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Millionär der Mittelschicht : Ist Merz ein Kandidat von gestern?

Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Bundesvorsitz, kommt unter dem Schriftzug „Glaube, Sitte, Heimat“ in der Schützenhalle der St. Sebastianus Schützenbrüderschaft in Arnsberg an. Bild: dpa

Friedrich Merz nährt Zweifel an seinem politischen Gespür. Mancher wirft ihm vor, dass sein Blick für Strategie, Taktik, Gefahren und Fallstricke in der Politik nicht mehr scharf genug ist.

          Kurt Biedenkopf ist 88 Jahre alt. Er hat sein Leben über weite Strecken in und mit der CDU verbracht. Er  hatte viele Parteiämter inne und war sächsischer Ministerpräsident. Er kennt die CDU. Vor wenigen Tagen äußerte sich Biedenkopf über das Verhältnis von Friedrich Merz zur Partei. Der 25 Jahre jüngere einstige Vorsitzende der Unionsfraktion möchte CDU-Vorsitzender werden. Biedenkopf sagte dem „Handelsblatt“: „Was Friedrich Merz betrifft: Er hat jahrelang keinen Arbeitskontakt zur Partei gehabt.“ Damit spielte Biedenkopf darauf an, dass Merz sich 2009 ganz aus dem Bundestag und der Politik zurückgezogen hatte zugunsten eines lukrativen Berufslebens in der Wirtschaft. Biedenkopf gab Merz noch eine kleine Lektion mit auf den Weg: „Die CDU hat sich in dieser Zeit verändert. Es wird sicher viele geben, die der Old-Fashion-Zeit nachhängen. Aber wir leben im Heute und nicht im Gestern.“ Der Vollständigkeit halber fügte er noch ein ausgiebiges Lob für CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer an, die ebenfalls Angela Merkel als Parteivorsitzende beerben will. Von allen Kandidaten stehe sie „der Partei am nächsten“.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Während Merz mit seiner Erfahrung in der Wirtschaftswelt wirbt, sieht mancher in der Partei ein Defizit darin, dass er die Funktionsweise einer Volkspartei für eine lange Zeit, die viele Neuerungen gebracht hat, nicht aus der Nähe erlebt hat. Man könnte auch sagen: Dass sein Blick für Strategie, Taktik, Gefahren und Fallstricke in der Politik in den letzten zehn Jahren nicht ausreichend geschärft wurde. Anders als es bei Kramp-Karrenbauer und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn der Fall ist. Spahn ist der dritte Kandidat, der sich bisher um die Merkel-Nachfolge bewirbt. Alle drei treten am Donnerstagabend in Lübeck bei der ersten von acht Regionalkonferenzen vor die Parteimitglieder, um sich zu präsentieren und Fragen zu beantworten.

          Noch kurz vor Beginn der Konferenzserie hatte Merz Zweifel genährt an seiner Trittsicherheit bei der Selbstdarstellung. Wieder einmal hatte er sich der „Springer“-Presse anvertraut und Fragen  der „Bild“-Zeitung sowie von deren Lesern beantwortet. Ob er Millionär sei, wurde der Mann gefragt, der sich kurz zuvor schon mit seinen Privatflugzeugen präsentiert hatte. Er lebe „in geordneten persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen“, antwortete Merz. Nachfrage: Ob er nicht wisse, ob er Millionär sei? Doch. Warum er nicht einfach sage: „Ja, ich bin Millionär?“ Antwort: „Ich liege jedenfalls nicht darunter.“ Die Zeitung zitierte ihn mit den Worten, er sehe sich „als Teil der gehobenen Mittelschicht“ und nicht der „kleinen sehr vermögenden, sehr wohlhabenden Oberschicht“.

          Ebenfalls wurde Merz nach seiner Einschätzung der AfD gefragt. Kürzlich hatte er in dieser „offen nationalsozialistische“ Züge ausgemacht. Jetzt sagte er, die AfD grenze sich nicht „nach rechts und besonders nicht zu einem offen nationalistischen und fremdenfeindlichen, antisemitischen Teil ihrer Partei“ ab. Das war zumindest etwas weniger pauschal. Immerhin tappte er nicht in die gleiche Falle wie der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der vor sechs Jahren gesagt hatte, eine Flasche Pinot Grigio, die nur fünf Euro koste, würde er nicht kaufen, und sich scharfe Kritik anhören musste. Merz behauptete, für ihn fange eine „gute Flasche Wein“ bei 4,50 Euro an.

          Merz hat keinen Parteiapparat zur Verfügung, der ihm durch die verbleibenden drei Wochen bis zur Vorstandswahl auf dem Hamburger Parteitag hilft. Allerdings müssen auch seine beiden Mitbewerber aufpassen, ihre Ämter und ihren parteiinternen Wahlkampf nicht unzulässig zu vermischen. So kann Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer sich bei ihrer Bewerbung nicht auf den Apparat des Konrad-Adenauer-Hauses stützen, sondern lediglich auf die saarländische CDU. Und auch Jens Spahn kann sich selbstverständlich nicht auf sein Ministerium für seinen Wahlkampf stützen.

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