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Joachim Gauck : Das Land des Predigers

Matthias Wilpert führt die Gemeinde, die Gauck einst aufbaute. Als die Mauer fiel, lebten in Evershagen mehr als 22.000 Menschen, der Universitätsprofessor neben dem Hafenarbeiter. Heute sind es 16.000 – der Professor hat längst ein Haus oder wohnt in einem der sanierten Altbauten in der Innenstadt. Der evangelischen Gemeinde gehörten etwa 4000 Mitglieder an. Heute sind es 1230. Vor allem die jungen und aktiven Mitglieder sind gegangen. „Das hat die Gemeinde sehr verändert“, sagt Wilpert. Am Sonntag zuvor waren etwa zwanzig Menschen beim Gottesdienst gewesen. Kaum jemand war nicht im Rentenalter. Geschrumpft sind die Gemeinden in den neunziger Jahren auch in anderen Stadtteilen. Manche Mitglieder traten wegen der Kirchensteuer aus – in der DDR hatte der Staat sie nicht erhoben. Aus einer einst an den Rand gedrängten Minderheit wurde so eine akzeptierte schrumpfende Minderheit. Für eine eigene evangelische Kirche in Evershagen sei, so sagt es Wilpert, „der Zug wohl abgefahren“.

Wilpert kannte Gauck, lange bevor er nach Evershagen kam. Er lernte ihn als Redner kennen. Es war der Kirchentag 1988 in Rostock. Abschlusskundgebung in einem Park am Rande der Stadt. 40.000 Menschen sollen dagewesen sein. „Eine beeindruckende Rede“, erinnert sich Wilpert. Gauck sprach den Satz: „Wir werden bleiben wollen, wenn wir gehen dürfen.“ Damit schaffte er es ins Westfernsehen. In Rostock war er ohnehin schon längst aufgefallen. Bereits im Frühjahr 1983 hatte die Stasi den operativen Vorgang „Larve“ eröffnet. Informelle Mitarbeiter berichteten fortan auch aus der Nähe des „unbelehrbaren Antikommunisten“ Gauck.

Späte Revolution: Rostock, 4. November 1989
Späte Revolution: Rostock, 4. November 1989 : Bild: Siegfried Wittenburg
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Die Rostocker waren spät dran mit der Revolution. Es war schon Anfang Oktober 1989, als Aktivisten wie Johann-Georg Jäger die ersten Andachten organisierten. Anfangs noch in einer kleineren Kirche. Das Neue Forum in Rostock wurde gegründet – ebenfalls im Schutz einer Kirche. Die Bewegung organisierte sich. Joachim Gauck war noch nicht dabei. Dietlind Glüer schon. Sie war Gemeindepädagogin und kannte viele in der Hansestadt, sie hatte ein Telefon. Ein Weggefährte von ihr sagt, sie war die „Mutter der Revolution“ in Rostock. Dietlind Glüer lächelt darüber nur milde. Sie kann berichten von dem Chaos dieser Tage im Oktober. Von Basisgruppen und Andachtsvorbereitungen. Damals, als die Angst noch nicht verschwunden war vor einer „chinesischen Lösung“. Die Angst vor der Gewalt des Staates.

Es kamen bald so viele Menschen zu den Andachten, dass man in die große Marienkirche umzog. Ein Prediger wurde gesucht. Dietlind Glüer fragte Gauck. Den ehemaligen Stadtjugendpfarrer, den Organisator der Kirchentage. Den Mann mit dem „unglaublichen Selbstvertrauen“. Und eben: Den „begnadeten Redner“. Sie sagte also zu ihm: „Ich finde, Jochen, du musst hier jetzt das Wort ergreifen.“ Er sei gerührt gewesen und habe nicht „lange gefackelt“. „Wir waren froh, dass wir solch einen Menschen hatten“, sagt Dietlind Glüer. Gauck half der Bewegung, ließ das Neue Forum einen Briefkasten bei sich aufhängen – Nathan Frank stand darauf, N und F wie Neues Forum – und seinen Kopierer benutzen, es gab in den Rostocker Gemeinden überhaupt nur zwei. Am 19. Oktober hielt Joachim Gauck seine erste Andacht in der Marienkirche. Er sprach: „Wir wollen Recht Recht und Unrecht Unrecht nennen.“ Es folgten die Märsche auf Rostocks Straßen. In immer mehr Rostocker Kirchen wurden gleichzeitig die Predigten aus der Marienkirche von anderen Pastoren abgelesen, damit immer mehr Menschen sie hören konnten. Die Mauer fiel. Die Rostocker Stasi-Zentrale wurde besetzt. Gauck trat im Fernsehen auf. Er wurde das Gesicht der Bewegung und Kandidat für die Volkskammerwahl. Er forderte die Einheit, als manche Aktivisten noch Schreckensbilder vom Westen mit sich trugen. Der Boden für seine Karriere im wiedervereinten Deutschland war bereitet. Dietlind Glüer erinnert sich, wie er handschriftlich seinen Wahlkampfslogan für die Volkskammerwahl auf den Plakatentwurf schrieb. Es war nur ein Wort: „Freiheit“.

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