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Jade-Weser-Port : Im tiefen Wasser 

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Dieses Luftbild zeigt den Ausbau des Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven (Februar 2009). In Wilhelmshaven können ab Freitag die größten Containerschiffe der Welt unabhängig von Ebbe und Flut anlegen. Bild: dapd

An diesem Freitag wird in Wilhelmshaven der einzige deutsche Tiefseewasserhafen eröffnet, in dem die neue Generation riesiger Containerschiffe festmachen kann. Das Großprojekt kostet eine Milliarde Euro.

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          Das größte Infrastrukturprojekt Norddeutschlands, der einzige deutsche Tiefwasserhafen, wird an diesem Freitag eröffnet. Diese Botschaft kommt nach so manchen Verzögerungen und Baupannen rechtzeitig vor der Landtagswahl in Niedersachsen. Landesregierung und Ministerpräsident können auf einen Erfolg verweisen, auch wenn der eine Milliarde Euro teure Hafenbau vor knapp zwanzig Jahren zunächst von Sozialdemokraten vorangetrieben wurde - den Ministerpräsidenten Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel und vor allem vom Büroleiter Schröders, Frank-Walter Steinmeier.

          Der Hafen gebietet Demut, wenn man auf 150 Jahre Geschichte Wilhelmshavens schaut: Im 19. Jahrhundert spielte er in der Wirtschafts-, Verkehrs- und Marinegeschichte Deutschlands eine weit größere Rolle als heute. Sichtbar wird das an einer scheinbar nebensächlichen Zahl: Kaiser Wilhelm II. war mehr als 80 Mal zu Besuch - das hat wohl keiner der fünf niedersächsischen Ministerpräsidenten geschafft, in deren Amtszeit der Jade-Weser-Port entstand. Selbst der Schriftsteller Jules Verne war offenbar beeindruckt, als er 1881 in Wilhelmshaven anlandete. Schon zuvor hatten der dänische König Christian V., der russische Zar Paul I. und Napoleon I. ihr Augenmerk auf den Jadebusen als Standort eines Kriegshafens gelenkt.

          Rekorde haben in Wilhelmshaven Tradition: Vor 140 Jahren war hier die größte Wasserbaustelle Preußens und später des Deutschen Kaiserreichs - anfangs kamen beim Bau noch Schubkarren und Spaten zum Einsatz. Als der Hafen 1869 eingeweiht und die Stadt gegründet wurden, kamen neben dem preußischen König Wilhelm I. und mehreren Großherzögen auch Otto von Bismarck, Kanzler des Norddeutschen Bundes, und der Generalstabschef Helmuth von Moltke - dabei war der Bauhafen noch gar nicht geflutet.

          Zwischen 1900 und 1910 kam die dritte und bisher, einschließlich des Jade-Weser-Ports, größte Hafenerweiterung. Dafür war das Watt eingedeicht und der Wattboden ausgehoben worden. Neue Bassins mit vier Kilometer Kailänge wurden gebaut. Der Jade-Weser-Port hat dagegen nur 1,7 Kilometer, von denen zur Einweihung ein Kilometer betriebsfertig ist. Damals war die Kaiser-Wilhelm-Brücke gebaut worden, um eine Landverbindung der Uferzonen zu ermöglichen - weiterhin die größte Drehbrücke Europas.

          Die Bedeutung Wilhelmshavens als Marinestadt blieb. Zwischen 1936 und 1941 wurde die legendäre „Tirpitz“, die „einsame Königin des Nordens“, auf der Marinewerft gebaut, das größte je in Europa gebaute Schlachtschiff. Bis zu ihrer Versenkung 1944 vor Norwegen hatte sie nicht ein einziges Mal „Feindberührung“ mit Überwassereinheiten. Um das ehemalige Werftgelände herum steht heute das Marinearsenal - von hier aus werden Auslandseinsätze der Deutschen Marine gesteuert.

          Nach der Bundeswehrreform wird Wilhelmshaven nicht nur größter Stützpunkt der Marine bleiben, sondern auch der größte Bundeswehrstandort sein. Nahe dem Marinehafen hat Wilhelmshaven schon jetzt einen Tiefwasserhafen für Massen- und Stückgüter.

          Die größten Containerschiffe der Welt können im Jade-Weser-Port anlegen: Voll beladen, mit einem Tiefgang bis zu 16,5 Meter und unabhängig von Ebbe und Flut. Das war an der deutschen Küste bislang nicht möglich

          Die wirtschaftliche Bedeutung des neuen Containerhafens, für den jeder niedersächsische Ministerpräsident oder Wirtschaftsminister auf fast jeder Auslandsreise wirbt, liegt darin, dass wegen des Tiefgangs von gut 18 Metern nur dort, nicht in Hamburg oder Bremen, die neue Generation der riesigen Containerschiffe wird festmachen können. Damit ist Wilhelmshaven von Freitag an der neben Rotterdam und Antwerpen einzige „echte“ nordeuropäische Tiefwasserhafen von Bedeutung.

          Ermöglicht wird das von Naturgegebenheiten. Der hannoversche Landschaftshistoriker Hansjörg Küster erklärt die tiefe und breite natürliche Wasserrinne mit dem Spülbeckeneffekt. Wie an der übrigen Nordsee liegt auch vor Friesland überwiegend ein flaches Schelfmeer mit Inseln und Watt. Drei Ästuare gibt es dort an Elbe, Weser und Jade - den Gezeiten ausgesetzte Mündungen von Flüssen (was für den Jadebusen streng genommen schon nicht gilt).

          Tor zur Welt über See

          Dort dringt Meerwasser regelmäßig in Gewässerbahnen ein. Die Unterläufe von Elbe, Weser und auch Ems müssen seit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt immer wieder ausgebaggert werden, um den immer größeren Schiffen Zugang zu Häfen wie Hamburg, Bremerhaven und Bremen zu ermöglichen. Anders ist das nur an der Jade, wo sich die Meeresströmung nicht mit einer nennenswerten Flussströmung trifft. So wurde dort kaum Sand abgesetzt.

          An diesem Freitag soll das erste Containerschiff der neuen Generation am von den Ländern Niedersachsen und Bremen gemeinsam betriebenen Hafen anlanden. Zur Belebung des Geschäfts sollen anfangs niedrige Hafengebühren beitragen. Die Container werden von Wilhelmshaven aus entweder auf kleinere Zubringerschiffe umgeladen (vorerst wohl zwei Drittel des Gesamtumschlags) oder mit der Bahn ins Inland befördert werden. Das kann aber in nennenswertem Umfang erst dann stattfinden, wenn Bundesbahn und Bund ihren Zusagen gerecht werden, den Bahnzugang mit einer elektrifizierten Doppelspur zugänglich zu machen.

          Damit hofft die Landesregierung, Wilhelmshaven neben Bundeswehr und Behörden einen dritten soliden Arbeitgeber zu geben. Kaum eine andere Region Niedersachsens ist so sehr von Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsschwund gezeichnet wie die Landkreise Friesland und Wittmund. Auch das war schon seit langer Zeit so. Tor zur Welt wurde Wilhelmshaven nur über See, nicht zu Land.

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