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Jens Spahn zu Corona : Der Kampf um die Intensivbetten beginnt

Jens Spahn mit den Wissenschaftlern Christian Drosten und Lothar Wieler in Berlin Bild: dpa

Im Kampf gegen das Coronavirus appelliert Gesundheitsminister Jens Spahn an die Eigenverantwortung der Bürger. Entscheidend sei vor allem die Ausbreitung zu verlangsamen.

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          Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens durch das Coronavirus werden nicht nur wenige Wochen, sondern mehrere Monate dauern. Darauf hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die deutsche Bevölkerung vorbereitet. Deren Verunsicherung ist durch den raschen Anstieg der Infizierten in Deutschland auf 1100 erheblich gewachsen. Die unter Zwanzigjährigen hätten alle sehr milde Symptome, gefährdet seien nach wie vor die über Fünfundsechzigjährigen und Menschen mit Vorerkrankungen. Auch Bundeskanzlerin Merkel rechnet mit einer weiteren Ausbreitung und hält den „Faktor Zeit“ für den wichtigsten. Die Ausbreitung zu verlangsamen, um Intensivbetten verfügbar und das Gesundheitssystem stabil zu halten, hält auch Spahn für entscheidend. An der Verlangsamung müsse sich die gesamte Gesellschaft beteiligen.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          An die Bürger appellierte Spahn, ihren Alltag an die Lage anzupassen und verantwortungsbewusst zu handeln. „Es ist sicher leichter, auf ein Konzert, einen Klubbesuch, ein Fußballspiel zu verzichten als auf den täglichen Weg zur Arbeit“, sagte Spahn und ergänzte: „Das meine ich sehr ernst: Auf diese Abstufung kommt es die nächsten Wochen und Monate an“. Spahn appellierte an die Eigenverantwortung des einzelnen, Infektionsrisiken zu minimieren und die Kontakte zu anderen zu reduzieren. Bürger über 60 Jahre sollten sich gegen Pneumokokken impfen lassen. Bürger in größeren Städten könnten öfter zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren, als den öffentlichen Personennahverkehr zu nutzen. Schulen und Kitas sollten nicht grundsätzlich geschlossen werden, damit Eltern weiter zur Arbeit gehen können.

          Ältere Bürger sollten sich gegen Pneumokokken impfen lassen

          An die Veranstalter appellierte Spahn, alle Großversammlungen mit mehr als tausend Teilnehmern abzusagen. Im Blick auf den CDU-Parteitag am 25. April befindet sich die CDU in engem Austausch mit den lokalen Behörden, die das Recht haben, zu entscheiden. Das Infektionsschutzgesetz billigt dem Bund keine Kompetenzen für die Absage von Veranstaltungen zu. In Paragraf 28 der Regelung heißt es vielmehr, die „zuständige Behörde“ könne „Veranstaltungen oder sonstige Ansammlungen einer größeren Anzahl von Menschen beschränken oder verbieten“. Die zuständige Behörde ist in der Regel das örtliche Gesundheitsamt. Bundestagssitzungen seien für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens und der öffentlichen Ordnung ungleich wichtiger als eine Messe, deshalb müssten diese Institutionen funktionsfähig bleiben, sagte Spahn.

          In vier von fünf Fällen verlaufe die Krankheit mild

          Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar H. Wieler, sprach von einer ernsten Lage und bezifferte die Anzahl der Infizierten in Deutschland inzwischen mit 1112. Ungewiss sei, wie viele sich noch ansteckten. In vier von fünf Fällen verlaufe die Krankheit mild, es werde jedoch auch in Deutschland Todesfälle geben. „Wir müssen alles daransetzen, Risikopatienten zu schützen“, sagte Wieler. Deshalb dürften schwere Fälle nicht gleichzeitig auftreten. Insgesamt haben sich inzwischen auf der Welt weit mehr als 100.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert, die Dunkelziffer liegt allerdings erheblich höher. Der Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin, Christian Drosten, rechnet angesichts einer neuen epidemiologischen Studie damit, dass es zu einer Epidemiewelle in Deutschland kommt. „Es ist eine absolut ernste Situation, wir haben nicht so viel Zeit, uns darauf vorzubereiten“, sagte Drosten. Aus wissenschaftlicher Perspektive sei mit einer Verdopplung der Infizierten im Wochentakt zu rechnen. Deutschland habe allerdings einen deutlichen Vorsprung durch viele niedergelassene Labore mit enormem technischen Standard, so Drosten.

          „Wir können leider keine Wunder erwarten.“

          Zweifellos wäre alles einfacher, wenn es ein Medikament oder eine Impfung gegen das Coronavirus gäbe. Die meisten Infizierten haben nur leichte Erkältungssymptome mit Frösteln und Halsschmerzen, die binnen weniger Tagen verschwinden, oder gar keine Symptome. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), deren Ministerium für die Forschung zum Coronavirus zuständig ist, warnte vor allzu großen Erwartungen an rasche Gegenmittel. „Wir können leider keine Wunder erwarten.“ Ihr Haus will Forscher in die Lage versetzen, das Virus noch besser zu verstehen. Es gehe darum, Medikamente für die Behandlung von Erkrankten zu entwickeln und die Entwicklung eines Impfstoffs voranzutreiben. Am vergangenen Dienstag hat das Bundesbildungsministerium (BMBF) einen Förderaufruf von über zehn Millionen Euro veröffentlicht, um die Virologie in Deutschland zu unterstützen. Forscher können auf diese Weise zusätzliche Mittel beantragen, die Eigenschaften des Virus weiter zu entschlüsseln.

          Das BMBF ist Gründungsmitglied der privat-öffentlichen Impfstoff-Initiative CEPI der internationalen Staatengemeinschaft und fördert sie seit 2017 mit insgesamt 90 Millionen Euro. Unter dem Dach der CEPI wird jetzt die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus vorangetrieben. Karliczek hat sich dafür eingesetzt, weitere 145 Millionen Euro aus Bundesmitteln als Sofortmaßnahme für die Forschung zum Coronavirus bereitzustellen. Die Forschung müsse nicht nur genügend Zeit, sondern auch genügend Geld zur Verfügung haben, um den Kampf gegen das Virus zu gewinnen. Sie rechnet damit, dass der Haushaltsausschuss des Bundestags bereits am Mittwoch die Gelder bewilligt. Mit Geisterspielen im Fußball ist ebenso zu rechnen wie mit der Absage von Konzerten und anderen Veranstaltungen. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat mögliche Spiele der Fußball-Bundesliga ohne Publikum in der Corona-Krise als vertretbaren Schritt bezeichnet. „Wir müssen Großveranstaltungen anders in den Blick nehmen“, sagte Kramp-Karrenbauer.

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