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Joachim Gauck : Das Land des Predigers

Sehnsucht Ostsee: Heiligendamm, 1988 Bild: Siegfried Wittenburg

In Mecklenburg hat Joachim Gauck seine ersten 50 Jahre verbracht. Er hat eine Gemeinde aufgebaut, gepredigt und bei der Revolution das Wort geführt. Manche dort schwärmen bis heute von ihm. Für andere ist Gauck nicht ihr Kandidat. Eine Spurensuche. 

          8 Min.

          Aus dem Kassettenrekorder auf dem Holztisch im Wohnzimmer dröhnt die Stimme von Joachim Gauck. Tief und langsam spricht er: „Weggefährtinnen, Begleiter, Suchende. Gemeinsam unterwegs, das ist das Thema unseres Gottesdienstes, und es ist eine Stunde des Sich- erinnerns.“ Pause. „Und sich erinnern heißt für uns: Benennen und bekennen, was uns überleben ließ.“ Eine Predigt vom Herbst 1990 in der Rostocker Marienkirche, ein Jahr nach der Revolution. Johann-Georg Jäger hatte die Kassette noch irgendwo zwischen seinen vielen Büchern in den Holzregalen seiner Rostocker Altbauwohnung vermutet, und schließlich fand sie seine Frau dann, unbeschriftet in einer Plastikhülle. Nun, da er die Stimme des Pastors hört, die Stimme von Jochen, wie er ihn nennt, da kann Jäger seine Rührung kaum verbergen.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Er hatte damals geholfen, die Andachten vorzubereiten. Er hat Flyer mit Wachsmatrizen gedruckt und verteilt. Er hat auch Fotos von sich selbst, wie er in der Marienkirche spricht. Spätherbst 1989, noch war sein Haar etwas voller. Jäger war Student, ein Mann der Tat. Gauck war Pastor, ein Mann des Wortes. „Von hier aus gingen wir los auf unsere unebenen Rostocker Straßen. Auszug auf eine Wanderschaft . . . Zunächst gingen wir auf die Straße – endlich, da ging es los – mit der Freiheit“, spricht Gauck. Applaus in der Kirche. Jäger steht vom Tisch auf und wendet sich ab. Seine Frau wischt sich Tränen aus dem Gesicht.

          Auszug auf eine Wanderschaft: Rostock, 8. Februar 1990
          Auszug auf eine Wanderschaft: Rostock, 8. Februar 1990 : Bild: Siegfried Wittenburg
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          Das Beste am Rostocker Stadtteil Evershagen ist wohl, dass es von hier aus nur noch vier S-Bahn-Stationen bis zum Strand von Warnemünde sind. In Rostock ist der nächste Bundespräsident aufgewachsen, in der Hansestadt hat er Theologie studiert und von 1971 an als Pastor in Evershagen gearbeitet. Als er dort ankam, wurden manche Plattenbaublöcke noch in die matschige Erde gestampft. Es war kahl und zugig, und es gab kaum gute Gründe, in Evershagen zu wohnen, außer den Wohnungen selbst, die es sonst nirgends gab – zumal nicht mit Fernwärme und Bad. Gauck beschrieb die wachsenden Neubaugebiete als Mondlandschaften. Man brauchte hier Gummistiefel, um durch den Modder zu waten. Als Gauck nach Evershagen zog – dreieinhalb Zimmer, 85 Quadratmeter –, da gab es keine Gemeinde. Also ging Gauck von Tür zu Tür und sagte: „Ich möchte Sie besuchen, wenn Sie evangelisch sind.“ Für die Kirche werben durfte er nicht. „Es war die Entsendung in ein Missionsland“, schreibt Gauck in seinen Erinnerungen. In diesem Missionsland fanden auch Rosemarie Albrecht und Erika Abraham zu ihm. Beide sind heute in ihren Siebzigern, zogen einst der Wohnungen wegen nach Evershagen und schwärmen noch immer von ihrem Pastor Gauck. Dem Redner, der genau gewusst habe, zu wem er predigte. Der hörte, verstand und ansprach. Gauck selbst beschrieb seine ersten Predigten als Vikar als „zu akademisch“. Lob habe er erhalten, als er einmal einen Teil der Predigt habe frei halten müssen. Er hat daraus gelernt. Die beiden Frauen erinnern sich an einen Pastor mit der Gabe, frei reden zu können.

          Langsam wuchs die Gemeinde. Eine Kirche gab es in Evershagen nicht, also zog man zum Gottesdienst in ein anderes Viertel. Das Gemeindeleben fand ansonsten in den Wohnungen in den Plattenbauten statt. Hauskreise und Christenlehre. Die Gemeinde sei ein Rückzugsraum gewesen, sagt Rosemarie Albrecht. Ein Platz, an dem man freier reden konnte. Es blieben aber Ängste. Gauck kümmerte sich um die Junge Gemeinde, und zu dieser gehörte der Sohn von Erika Abraham. Man sprach über Bücher, über die sonst wenig gesprochen wurde, erinnert sie sich. Man sprach auch über Themen, für die das galt. Die Friedensbewegung in der DDR zum Beispiel. Erika Abraham sagt, sie sei skeptisch gewesen. Sie hatte Angst um ihren Sohn. Angst, dass er seiner Zukunft schaden könnte, wenn er auch außerhalb der Gemeinde so offen sprach. „Er sollte doch sein Abitur machen, dann hätte er immer noch in die Opposition gehen können.“ Ihr Sohn war auch Pionier und in der FDJ. Hier Leben für die Gemeinde, da ein Leben für den Staat. Dann verweigerte er die Wehrausbildung und trug „Schwerter zu Pflugscharen“-Aufnäher. Er wurde in der Schule bedrängt. Nach der zehnten Klasse musste er eine Lehre antreten.

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