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Jede Woche 8000 Flüchtlinge : Kümmern im Akkord um Asylbewerber

In vielen Kommunen ist der Andrang nur mit dem großen Einsatz freiwilliger Helfer zu bewältigen. So begleiten im Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt 28 ehrenamtliche „Soziallotsen“ Flüchtlinge auf ihren neuen Wegen. Der dortige SPD-Landrat Markus Bauer sagt: „Wir brauchen alle kreativen Köpfe, die Lust haben, mitzumachen.“ Davon, so berichtet er, gebe es viele. Auf die Frage, ob er hoffe, dass der Zuzug irgendwann ende, antwortet er: „Wenn es auf der ganzen Welt Frieden gibt. Aber so ist es nicht.“ Sein Kreis hat deshalb die Wohncontainer für Flüchtlinge nicht ausgeliehen, sondern gekauft: 1,2 Millionen Euro für 75 Plätze.

Schweineköpfe vor Asylunterkünften

In München kamen in den Jahren 2008 bis 2011 durchschnittlich 2200 Flüchtlinge pro Jahr in die Stadt. Inzwischen hat sich die Zahl versechsfacht. Jede Woche müssen bis zu 400 Personen untergebracht werden. Städte und Gemeinden versuchen mit Hochdruck, für all die Neuankömmlinge Platz zu schaffen. Sie ziehen in leerstehende Kasernen, leere Bürogebäude und Container-Siedlungen.Der Markt für Wohncontainer ist bundesweit „praktisch leergefegt“.

Viele Städte greifen auf noch einfachere Lösungen zurück: In der riesigen hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen leben auf einem Kasernengelände inzwischen etwa eintausend der 5900 Asylbewerber in Zelten. Ähnliche Zustände wurden auch aus Deggendorf in Bayern oder Chemnitz in Sachsen berichtet. Vielerorts werden ehemalige Liegenschaften der Bundeswehr oder der amerikanischen Streitkräfte genutzt. Wo es möglich ist, bauen die Kommunen neue Heime. Wenige Tage nach ihrer Fertigstellung sind sie ausgelastet. In Sachsen sind seit Januar bereits 8000 neue Asylbewerber angekommen, fast dreimal so viele wie 2014. Wo die Kapazitäten nicht ausreichen, werden Feldbetten in Sporthallen gestellt oder ganze Hotels gemietet.

In Freital entbrannte der Protest, als bekanntwurde, dass Asylbewerber in ein Hotel ziehen sollen. In Sachsen sind die Angriffe auf Asylbewerber und ihre Unterkünfte zahlreich. Nach Angaben der sächsischen Grünen wurden bundesweit in der ersten Jahreshälfte elf Brandanschläge auf Asylbewerberunterkünfte verübt, davon fünf in Sachsen. Einzelne Landräte versuchen gar zu verhindern, dass in ihre Gegend neue Asylbewerber kommen.

Die Chefs der Kreisverwaltungen sind direkt gewählt. Sie verfügen über eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den Innenministerien. Es ist eine Frage des politischen Geschicks der Innenminister, die Landräte zur Kooperation zu bewegen. Manche von ihnen handeln aber nach dem Sankt-Florians-Prinzip. Es lautet: „Verschon mein Haus / Zünd andre an.“ Der Widerstand aus der Bevölkerung ist bisweilen gehässig. Im hessischen Mengerskirchen legten Unbekannte vorige Woche blutige Schweineköpfe und Schweineschwänze vor einer künftigen Asylunterkunft ab. Dazu beschmierten sie das Gebäude mit roter Farbe.

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