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Neuer Vorsitzender der Julis : „Wir sind keine Bonzenpartei“

„Wir haben uns von unserer liberalen Botschaft ablenken lassen. Das war ein Fehler“, sagt Jens Teutrine, neuer Vorsitzender der Jungen Liberalen, über die FDP. Bild: privat

Jens Teutrine entspricht nicht dem FDP-Klischee. Als Kind ging er auf eine Förderschule, seine Mutter war alleinerziehend. Jetzt ist er neuer Vorsitzender der Jungen Liberalen. Wohin will er den Nachwuchsverband führen?

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          Der 5. Februar war für Jens Teutrine ein schwarzer Tag. Der Jungpolitiker stand gerade kurz davor, seine Kandidatur für den Bundesvorsitz der Jungen Liberalen zu verkünden. Ria Schröder, die den Nachwuchsverband der FDP bis zuletzt mehr als zwei Jahre lang angeführt hatte, wollte sich aus persönlichen Gründen nicht wieder zur Wahl stellen. Teutrine wollte ihr Nachfolger werden. Dann aber ging die Nachricht um von der Wahl seines Parteikollegen Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten Thüringens mithilfe der AfD. Und Teutrine fragte sich: „Was passiert da?“

          Tim Niendorf
          Politikredakteur.

          Der Sechsundzwanzigjährige stellte seine Kandidatur also noch einmal zurück und ging in sich. Es wäre einfach ein unpassender Moment gewesen. Die Causa Kemmerich nennt er ein „Fiasko“. Erst am Tag der Hamburg-Wahl machte er seine Kandidatur dann in den sozialen Netzwerken bekannt. Am Samstag wurde er nun mit 91 Prozent der Stimmen auf dem Bundeskongress in Bielefeld zum Vorsitzenden gewählt.

          Seinen Weg zu den Jungen Liberalen fand er schon als Jugendlicher. Mit 16 Jahren trat er, begeistert von den Reden des damaligen Parteivorsitzenden Guido Westerwelle, dem Nachwuchsverband bei. Das war 2009, während des Bundestagswahlkampfs. Das Ergebnis und die Folgen sind bekannt: Die FDP ging eine Koalition mit der Union ein – und schied vier Jahre später krachend aus dem Bundestag aus.

          Was zählen soll, ist Fleiß

          „Ich habe den Abstieg und Aufstieg der FDP miterlebt“, sagt Teutrine. In den ersten Jahren engagierte er sich im Orts- und Kreisvorstand der Julis. Mit 18, 19 wurden dann kurzzeitig andere Dinge wichtig: Familie, Freunde, Abitur und Partys. Als die FDP 2013 in die außerparlamentarische Opposition ging, war Teutrines Ehrgeiz aber wieder geweckt. Das sei so ein „Jetzt-erst-recht“-Moment gewesen. Er engagierte sich in der Liberalen Hochschulgruppe der Universität Bielefeld, wo er Philosophie und Sozialwissenschaften studiert, und war zuletzt Vorsitzender des Juli-Landesverbandes in Nordrhein-Westfalen.

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          Dem FDP-Klischee einer elitären Partei widerspricht Teutrine. Solche Vorurteile sind seine Sache nicht. Aufgewachsen ist er im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück. Seine Mutter, sagt er, habe seine Schwester und ihn allein aufgezogen. Für den Lebensunterhalt ging sie putzen. „Meiner Mutter war immer klar: Damit ich es mal besser habe als sie, brauche ich eine gute Bildung“, sagt er. Als Teutrine eingeschult wurde, ging er zunächst auf eine Förderschule. Er hatte eine Sprachbehinderung. „Solche Geschichten findet man bei uns Jungen Liberalen zuhauf“, sagt er. „Wir sind keine Bonzenpartei.“ Worauf es ankomme, sei eine Gesellschaft, in der alle ihre Chance bekämen. „Nicht die Herkunft, das Geschlecht, die Religion oder der soziale Hintergrund sollen über Chancen im Leben entscheiden, sondern Charakter, Leistung und Fleiß. Diese liberalen Gerechtigkeitsideen haben mich inspiriert.“

          Mit Bildungsthemen könnte Teutrine künftig versuchen, ein Gegengewicht zur Mutterpartei herzustellen. Denn die setzt mit Blick auf die Bundestagswahl im nächsten Jahr zunehmend auf Wirtschaftsthemen. Das zeigt die Nominierung Volker Wissings zum neuen Generalsekretär der FDP und die Degradierung Linda Teutebergs. Der Personalwechsel zeigt auch: Die FDP wird nervös. In den Umfragen steht sie nur noch knapp über der Fünfprozenthürde. Ihr droht nach 2013 ein abermaliger Niedergang.

