie sagten. Jüdisches Leben dagegen? Religion? Ethik? Kultur? Fehlanzeige.

          Die Jungen waren schon überrascht, dass Jüdinnen in Jeans rumlaufen. Was allerdings nicht so überraschend ist, denn die Vorstellung, dass für Juden, die ihren Glauben ernst nehmen, schwarze Kittel und lange Bärte obligatorisch sind, hält sich selbst bei Akademikern. Sie sollten mal meine religiöse, Kippa tragende, offen lesbische Rabbinerin in San Francisco kennenlernen. Oder über die deutschen Juden und Jüdinnen lesen, derer die Politiker am neunten November gedenken werden, mit wohlmeinenden Worten, die dennoch immer den Eindruck erwecken, dass auch sie sich mit diesen Menschen und ihrem Leben wenig beschäftigt haben.

          Gunda Trepp

          Als vor beinahe achtzig Jahren die Synagogen in Deutschland brannten, war es nicht nur das unwiderrufliche Zeichen für die jüdischen Bürger, dass die Mehrheitsgesellschaft ihre Religion und Kultur zurückstieß und verachtete. Man machte ihnen unmissverständlich klar, dass man sie selbst nicht wollte. Dass sie auch nach Jahrhunderten, in denen ihre Familien in Deutschland gelebt, es geliebt und ihm gedient hatten, immer noch die ‚Anderen’ waren. Dass Tora und Talmud und jüdische Ethik, dass die Werte, auf die sich in seinem Handeln oft noch der säkularste deutsche Jude berief, dass all das für die Gesellschaft ohne Belang war. Ich muss oft darüber nachdenken in den letzten Monaten. Nicht nur, weil ich gerade eine Biographie über meinen Mann abgeschlossen habe, einen Rabbiner, den diese deutsch-jüdischen Werte prägten, und der sie nach der Schoah in Deutschland vorlebte. Oder weil sich die Pogromnacht bald jährt. Sondern weil Ethik und Kultur der Juden immer noch merkwürdig abwesend sind. Und weil ich das, besonders wenn ich an Begegnungen wie die mit den Jungen denke, für einen schweren Fehler halte.

          Was bleibt von den deutschen Juden? Was weiß man von ihnen, außer dass sie ausgegrenzt, verfolgt und viele von ihnen ermordet wurden? Ist es nicht eine nochmalige Ausgrenzung, sie vor allem deshalb zu erinnern? Und nicht auch, weil sie die Liebe zum Fremdling vorlebten? Und die absolute Fokussierung auf das Leben und auf den moralischen Kompass in diesem Leben? Weil sie für Pluralität und konstruktives Streiten standen? Weil ihr Volk den Menschen die zehn Gebote gab, die religiöse und ethische, weil allgemeingültige Grundlage für Menschenrechte und Gesetze? Oder weil sie Wege fanden, als Minderheit dem Heimatland – und Juden hatten kein Problem damit, ihr Herz und ihr Zuhause am Rhein oder in Berlin, in Schillers Werken und Beethovens Symphonien zu haben und das Heimat zu nennen – diesem Deutschland also zu dienen in jeder Weise und doch ihrem Gott treu zu bleiben?

          Dieses Leben in zwei Kulturen, in der die Philosophie der einen die Gedanken der anderen befruchteten, ermöglichte übrigens ein strikt orthodoxer Rabbiner, Samson Raphael Hirsch, der in recht freier Interpretation eines Briefes des Propheten Jeremia den religiösen Juden nicht nur erlaubte sondern vorgab, ihre nichtjüdischen Nachbarn und ihren Staat genauso zu lieben wie ihre Tora, und der damit auch den Orthodoxen den Weg in die Welt öffnete. Heute würde man das gelungene Integration nennen, die keine Assimilation erfordert.

          Das klingt ziemlich aktuell und ist es auch. Das Judentum hat den Menschen immer noch einiges zu sagen, und die Hebräische Bibel hat bei weitem nicht ausgedient, wie es die geläufige Bezeichnung für sie, ‚altes Testament’, suggeriert. Vielleicht sollte man also, wenn man im November dem Andenken der ermordeten Juden Respekt gezollt hat, sich auch ihrem Leben zuwenden und sie ehren, indem man sich mit ihrer Religion und Ethik beschäftigt. An Schulen, in Medien und in der Politik. Und vielleicht hülfe diese Anerkennung auch den 200.000 Juden, die heute in Deutschland leben und die mit einem erschreckend schnell wachsenden und aggressiven Antisemitismus konfrontiert sind. Demgemäß erscheinen sie in den Medien oft als Opfer oder potentielle Opfer.

          Unbekannte Kultur: Deutsche wissen oft wenig über den jüdischen Alltag.

          Was einerseits unerlässlich ist, denn es wird höchste Zeit, dass man den Judenhass von rechts und links und aus der Mitte ernst nimmt. Doch gleichzeitig ist es, bedenkt man, dass Worte und Sprache beitragen, Wirklichkeit zu schaffen, hochproblematisch. Besonders, wenn Juden in Diskussionen darüber lediglich als Referenzen eingesetzt, oder sollte ich sagen, benutzt werden, um die Interessen von anderen zu untermauern. Die Interessen von Rechten zum Beispiel, auf deren Märschen Juden angegriffen werden, die aber gern Schutzmacht für ihre „jüdischen Mitbürger“ spielen, weil sie wunderbar unterschiedslos alle Muslime angreifen können, wenn sie auf den Antisemitismus hinweisen, der aus dieser Ecke kommt, während sie das rechte Auge zukneifen. Oder von Linken, die andersrum den Judenhass auf der muslimischen Seite ignorieren, weil es ihr Narrativ von Muslimen als die neuen Juden kaputtmacht.

          Und die jüdischen Bürger? Sie stehen mittendrin in diesem Kampf zwischen Mehrheitsgesellschaft, Rechtsextremen und Minderheiten. Und wollen nicht auffallen. Schweigen, wenn sie an der Schule nur gemobbt und nicht geschlagen werden, wischen sich die Spucke aus dem Gesicht, wenn sie ihren Davidstern nicht früh genug unter den Pullover geschoben haben und dem falschen Menschen begegnet sind, empfangen ihre Gemeindezeitung in einem Umschlag, damit niemand sieht, dass da was Jüdisches ins Haus kommt, und denken immer daran, sich die Baseballmütze über die Kippa zu schieben.

          Das kann nicht die neue Normalität des jüdischen Lebens sein, von dessen Wiederkehr nach Deutschland Politiker schwärmen. Es ist ein ziemlich dunkler Zirkel, den dieser Zustand irgendwann kreiert. Wie wäre es also, wenn die Vorsitzenden der drei Regierungsparteien anlässlich des Jahrestages der Novemberpogrome einmal darüber nachdächten, was eigentlich das ,jüdisch‘ in der ,christlich-jüdischen Kultur‘ bedeutet? Mal unbenommen, dass dieser Begriff „geistiger Müll“ ist, wie ihn Michael Wolffsohn nennt. Doch da sich ihre Parteiprogramme nun mal darauf beziehen, wird es nicht Zeit, dass sie ihn mit Leben füllen? Dass Juden und Nichtjuden einen Dialog auf Augenhöhe beginnen? Der voraussetzt, sich für den anderen in seinem ganzen Sein zu interessieren?

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