https://www.faz.net/-gpf-9q477

Juden in Deutschland : „Kippa tragen auf deutschen Straßen ist gefährlich“

  • -Aktualisiert am

Keine Kippa mehr auf deutschen Straßen? Antisemitische Angriffe würden Juden zurückhaltender machen, sagt Gady Gronich von der Europäischen Rabbinerkonferenz. Bild: Reuters

Bespuckt, beschimpft oder verletzt: In den letzten Wochen gab es mehrere antisemitische Angriffe in Deutschland. Gady Gronich, Generalsekretär der Europäischen Rabbinerkonferenz zeigt sich besorgt – und fordert Prävention an Schulen.

          Herr Gronich, wie reagieren in Deutschland lebende Juden auf die steigende Zahl antisemitischer Angriffe?

          Die Angst nimmt spürbar zu. Juden in Deutschland sind sehr besorgt, denn antisemitische Angriffe werden mehr und mehr zur Normalität. Wenn ein Gläubiger mit Kippa auf die Straße geht, muss er sich immer wieder umdrehen und schauen, ob ihn jemand verfolgt. Wer offen als Jude erkennbar ist, kann plötzlich in Gefahr geraten.

          Ein Problem ist auch, dass die Angriffe Nachahmern Mut machen. Besonders, wenn sie sehen, dass die Strafen nur gering ausfallen. Viele Juden fühlen sich in Deutschland zuhause, doch was ihnen fehlt ist das Gefühl von Sicherheit und die Möglichkeit ihre Religion frei ausüben zu können.

          Inwiefern sind Juden im Alltag eingeschränkt?

          Juden sind bewusst zurückhaltend und werden durch die Angriffe darin bestärkt. Sie zeigen ungerne, welcher Religion sie angehören. Das geht zum Beispiel so weit, dass es manchen Gläubigen unangenehm ist, wenn ihre Nachbarn zufällig eine jüdische Zeitung in ihren Briefkasten sehen. Andere überlegen zwei Mal, ob sie an Feiertagen mit der Familie in die Synagoge gehen. Angst und Unsicherheit sind die Grundstimmung – und das ist traurig, denn wir leben gerne in Deutschland.

          Bedeutet das, dass die Polizei zu wenig für die Sicherheit von Juden unternimmt?

          Nein, im Gegenteil: Im Deutschland versucht die Polizei schon alles zu tun, was sie kann – das ist nicht in allen Ländern so. Viele Gottesdienste werden von der Polizei überwacht, aber natürlich kann die Polizei nicht jeden Juden zum Supermarkt eskortieren. (lacht)

          Wie könnte stattdessen die Lage der Juden verbessert werden?

          Unabhängig von mehr Sicherheit für jüdische Gemeinden, sollte die Regierung mehr in Aufklärung und die Prävention antisemitischer Übergriffe investieren. Die Erinnerungen an die für Juden dunklen Zeiten in Deutschland tragen sich über Generationen fort – es kommt mir so vor, als hätte noch nicht jeder verstanden, dass Juden genauso ganz normale Bürger und in Deutschland zuhause sind.

          Gigantische Vorurteile und überraschend wenig Kenntnisse gibt es zum Beispiel bei der koscheren Schlachtung. Darüber urteilen viele, ohne zu wissen, wie das genau abläuft. Ähnlich ist es bei der Beschneidung. Deswegen wünsche ich mir mehr Aufklärungsarbeit der Medien und in den Schulen. Um das Sicherheitsgefühl deutscher Juden nachhaltig zu stärken, wäre ein Begegnungsprogramm an Schulen sinnvoll.

          Gady Gronich kommt aus Israel und lebt seit 27 Jahren in Deutschland. Seit zwei Jahren ist er Generalsekretär der Europäischen Rabbinerkonferenz.

          Wie könnte so ein Programm an deutschen Schulen aussehen?

          Wichtig ist erstmal die Schüler über Religionsfreiheit aufzuklären. Ich wäre auch dafür, dass der Besuch einer jüdischen Gemeinde für Jugendliche im Alter von zehn bis 15 Jahren verpflichtend ist. Von einem Austausch mit gleichaltrigen Juden würden beide Seiten profitieren. In der Schweiz gibt es solche Initiativen bereits.

          Aber würde man damit auch mögliche Täter erreichen?

          Ich denke schon. Die Angreifer waren meist noch jung und ich könnte mir vorstellen, dass durch einen Austausch viele Vorurteile beseitigt werden.

          Sie leben schon seit 27 Jahren in Deutschland. Wie hat sich die Lage für Juden in dieser Zeit verändert?

          Als Jude habe ich damals wie heute das Gefühl in Deutschland willkommen zu sein. Aber die Stimmung hierzulande hat sich in den vergangenen zehn Jahren mit den Ereignissen in Israel verschlechtert. Gerade mir als Israeli begegnen immer wieder Menschen, die uns deutsche Juden für die Politik in Israel verantwortlich machen. Egal, ob ich für oder gegen die Entscheidungen von Premierminister Netanjahu war, wurde ich als sein Stellvertreter angesehen. Dabei wählen die meisten Israelis, die im Ausland leben, nicht mal, denn Briefwahl ist nicht möglich.

          Weitere Themen

          Einen Juden mieten

          Gegen Antisemitismus : Einen Juden mieten

          Die Initiative „Rent A Jew“ vermittelt jüdische Referenten an öffentliche Einrichtungen. Dadurch sollen Vorurteile abgebaut werden und kultureller Austausch gestärkt werden. Eine Gemeinde in Hessen hat es ausprobiert.

          Topmeldungen

          Künast hat sich bei zahlreichen Gelegenheiten von der früheren Position mancher Grüner distanziert.

          Hass-Posts gegen Renate Künast : Erlaubt ist alles

          „Stück Scheiße“, „Schlampe“, „Drecksau“ – solche und noch krassere Kommentare prasselten auf Renate Künast ein. Das Landgericht Berlin sieht darin keine persönliche Schmähung, sondern nur zulässige Sachkritik.

          „Downton Abbey“ im Kino : Flucht in die heile Adelswelt

          „Downton Abbey“, der Kinofilm, ist das polierte Produkt der Brexit-Jahre: ein nostalgischer Blick auf die Welt des englischen Adels und eine Aufforderung, sich vor der politischen Gegenwart zu verstecken.

          Baden-Württemberg : Grüne mit 38 Prozent auf Rekordhoch

          Winfried Kretschmann will bei der kommenden Landtagswahl wieder als Spitzenkandidat antreten. Bei den Wählern im Südwesten stößt das auf große Zustimmung.
          Retourkutsche: Oliver Bierhoff reagiert auf die Angriffe aus München.

          Torwartdebatte : Bierhoff weist Hoeneß-Kritik zurück

          Der DFB reagiert auf die Angriffe aus München: DFB-Direktor Oliver Bierhoff weist die Kritik von Uli Hoeneß zurück. Der Bayern-Aufsichtsratschef hatte den DFB wegen der Haltung in der Torwartdebatte um Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen kritisiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.