          Das sieht Teutrine zwar anders, aber er spricht offen Fehler an, die seine Partei aus seiner Sicht nach dem Wiedereinzug in den Bundestag gemacht hat. Er nennt den Fall Thüringen, bestimmte Äußerungen in Richtung Fridays for Future und Personaldebatten: „Wir haben uns von unserer liberalen Botschaft ablenken lassen“, sagt er. „Das war ein Fehler.“ Und dann spreche noch der aktuelle Zeitgeist während der Pandemie den liberalen Vorstellungen entgegen, was alles verkompliziere.

          Schon auf dem Juli-Bundeskongress 2018, gerade mal ein Jahr nach dem Wiedereinzug der FDP in den Bundestag, hatte er Defizite benannt. Es fehle ein gemeinsames Ziel, sagte er damals.

          Hat die FDP aus Thüringen gelernt?

          Zu Beginn dieses Jahres war er dann recht optimistisch, dass seine Partei wieder auf die richtigen Themen setzt. Auch wenn das Gerede um die „neue Arbeiterpartei“ aus seiner Sicht von außen herangetragen wurde. Das Aufstiegsversprechen, das ihn zu den Liberalen führte, habe endlich wieder im Zentrum gestanden. Dann aber kam das selbstverschuldete politische Beben in Thüringen.

          Ob die FDP aus Thüringen gelernt habe? Teutrine schweigt. „Die Partei ja“, sagt er schließlich. Und wer nicht? Er schweigt wieder. Dann: „Ob Thomas Kemmerich daraus gelernt hat – da bin ich mir leider überhaupt nicht sicher. Ich habe zu ihm keinen persönlichen Kontakt. Aber ich glaube, dass die Partei nun verstanden hat, dass man sich nicht von der AfD vorführen lassen sollte. Es schwächt die demokratischen Institutionen, wenn man sich zum Spielball von Höcke und Co. machen lässt.“

          Vorgängerin verbindet Abschied mit Mahnung

          Teutrine hofft, dass nun endlich wieder andere Themen  vorangebracht werden können. Zum Beispiel Forderungen nach einem elternunabhängigen Bafög und nach einer Absenkung des Wahlalters.

          Dass nach der Nominierung Wissings zum Generalsekretär nun auch bei den Jungen Liberalen mit Teutrine eine weitere Spitzenposition mit einem Mann besetzt ist, könnte jedoch nach außen hin das Klischee einer Männerpartei bedienen. Teutrines Vorgängerin Ria Schröder, die erste Juli-Vorsitzende seit 25 Jahren, verband ihren Abschied mit einer Mahnung: Die FDP müsse sich mehr für Frauen in der Partei einsetzen. „Ich wünsche mir auch, dass es nicht wieder 25 Jahre dauert, bis eine Frau an der Spitze der Jungen Liberalen steht.“

          Teutrine sagt, er wolle der Geschlechterfrage nicht ausweichen. „Es ist wichtig, dass unsere Partei vielfältig ist.“ Vielfalt ergebe sich aber nicht nur aus dem Geschlecht. Auch das Alter und der soziale Hintergrund spielten eine Rolle. „Mich nur auf mein Geschlecht zu reduzieren, wäre eine oberflächliche Sichtweise.“ Sein sozialer Hintergrund etwa trage mit zur Vielfalt der Liberalen bei. Und seine Ambitionen gehen über den Vorsitz der Julis hinaus. Im nächsten Jahr will er für den Bundestag kandidieren, ungeachtet der schlechten Umfragewerte seiner Partei.

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