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Weltkriegs-Gedenken : „Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung“

Soldaten der Roten Armee ergeben sich im Jahr 1941 während des Russlandfeldzugs. Bild: Picture-Alliance

In Berlin erinnert Steinmeier an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren. Deutschland müsse sich die Verbrechen im Osten Europas ins Gedächtnis rufen, sagt er. Dabei zählt der Bundespräsident Orte auf, die für die „deutsche Barbarei“ stehen.

          3 Min.

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion die Deutschen aufgerufen, sich stärker, bewusster und ausführlicher an diesen Krieg und die damit verbundenen Verbrechen zu erinnern. Steinmeier sprach in einer Gedenkstunde in Karlshorst (Berlin) an jenem Ort, an dem im Mai 1945 die deutsche Kapitulation unterzeichnet wurde. Das Gebäude beherbergt unter dem Namen Deutsch-Russisches Museum Ausstellungen zur Geschichte des Krieges.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Steinmeier sagte, am 22. Juni des Jahres 1941 habe „die Radikalisierung eines Krieges hin zum Wahn totaler Vernichtung“ begonnen. Vom ersten Tage an sei der deutsche Feldzug von Hass getrieben gewesen, „von Antisemitismus und Antibolschewismus, von Rassenwahn gegen die slawischen und asiatischen Völker der Sowjetunion“.  27 Millionen Menschen habe dabei „das nationalsozialistische Deutschland getötet, ermordet, erschlagen, verhungern lassen, durch Zwangsarbeit zu Tode gebracht“, 14 Millionen von ihnen seien Zivilisten gewesen. Zu lange hätten die Deutschen die Geschichte der Verbrechen im Osten Europas nicht angenommen, „es ist an der Zeit, dies nachzuholen“.

          „Kriegsgefangene ihres Menschseins beraubt“

          Steinmeier beschränkte in seiner Rede die Verantwortung für den Vernichtungskrieg nicht allein auf die Nationalsozialisten. Er sagte, „der verbrecherische Angriffskrieg trug die Uniform der Wehrmacht. An seinen Grausamkeiten hatten auch Soldaten der Wehrmacht Anteil“. Und er fügte an, „lange, zu lange haben wir Deutsche gebraucht, uns diese Tatsache einzugestehen“.  So schwer es auch falle, es müsse an diese Zeit erinnert werden: „Die Erinnerung an dieses Inferno, an absolute Feindschaft und die Entmenschlichung des Anderen – diese Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung, und der Welt ein Mahnmal“, sagte Steinmeier.

          Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (1938-45), unterzeichnet am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst die Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.
          Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (1938-45), unterzeichnet am 9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst die Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. : Bild: dpa

          Der Bundespräsident gab auch Beispiele dafür, wie das Erinnern an diese „deutsche Barbarei“, die den Kontinent verwüstet und in der Folge die Welt geteilt habe, künftig vertieft werden könne. Er rief Orte auf, an denen Verbrechen begangen wurden oder die Schauplatz verheerender Schlachten waren, die aber hierzulande niemand im Gedächtnis habe. Der Bundespräsident fragte, „wer in Deutschland kennt Malyj Trostenez bei Minsk, wo zwischen 1942 und 1944 mindestens 60.000 Menschen ermordet wurden? Oder das Dörfchen Chatyn, das im Sommer 1943 dem Erdboden gleichgemacht wurde, und in dem sämtliche Einwohner getötet wurden – die Hälfte von ihnen Kinder? Wer weiß von Korjukiwa in der Nordukraine, wo innerhalb von zwei Tagen 6700 Männer, Frauen und Kinder der größten und brutalsten Strafaktion des Zweiten Weltkrieges zum Opfer fielen“.

          Steinmeier rief auch die Stadt Rschew nahe Moskau in Erinnerung, wo die Rote Armee in einer nicht enden wollenden Schlacht mehr als eine Million Tote und Verwundete gezählt habe, und er fragte nach der kleinen Stadt Mizocz, vor deren Toren die jüdischen Einwohner an einem einzigen Tag erschossen worden seien; nur fünf Fotografien eines deutschen Gendarmen dokumentierten heute noch den Ort dieses Verbrechens.

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          Der Bundespräsident führte aus, dass die Verbrechen und Unmenschlichkeiten in jenen Jahren nicht die Folge spontaner Grausamkeiten gewesen seien, sondern kalkulierten Planungen und Befehlen folgten. Der gesamte europäische Teil der Sowjetunion, ganze Landstriche der heutigen Ukraine und Belarus, hätten nach diesen Anweisungen „gesäubert“ werden sollen und vorbereitet für eine deutsche Kolonisierung. Die sowjetischen Kriegsgefangenen seien ihres Menschseins beraubt worden. Die Wehrmacht, die die Verantwortung für die Gefangenen getragen habe, habe nicht die Absicht gehabt, sie zu ernähren. Steinmeier zitierte eine Anordnung des Generalquartiermeisters des Heeres vom November 1941, „nichtarbeitende Kriegsgefangene haben zu verhungern“.

          Steinmeier: Die Verbrechen lasten auf uns

          Als einen Grund für seinen Appell, die Erinnerung an das Geschehen zu stärken, nannte der Bundespräsident dessen Nachwirkungen: „Die Verbrechen, die von Deutschen in diesem Krieg begangen wurden, lasten auf uns. Auf den Nachkommen der Opfer ebenso wie auf uns. Bis heute. Es lastet auf uns, dass es unsere Väter, Großväter, Urgroßväter sind, die diesen Krieg geführt, die an diesen Verbrechen beteiligt waren“. Es laste auf den Heutigen, dass zu viele Täter nicht zur Rechenschaft gezogen und dass den Opfern viel zu lange Anerkennung verwehrt geblieben sei.

          Steinmeier sagte, der Sinn des Erinnerns sei nicht, „heutige und künftige Generationen mit einer Schuld zu belasten, die nicht die ihre ist“, vielmehr gehe es darum, „zu verstehen, wie diese Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt“. Nur wer die Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart lesen lerne, werde „zu einer Zukunft beitragen können, die Kriege vermeidet, Gewaltherrschaft ablehnt und ein friedliches Zusammenleben in Freiheit ermöglicht“. Der Bundespräsident sagte, dass die Erinnerung an die leidvolle Geschichte mehr und mehr zur Quelle von Entfremdung werden könne. „Wenn der Blick zurück auf eine einzige, nationale Perspektive verengt wird, wenn Austausch über unterschiedliche Perspektiven der Erinnerung zum Erliegen kommt oder verweigert wird, dann wird Geschichtsschreibung zum Instrument neuer Konflikte“, sagte er: „Geschichte darf nicht zur Waffe werden“.

          Der Bundespräsident deutete schließlich auch seine Haltung in dem aktuellen Streit an, den er mit seiner Rede angefacht hatte. Der ukrainische Botschafter in Deutschland Andrij Melnyk blieb der Gedenkfeier in Karlshorst fern mit dem Hinweis, er könne nicht gemeinsam mit dem diplomatischen Repräsentanten des Kreml einem solchen Akt beiwohnen. Steinmeier sagte, der Ort der Kapitulation sei ein Ort der Erinnerung: „bei allen politischen Differenzen, bei allem notwendigen Streit über Freiheit und Demokratie und Sicherheit muss Platz sein für Erinnerung. Deshalb bin ich heute hier“.

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