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Gauck besucht Flüchtlinge : „Total glücklich über Deutschland“

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Freude und Sorgen, über alles soll geredet werden: Joachim Gauck am Donnerstag in Bergisch Gladbach Bild: Marcus Kaufhold

Bundespräsident Joachim Gauck besucht Flüchtlingsunterkünfte und Helfer in Bergisch Gladbach. Er spricht von seiner Freude über die Solidarität – und über die Notwendigkeit, offen mit Sorgen umzugehen.

          Bundespräsident Joachim Gauck braucht am Donnerstag im Bürgerhaus „Bergischer Löwe“ nur ein Paar Sätze, bis er bei seiner Kernbotschaft des Tages ist. Eindringlich wirbt er dafür, in der Flüchtlingsdebatte offen über die Befürchtungen und Sorgen der Bürger zu sprechen. Nach einem Besuch in zwei Flüchtlingsunterkünften in Bergisch Gladbach sagt der Bundespräsident vor 400 ehrenamtlichen und städtischen Helfern, in einer Zeit von Herausforderungen gehörten Debatten und Kontroversen dazu. „Aber sie gehören in die Mitte der Gesellschaft.“ Es gelte beides zu tun: solidarisch zu handeln sowie gleichzeitig eine Problemanalyse zu betreiben und Sorgen zu benennen. „Wenn wir aufhören die Probleme zu besprechen, die unsere Bürger betreffen, dann werden am rechten Rand genug Verführer und Nutznießer sein, die sich dieser Probleme bemächtigen und so tun, als wären sie die einzigen, die darüber sprechen.“

          Ein Appell, „das Maul aufzumachen“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Zugleich appelliert Gauck an die Bürger, ihre Befürchten nicht für sich zu behalten, sondern „das Maul aufzumachen“. Ängste seien allerdings etwas anderes als eine Problemlösung. Der Bundespräsident warnt vor einer „Angstkultur“. Horrorszenarien, Stereotype hätten gemeinsam, dass sie uns suggerierten, wir seien nicht im Stande, den Herausforderungen zu entsprechen. „Aber: Wir sind die, die wir geworden sind. Wir sind aus einer Nation, die zutiefst darniederlag, moralisch diskreditiert war, zu einer Nation geworden, die sich selbst etwas zutraut. Wir sind die, die sich etwas zutrauen. In dem wir uns das bewusst machen, fürchten wir uns auch nicht mehr vor Problemdebatte in der Mitte unserer Gesellschaft.“

          Er sei „total glücklich“, dass Deutschland „sich erkennt in seinen Potentialen, in seiner Fähigkeit nicht wegzuschauen, sondern hinzusehen und helfen zu wollen – wunderbar.“ Das habe er so nicht erwartet, sagt der Bundespräsident. „So wie Sportler, die Hochleistung bringen oder Musiker, die wunderbare Werke schaffen, so erkennen wir uns oft erst dann, wenn wir an die Grenzen des uns Möglichen gehen. Wenn wir in uns Fähigkeiten entdecken, von denen wir nicht geglaubt hätten, dass wir sie haben.“

          Sorge schleicht sich ein ins Wunderbare

          Er sei nach Bergisch Gladbach gekommen, weil er einmal „exemplarisch in der Nähe von gelösten und ungelösten Problemen“ sein wollte. „Wir alle in Deutschland wissen, wir stehen vor großen Herausforderungen.“ Tatsächlich haben Mitarbeiter der Kommune, der Hilfsorganisationen und ehrenamtliche Helfer wie auch in Bergisch Gladbach derzeit alle Hände voll damit zu tun, die wachsende Zahl von Flüchtlingen unterbringen. Mittlerweile sind es mehr als 1500, die in einem ehemaligen Verlagsgebäude, vier Turnhallen und einer vom Deutschen Roten Kreuz betriebenen Zeltstadt neben einer Grundschule leben.

          Bergisch Gladbach steht ebenso exemplarisch für die noch immer große Hilfsbereitschaft in Deutschland wie auch für die Härten und Nöte, die sich aus der Flüchtlingskrise ergeben. Es ist in Bergisch Gladbach genau so, wie es der Bundespräsident beim Festakt zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit sagte: Ein „ganz neues, ganz wunderbares Netzwerk zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, Zivilgesellschaft und Staat“ ist entstanden, Außerordentliches wird geleistet. Und auch in Bergisch Gladbach lässt sich erspüren, wie sich die Sorge einschleicht, „wie das menschliche Bedürfnis, Bedrängten zu helfen, von der Angst vor der Größe der Aufgabe begleitet wird.“

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