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Johannes zu Eltz im Interview : Für eine neue Sexualmoral und den freiwilligen Zölibat

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Findet klare Worte der katholischen Kirche gegenüber: Frankfurts Stadtdekan Johannes zu Eltz Bild: Wolfgang Eilmes

Die Abschaffung des Pflichtzölibats und ein neuer Umgang mit Homosexualität: Frankfurts Stadtdekan Johannes zu Eltz fordert im Interview umfassende Reformen in der katholischen Kirche.

          3 Min.

          In der katholischen Kirche in Deutschland wird über Reformen diskutiert - insbesondere nach der Missbrauchsstudie und der Debatte um den Frankfurter Jesuitenpater und Hochschulrektor Ansgar Wucherpfennig. Im Interview fordert Frankfurts Stadtdekan Johannes zu Eltz konkrete Konsequenzen. Der 61-jährige Priester ist der höchstrangige Vertreter der katholischen Kirche in der Mainmetropole.

          Herr Dekan, die Ergebnisse der im September von der Bischofskonferenz veröffentlichten Missbrauchsstudie haben die katholische Kirche in Deutschland erschüttert. Welche konkreten Reformen sollte die Kirche nun angehen?

          Erstens: Wir müssen in allem so handeln, dass unsere Priorität für Seelsorge glaubwürdig sichtbar wird. Das heißt, dass die Bischöfe sich von Missbrauchsopfern oder Missbrauchsbetroffenen, die bereit sind, mit ihnen zu sprechen, und von Experten zeigen lassen, wie Opferperspektiven konsequent berücksichtigt werden. Wenn der erste Schritt gemacht ist, fallen vielleicht die nächsten nicht mehr so schwer.

          Welche Schritte wären das?

          Dann könnten sich die Bischöfe von ihren Gläubigen, Mitarbeitern und Klerikern sagen lassen, was die in ihrer überwältigenden Mehrheit für eine in Deutschland angemessene Gestalt der Kirche halten: Weltpriester sollten frei entscheiden dürfen, ob sie den Zölibat wählen oder nicht. Das nächste wäre die Weihe von Diakoninnen und ein ergebnisoffenes Gespräch über weitere Weihestufen. Außerdem eine Neubewertung der Homosexualität anhand von humanwissenschaftlichen und exegetischen Erkenntnissen und ein rascher Aufbau von Gewaltenteilung in der Kirche, ohne dabei die biblisch begründete Vollmacht der Bischöfe zu mindern.

          Sie haben sich für Segensfeiern für homosexuelle Paare ausgesprochen. Muss die katholische Kirche ihre Einstellung zu Homosexualität und Homosexuellen ändern?

          Der Katechismus bewertet die homosexuelle Veranlagung als „ungeordnet“ und verurteilt homosexuelle Akte als in sich schlecht. Das gibt den Betroffenen das Gefühl, dass sie nichts richtig machen können, und treibt sie weg von der Kirche. Weil sie uns dann nicht mehr abnehmen, was unsere Sonntagsrede ist: Dass jeder Mensch von Gott geliebt wird. Die Zurückweisung bewirkt nicht, dass Homosexuelle sich massenweise zur Keuschheit bekehren, und auch nicht, dass sie lautstark aufbegehren, sondern meistens, dass sie zu Tode gekränkt der Kirche den Rücken kehren und ihr Heil woanders suchen.

          Segnet Besucher des Stadtkirchenfests in Frankfurt: Stadtdekan Johannes zu Eltz

          Welche Konsequenzen müssen aus Ihrer Sicht aus dem Fall Wucherpfennig mit Blick auf das Verfahren zur Erteilung der vatikanischen Unbedenklichkeitserklärung („Nihil obstat“) gezogen werden?

          Der Fall Wucherpfennig zeigt, dass es für diese auf Denunziationen aufbauenden Geheimverfahren überhaupt keinen Platz mehr geben kann, weder in Deutschland noch sonst irgendwo auf der Welt. Dieses ganze Unwesen gehört in die Tonne getreten. Das läge nicht zuletzt auch im wohlverstandenen Eigeninteresse Roms. Und auch dabei könnten die deutschen Bischöfe den ersten Schritt machen und die Bewegung anführen. Da wäre ich total stolz auf sie.

          Wird die Kirche eigentlich zunehmend unbedeutend in der modernen Gesellschaft?

          Ich möchte nicht von einem Bedeutungsverlust sprechen. Denn bedeutsam ist die Kirche als Hüterin des Evangeliums per se. Aber die Kirche hat einen gewaltigen Machtverlust erlebt. Sie kann nicht mehr einfach die Menschen etwas tun lassen, was die selber nicht wollen.

          Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

          Etwa die Lehre über Sexual- und Beziehungsmoral. Die ist an vielen Stellen wirklich wertvoll. Aber die Voraussetzungen sind unverständlich geworden. Viele Leute haben gar nicht mehr die Erwartung, dass daran etwas Gutes für sie sein könnte.

          Braucht die katholische Kirche eine Art neuer Reformation?

          Das Amt braucht eine. Damit wir uns am selbstbewussteren und selbstständigeren Auftreten der Gläubigen freuen können. Es gibt immer noch so viel Dünkel, und er wächst auch nach. Oft denke ich: Wir haben ein Kleriker-Problem, ein Amtskirchen-Problem, nicht eigentlich ein Glaubensproblem und auch keines der Gläubigen.

          Hat der „Kommunionstreit“ der Kirche geschadet?

          An sich ist Streit ja nicht verkehrt. Aber man müsste bei den Bischöfen spüren, dass sie einander den Ernst des Ringens um die Wahrheit abnehmen. Sonst kommt so ein bitterer Ton in die Auseinandersetzung.

          Was erleben Sie beim Kommunionempfang für evangelische Christen in der Praxis?

          Ich leite in Frankfurt eine große Pfarrei mit über 20 000 Katholiken. In allen Kirchen der Pfarrei und auch in den Pfarreien, wo ich vorher war, ist die Lage an der Kommunionbank immer dieselbe: Die Gottesdienstbesucher machen, was sie für richtig halten. Wenn sie kommunizieren wollen, dann tun sie es. Ich hoffe und glaube auch, es ist die Sehnsucht nach der Begegnung mit Jesus, die sie bewegt.

          Katholische wie evangelische Christen?

          Ja, ganz unterschiedslos. So treffe ich das an. Ich sage schon manchmal etwas, zum Beispiel bei Erstkommunionfeiern, und weise auf die Möglichkeit hin, sich segnen zu lassen. Aber das Entscheidende ist doch, ob ich denken kann: dass sich beim Kommunionempfang die Christen wegemanzipiert haben von der lehramtlichen Weisung, das ist vielleicht gar nicht verkehrt und unkatholisch, sondern im Gegenteil richtig und evangeliumsgemäß! Die Leute schlagen den gordischen Knoten einfach auseinander.

          Warum tut sich die katholische Kirche dennoch so schwer?

          Vielleicht ist unsere Empathie noch zu schwach. Ich weiß, wie hart evangelische Christen getroffen werden von der Ausladung bei der Kommunion. Sie sind so verletzt! Die Verweigerung des Leibes Christi, zu dem sie kraft der Taufe gehören, ist ein Stich ins Herz. Ich glaube, an dieser Stelle ist es ein Nachteil, dass wir von Rom regiert werden. Wo die Katholiken unter sich sind, da gehen ihnen die Leiden der anderen nicht so unter die Haut. Dann ist es auch nicht schwer, harte Regeln aufzustellen. Manche Bischöfe haben nur spärlich Berührung mit dem Kummer, den sie den Gläubigen bereiten.

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