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Der Fall Albakr : Wirklich ein Misserfolg?

Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (r.) und der Leiter der JVA Leipzig Rolf Jacob bei der Pressekonferenz am Donnerstag Bild: AFP

Der sächsischen Justiz werden nach dem Tod Jaber Albakrs anklagende Fragen gestellt. Aber die Fragen, auf die es ankommt, sind andere. Zum Beispiel: Warum wird immer nach Fehlern der Sicherheitsbehörden gesucht, nicht nach den Erfolgen?

          Der Selbstmord des mutmaßlichen Terroristen Jaber Albakr wurde, kaum dass er bekannt wurde, als weitere „Panne“ und als Zeichen für ein Versagen der sächsischen Justiz und Polizei gebrandmarkt. Es gehört zu den Begleitumständen spektakulärer Festnahmen, dass es so läuft: Nicht der Erfolg beschäftigt dann die veröffentlichte Meinung, sondern die Möglichkeit, einen gravierenden Misserfolg zu entdecken. Die Öffentlichkeit spielt sich in solchen Fällen gerne als die Institution auf, die hinterher immer klüger ist. Für Polizei, Justiz und Nachrichtendienste ist das mitunter schwer nachzuvollziehen, meist jedenfalls frustrierend. Es ist für die Sicherheitsbehörden in Sachsen in der Tat eine Niederlage, dass ein mutmaßlicher Täter, der ihnen erst entwischen konnte, dann, nach einer glücklichen Festnahme, in Haft Selbstmord begeht. Es bleibt aber auch einer der größten Fahndungserfolge im Kampf gegen den islamistischen Terror. Der wird nicht dadurch geschmälert, dass sich der Verdächtige das Leben genommen hat.

          Schlaumeier werden der Justizvollzugsanstalt in Leipzig vorhalten: Ein mutmaßlicher Selbstmordattentäter – ist der nicht besonders suizidgefährdet? Es ist allerdings zweierlei, ob ein Extremist möglichst viele Unschuldige mit in den Tod reißen will und dafür sein eigenes Leben wegwirft – oder ob er nur sich selbst tötet, weil er dabei gescheitert ist, ein „Märtyrer“ zu werden. In der Justizvollzugsanstalt Leipzig hatte man keine Erfahrung mit mutmaßlichen und tatsächlichen islamistischen Terroristen, deren Verhalten noch unberechenbarer ist als das „normaler“ Schwerverbrecher. Ein zweiter Schwachpunkt: Die Kommunikation war selbst mit Hilfe einer Dolmetscherin im Rückblick nicht so aufschlussreich, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre.

          Von einer Vernachlässigung des Häftlings lässt sich aber nicht sprechen. Albakr wurde so behandelt, wie er behandelt werden musste. Er war nur eine Viertelstunde unbeaufsichtigt – die Haftanstalt hatte sich zwar für halbstündige Intervalle der Zellenkontrolle entschieden, doch es wurde dennoch in der fraglichen Zeit nach einer Viertelstunde nachgeschaut. Wer so entschlossen ist zum Suizid, ist nur schwierig davon abzubringen. Albakr hinterlässt deshalb nicht die Fragen, die unmittelbar nach seinem Tod anklagend in Richtung „Schon wieder Sachsen“ gerichtet wurden. Die wichtigen Fragen sind: Welche Verblendung und Irrlehre treibt junge Leute wie ihn in den selbstgewählten Tod? Und sind wirklich schon alle Fragen geklärt, die mit dem Wochenende seiner Festnahme zusammenhängen? Zum Beispiel: Wie viele Mitwisser hatte er?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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