https://www.faz.net/-gpf-6kc8b

Joachim Poß im Portrait : Parteisoldat ohne Profilierungssucht

  • -Aktualisiert am

Joachim Poß ist der dienstälteste stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD Bild: REUTERS

Joachim Poß stellte sich als disziplinierter Parlamentarier und ausgewiesener Finanzexperte in den Dienst seiner Partei. Darum überrascht es nicht, dass Frank-Walter Steinmeier ihn gebeten hat, die Bundestagsfraktion vorerst zu leiten.

          2 Min.

          Als ehemaliger Wehrdienstverweigerer mag Joachim Poß den Begriff „Parteisoldat“ nicht. Es ist, subtrahiert man die militärische Komponente, gleichwohl eine treffende Bezeichnung für den Sozialdemokraten, der sich die vergangenen Jahrzehnte als ein disziplinierter Parlamentarier und ausgewiesener Finanzexperte ohne große Profilierungssucht in den Dienst seiner Partei gestellt hat. Dass Frank-Walter Steinmeier, der nun einige Wochen in Berlin ausfällt, weil er seiner lebensgefährlich erkrankten Frau eine Niere spendet, den 61 Jahre alten Westfalen gebeten hat, die Bundestagsfraktion vorübergehend zu leiten, überrascht nicht: Poß ist der dienstälteste stellvertretende Fraktionsvorsitzende, und er hat zudem, anders als sein Stellvertreterkollege Olaf Scholz, nie Ambitionen erkennen lassen, die mit denen Steinmeiers kollidierten.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Poß gehört einer Generation in der SPD an, die in den späten sechziger Jahren politisch sozialisiert wurde und sich von Willy Brandt angezogen fühlte. Das Elternhaus – die Mutter katholisch, der aus Ostpreußen stammende Vater protestantisch – prägten den späteren Messdiener eher kulturell als politisch. 1968 war er Kreisvorsitzender der Jungsozialisten in Gelsenkirchen, sogar ein bisschen rebellisch, wenngleich ihm, dem Realschüler und späteren Stadtinspektor eine neo-marxistische Lebensphase erspart blieb. Seine Juso-Tätigkeit störte gleichwohl die Altvorderen in der Stadtverwaltung, so dass Poß in den siebziger Jahren als Geschäftsführer zu den „Falken“, der SPD-nahen sozialistischen Jugend, wechselte. Die politische Karriere begann in der Kommunalpolitik, 1980 zog er erstmals in den Bundestag ein.

          Poß war für Steinbrück in der Finanzkrise ein wichtiger Rückhalt

          Seit mehr als zwanzig Jahren befasst er sich mit der Finanzpolitik, von 1988 an als Obmann im Finanzausschuss, dann von 1999 an als Nachfolger Ingrid Matthäus-Maiers in der Funktion des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden. Poß hat unter dem Finanzminister Eichel wesentlich mit an der rot-grünen Steuerreform gearbeitet und war dessen Nachfolger Peer Steinbrück in der Finanzkrise ein wichtiger parlamentarischer Rückhalt. Zurzeit arbeitet er an einem neuen Steuerkonzept für seine Partei, die auch finanzpolitisch wieder in der Opposition ankommen will.

          Zurzeit kursieren unterschiedliche, zum Teil konfligierende Reformentwürfe mit wesentlich höheren Spitzensteuersätzen, aber auch Überlegungen, die Vermögensbesteuerung wieder stärker sozialdemokratisch auszurichten. Sein Problem ist, dass der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel noch nicht so recht zu erkennen gibt, was er finanzpolitisch will und wie konkret der Parteitag sich mit der Steuerpolitik befassen soll. Poß, der sich als „Zentrist“ bezeichnet, verfügt über einen realistischen Ehrgeiz. Er wird wissen, dass sich die Partei bis 2013, wenn er 65 Jahre sein wird, daran machen muss, neue Finanzexperten aufzubauen.

          Poß ist seit 30 Jahren in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei Söhne und eine Tochter. Wenn er einmal nicht über Steuerkonzepten grübelt, joggt er oder liest Bücher. Bis zum Oktober wird er auf seine Hobbys verzichten müssen.

          Weitere Themen

          Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager Video-Seite öffnen

          AfD-Parteitag : Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager

          Auf dem AfD-Bundesparteitag hat Parteichef Jörg Meuthen einen Frontalangriff auf das rechte Lager gestartet. In seiner Rede in Kalkar kritisierte er eine zunehmend radikale Wortwahl und warnte vor der Nähe zur Querdenken-Bewegung.

          Topmeldungen

          Eine Maskenpflicht für Schülerinnen und Schüler ist umstritten.

          Schutz der Schulen : Die Kultusminister bleiben untätig

          Die Kultusminister benutzen das Recht auf Bildung, um ihre Untätigkeit beim Schutz der Schulen zu verdecken. Empfehlungen werden ignoriert, und Investitionen fallen im Vergleich zu anderen Ländern gering aus.
          Indische Bauern demonstrieren an diesem Wochenende gegen ein neues Gesetz.

          Angst vor Armut : Aufstand der indischen Bauern

          Die Wirtschaft schrumpft, die Landbevölkerung begehrt auf: Indiens Ministerpräsident Modi überfordert die Armen mit seiner Coronapolitik - und mit der Reform des Agrarsektors.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.