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Jens Spahn im Gespräch : „Das sind keine Patienten!“

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Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn Bild: Gyarmaty, Jens

Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn spricht im F.A.S.-Interview über das Thema Demenz, die Gesundheitspläne der großen Koalition und die Homo-Ehe.

          5 Min.

          Wissen Sie, wie es ist, alte Menschen zu pflegen, Herr Spahn?

          Ja, das weiß ich aus meiner Familie. Meine beiden Großmütter waren pflegebedürftig, und ich habe als Enkel genau mitbekommen, was das für meine Mutter und ihre Geschwister bedeutete. Ich habe zudem Praktika in Pflegeeinrichtungen gemacht, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es dort zugeht. Diese Erfahrungen möchte ich nicht missen.

          Was haben Sie erlebt?

          Rasieren ist so lange eine banale Angelegenheit, wie man es selbst kann. Aber als ich zum ersten Mal einen wildfremden Mann rasiert habe, wurde mir klar, was für ein intimer Vorgang das ist. Und was das bedeutet – für den Pfleger wie für den Pflegebedürftigen. Da sitzt ein gestandener Mann nach einem langen Leben vor mir und ist hilflos auf mich angewiesen. Allein durch solche Erlebnisse habe ich eine Menge gelernt.

          Die Zeiten, da die Alten selbstverständlich zu Hause gepflegt wurden bis zu ihrem Ende, sind vorbei. Bedauern Sie das?

          Noch gilt: Die Familie ist der Pflegedienst der Nation. 70 Prozent der Pflegebedürftigen leben dort. Aber der Trend geht tatsächlich in die andere Richtung. In bestimmten Situationen ist es auch für alle Beteiligten besser, wenn der Pflegebedürftige rund um die Uhr stationär betreut wird. Manchmal geht es zu Hause eben nicht mehr. Viele der Bewohner verbringen dann allerdings schwerst pflegebedürftig nur ihre letzten Lebensmonate dort.

          Im Koalitionsvertrag wird das Ziel formuliert, 45.000 Betreuungskräfte in Pflegeeinrichtungen zu beschäftigen. Wie viele sind dann für einen Patienten da?

          Das sind keine Patienten! Die Menschen leben dort, das ist nun ihre Wohnung. Manchmal fragen verunsicherte Angehörige, ob sie Eierlikör mitbringen dürfen, wenn sie die Mutter oder die Tante besuchen. Klar dürfen sie! Zu Ihrer Frage: Das Ziel ist es, für zwanzig Pflegebedürftige einen Betreuer zu haben. Betreuer sind keine examinierten Pflegekräfte, sondern Menschen mit einer mehrwöchigen Ausbildung, die Zeit für ein Gespräch oder einen Spaziergang haben. Die Betreuungskräfte entlasten das Pflegepersonal enorm.

          Immer mehr Menschen werden dement. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

          Es hat sich in kurzer Zeit viel verändert. Wenn ich vor zehn Jahren Pflegeheime besucht habe, konnte ich mit 80 Prozent der Bewohner noch diskutieren, über Politik, über das Wetter, über das, was so los war. Wenn ich heute komme, sind die meisten der Bewohner dement. Wir haben heute mehr als eine Million Menschen in Deutschland, die an Demenz leiden. Tendenz steigend.

          Was will die große Koalition tun?

          Wir wollen in den nächsten vier Jahren bis zu sechs Milliarden Euro jährlich zusätzlich für die Pflege ausgeben. Das ist angesichts einer wachsenden Zahl von Menschen mit Demenz bitter nötig. Demenz ist das gesellschaftspolitische Mega-Thema der nächsten zwanzig Jahre.

          Union und SPD wollen das finanzieren, indem sie den Beitragssatz zur Pflegeversicherung über die Legislaturperiode schrittweise um einen halben Prozentpunkt erhöhen. Wird das reichen?

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