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Kaiserschnitt : Checkliste gegen die Angst

Beliebt, aber nicht der Königsweg: Geburt per Kaiserschnitt Bild: HORACIO SORMANI/SCIENCE PHOTO LI

Der Kaiserschnitt ist in Deutschland zu einer beliebten Methode geworden, ein Kind zur Welt zu bringen. Es spricht viel für diesen Weg. Aber ist es wirklich der bessere? Immer mehr Ärzte und Mütter, auch die Politik bezweifeln das.

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          Meli, 35 Jahre: Meinen Sohn zu tragen, das schaffe ich im Moment nur schwer. Alles schmerzt noch. Die Wunde des Kaiserschnitts spannt. Der Eingriff ist erst knapp 48 Stunden her, was will man erwarten? Ohne Hilfe würde ich es aufgrund der Schmerzen nicht schaffen, Tom zu versorgen. Man nimmt das in Kauf, Hauptsache, ihm geht es gut. Tom war einige Tage über dem errechneten Geburtstermin, aber die Wehen wollten nicht losgehen. Auch künstlich ließen sie sich nur schwer erzeugen, dafür wurden Toms Herztöne schlechter. Untersuchungen haben vermuten lassen, dass er in meinem Bauch nicht mehr richtig versorgt wird. Nach fast 24 Stunden Zuwarten haben mich die Ärzte dann vor die Wahl gestellt: weitermachen oder Kaiserschnitt? Ich habe mich für den Kaiserschnitt entschieden, man will ja kein Risiko eingehen.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie es ausgegangen wäre, wenn sich Toms Mutter fürs Weitermachen entschieden hätte, wissen auch die Ärzte nicht. Aber klar ist: Es gab eine Indikation, also einen medizinischen Grund, sich bei Tom für einen Kaiserschnitt zu entscheiden. Vermuten Ärzte, dass es dem Kind nicht gutgeht, sind sie sogar dazu angehalten, so vorzugehen. Auch ein Geburtsstillstand, eine falsche Lage, eine kranke Mutter, Mehrlinge oder ein vorausgegangener Kaiserschnitt sprechen für eine Schnittentbindung. Termindruck, eine hübsche Zahlenkombination des Geburtstages oder mütterliche Sorgen um die eigene Figur sind keine. Ob Angst vor der natürlichen Geburt oder psychische Probleme der Mutter ausreichen, darüber sind sich die Experten nicht einig. Zu oft, glauben manche, werden diese Begründungen angeführt, um einen Wunschkaiserschnitt vor den Krankenkassen und ärztlichen Kollegen zu rechtfertigen. Mediziner geben aber zu, dass es immer eine Indikation für eine primäre Sectio gebe, einen geplanten Kaiserschnitt.

          Galt Ende des 19. Jahrhunderts der Kaiserschnitt noch als absoluter Notfall, um das Leben von Mutter oder Kind zu retten (was häufig nicht gelang), ist er heute eine selbstverständliche Alternative zur natürlichen Geburt. Sicher, unkompliziert und schnell. Medizinischer Fortschritt und verbesserte Hygiene haben ihren Teil dazu beigetragen.

          Auch die niedrige Säuglingssterblichkeit rund um die Geburt ist hierzulande ein Verdienst des Kaiserschnitts. Kindern wird ein gesundes Leben geschenkt, die etwa in der 30. Schwangerschaftswoche lange noch nicht selbst die Kraft gehabt hätten, sicher auf die Welt zu kommen. Der Kaiserschnitt rettet Leben, bevor es richtig begonnen hat. Das bezweifelt niemand. Trotzdem wächst die Skepsis, ob das der richtige Weg zur Geburt ist.

          Einen gewölbten Bauch aufzuschneiden und sich mit den Händen bis zur Gebärmutter vorzuarbeiten, um das Kind ans Licht der Welt zu holen, ist Alltag für Gynäkologen. Die Situation im Operationssaal und die unmittelbare Betreuung danach haben sie im Griff. Aber was ist mit den langfristigen Folgen eines Kaiserschnitts für Mutter und Kind? Schon länger wird diskutiert, ob Kinder, die durch einen Kaiserschnitt auf die Welt gekommen sind, häufiger mit Allergien oder Asthma zu tun haben, vermehrt im Leben chronische Darmerkrankungen oder Immundefekte zeigen. Studien dazu leiden allerdings an ihrem monokausalen Erklärungsansatz. Kaiserschnittkinder sollen als Neugeborene häufiger auf der Intensivstation liegen und kränkeln. Auch bei diesen Daten ist Vorsicht geboten, denn meist werden gerade Kinder durch einen Kaiserschnitt geholt, die schon im Mutterleib zu schwach oder zu unreif waren. Dass diese Kinder nach der Geburt besondere Versorgung brauchen, liegt auf der Hand.

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