https://www.faz.net/-gpf-9f38v

Judentum : Was bedeutet jüdisch sein in Deutschland?

  • -Aktualisiert am

Dieses Leben in zwei Kulturen, in der die Philosophie der einen die Gedanken der anderen befruchteten, ermöglichte übrigens ein strikt orthodoxer Rabbiner, Samson Raphael Hirsch, der in recht freier Interpretation eines Briefes des Propheten Jeremia den religiösen Juden nicht nur erlaubte sondern vorgab, ihre nichtjüdischen Nachbarn und ihren Staat genauso zu lieben wie ihre Tora, und der damit auch den Orthodoxen den Weg in die Welt öffnete. Heute würde man das gelungene Integration nennen, die keine Assimilation erfordert.

Das klingt ziemlich aktuell und ist es auch. Das Judentum hat den Menschen immer noch einiges zu sagen, und die Hebräische Bibel hat bei weitem nicht ausgedient, wie es die geläufige Bezeichnung für sie, ‚altes Testament’, suggeriert. Vielleicht sollte man also, wenn man im November dem Andenken der ermordeten Juden Respekt gezollt hat, sich auch ihrem Leben zuwenden und sie ehren, indem man sich mit ihrer Religion und Ethik beschäftigt. An Schulen, in Medien und in der Politik. Und vielleicht hülfe diese Anerkennung auch den 200.000 Juden, die heute in Deutschland leben und die mit einem erschreckend schnell wachsenden und aggressiven Antisemitismus konfrontiert sind. Demgemäß erscheinen sie in den Medien oft als Opfer oder potentielle Opfer.

Unbekannte Kultur: Deutsche wissen oft wenig über den jüdischen Alltag.

Was einerseits unerlässlich ist, denn es wird höchste Zeit, dass man den Judenhass von rechts und links und aus der Mitte ernst nimmt. Doch gleichzeitig ist es, bedenkt man, dass Worte und Sprache beitragen, Wirklichkeit zu schaffen, hochproblematisch. Besonders, wenn Juden in Diskussionen darüber lediglich als Referenzen eingesetzt, oder sollte ich sagen, benutzt werden, um die Interessen von anderen zu untermauern. Die Interessen von Rechten zum Beispiel, auf deren Märschen Juden angegriffen werden, die aber gern Schutzmacht für ihre „jüdischen Mitbürger“ spielen, weil sie wunderbar unterschiedslos alle Muslime angreifen können, wenn sie auf den Antisemitismus hinweisen, der aus dieser Ecke kommt, während sie das rechte Auge zukneifen. Oder von Linken, die andersrum den Judenhass auf der muslimischen Seite ignorieren, weil es ihr Narrativ von Muslimen als die neuen Juden kaputtmacht.

Und die jüdischen Bürger? Sie stehen mittendrin in diesem Kampf zwischen Mehrheitsgesellschaft, Rechtsextremen und Minderheiten. Und wollen nicht auffallen. Schweigen, wenn sie an der Schule nur gemobbt und nicht geschlagen werden, wischen sich die Spucke aus dem Gesicht, wenn sie ihren Davidstern nicht früh genug unter den Pullover geschoben haben und dem falschen Menschen begegnet sind, empfangen ihre Gemeindezeitung in einem Umschlag, damit niemand sieht, dass da was Jüdisches ins Haus kommt, und denken immer daran, sich die Baseballmütze über die Kippa zu schieben.

Das kann nicht die neue Normalität des jüdischen Lebens sein, von dessen Wiederkehr nach Deutschland Politiker schwärmen. Es ist ein ziemlich dunkler Zirkel, den dieser Zustand irgendwann kreiert. Wie wäre es also, wenn die Vorsitzenden der drei Regierungsparteien anlässlich des Jahrestages der Novemberpogrome einmal darüber nachdächten, was eigentlich das ,jüdisch‘ in der ,christlich-jüdischen Kultur‘ bedeutet? Mal unbenommen, dass dieser Begriff „geistiger Müll“ ist, wie ihn Michael Wolffsohn nennt. Doch da sich ihre Parteiprogramme nun mal darauf beziehen, wird es nicht Zeit, dass sie ihn mit Leben füllen? Dass Juden und Nichtjuden einen Dialog auf Augenhöhe beginnen? Der voraussetzt, sich für den anderen in seinem ganzen Sein zu interessieren?

Weitere Themen

„Trump hat keinen Plan“ Video-Seite öffnen

Kampf gegen Coronavirus : „Trump hat keinen Plan“

Die oppositionellen Demokraten im amerikanischen Senat haben die Trump-Regierung scharf angegriffen und ihr Planlosigkeit im Kampf gegen das Coronavirus unterstellt.

Selbstoptimierung statt Gott

Fastenzeit : Selbstoptimierung statt Gott

Das närrische Treiben ist vorbei und die Fastenzeit beginnt. Die kirchliche Tradition gerät dabei inzwischen oftmals in den Hintergrund – es geht um Gesundheit und Selbstoptimierung.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.