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Islamkonferenz : Im Zeichen alter Gegensätze

  • -Aktualisiert am

Abendgebet türkischer Muslime in Berlin Bild: AP

Vor der Islamkonferenz an diesem Mittag im Berliner Schloß Charlottenburg sind die großen muslimischen Verbände enger zusammengerückt. Sie fühlen sich schlecht behandelt, kritisieren die Einladungsliste Schäubles und fordern mehr Rechte.

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          Kurz vor dem Start der Deutschen Islamkonferenz (DIK) an diesem Mittwoch mittag im Schloß Charlottenburg in Berlin zeichnete sich ab, daß die großen muslimischen Verbände enger zusammenrücken und eine gemeinsame Strategie verfolgen. Innenminister Schäuble (CDU) hat zu der Konferenz geladen, etwa ein halbes Jahr Vorbereitung ging ihr voraus.

          In regelmäßigen Abständen treffen sich von diesem Mittwoch an zwei bis drei Jahre lang 30 ständige Teilnehmer. Die eine Hälfte sind Vertreter der Bundesländer und verschiedener Bundesministerien, die andere Hälfte Repräsentanten der in Deutschland lebenden Muslime. Es werden Arbeitsgruppen zu Einzelthemen gebildet, halbjährlich sollen die Ergebnisse im Plenum ausgewertet werden.

          Muslimische Verbände fühlen sich unterrepräsentiert

          Kaum daß bekannt wurde, wer als Vertreter der Muslime eingeladen wurde, monierten die islamischen Verbände, daß auch die deutsch-türkischen Autorinnen Necla Kelek (“Die fremde Braut“, „Die verlorenen Söhne“) und Seyran Ates (“Große Reise ins Feuer“) dabei sind. Kelek hat sich mit ihren Büchern, in denen sie am Beispiel von Zwangsheiraten und straffällig gewordenen Jugendlichen von gescheiterter Integration berichtet, unter frommen Muslimen Feinde gemacht. Auch Seyran Ates, die als Rechtsanwältin die Interessen türkischer Frauen gegen deren Männer vertreten hat, gilt ihnen als „Nestbeschmutzerin“.

          „Muslime in Deutschland sollen sich als deutsche Muslime fühlen können”
          „Muslime in Deutschland sollen sich als deutsche Muslime fühlen können” : Bild: dpa

          Ende vergangener Woche äußerten sich der Zentralrat der Muslime, der Islamrat, der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V. (Ditib) in einer gemeinsamen Presseerklärung. Sie beschwerten sich, daß die „jetzige Zusammensetzung der Teilnehmer nicht die Selbstorganisation der Muslime“ berücksichtige. Gerade in der Konferenz müsse es darum gehen, die „Moscheegemeinden, die die Betreuung aller Muslime wahrnehmen, zahlenmäßig angemessen“ zu berücksichtigen.

          Mounir Azzaoui, Sprecher des Zentralrats der Muslime, fragt: „Wie kann es angehen, daß Einzelpersonen, die nur sich selbst repräsentieren, das gleiche Gewicht haben sollen wie Verbände.“ Zehn muslimische Einzelpersonen, unter ihnen der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der iranischstämmige Publizist Navid Kermani und der TV-Produzent Walid Nakschbandi, dessen Familie aus Afghanistan kommt, sitzen im Schloß Charlottenburg neben fünf Vertretern muslimischer Verbände - und die fühlen sich unterrepräsentiert. Ihnen gehören zusammen etwa 80 Prozent der 2.500 Moscheegemeinden in Deutschland an. Maximal kommen sie auf etwa 500.000 Mitglieder bei etwa 3,2 bis 3,5 Millionen Muslimen, die in Deutschland leben.

          Wer zählt zur Glaubensgemeinschaft?

          Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Personen, die aus muslimischen Ländern stammen, ist allerdings nicht in Moscheegemeinden organisiert. Die islamischen Verbände wollen deren Vertretung dennoch wahrnehmen, obwohl sie damit nicht beauftragt sind. Genau dieses Problem spricht Necla Kelek an: „Ich bezweifle, daß es in Deutschland mehr als drei Millionen Muslime gibt. Niemand hat bisher klar definiert, wer zu dieser Glaubensgemeinschaft zu zählen ist“, sagt sie. Denn von den Muslimen werde jeder, der einen muslimischen Vater habe, in die Gemeinschaft der Muslime (Umma) eingemeindet.

          Eine Glaubensgemeinschaft könne aber nicht Unbeteiligte zu Mitgliedern erklären und daraus den Anspruch ableiten, für sie zu sprechen. „Das widerspricht dem Grundgesetz, das auch einen Schutz vor religiöser Bevormundung garantiert“, sagt Frau Kelek. Säkulare oder liberale Muslime sind in der Regel unorganisiert; eine Ausnahme bildet die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD), der zum Beispiel türkische Akademiker- und Unternehmerverbände angehören. (Siehe auch: Video: Muslime gegen „Leitkultur“)

          Nicht nur damit, daß Frau Kelek ihnen den Repräsentationsanspruch streitig macht, haben die muslimischen Verbände Schwierigkeiten. Auch ist ihnen ein Dorn im Auge, daß sie im weiteren Sinne religiöse Überzeugungen für die fehlgeschlagene Integration verantwortlich macht und damit zu einer der wichtigsten Islamkritikerinnen avanciert ist. „Wenn der Staat mit der katholischen Kirche reden will, lädt er auch nicht Hans Küng oder Eugen Drewermann ein“, sagt Oguz Ücüncü, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, die durch den Islamrat mitrepräsentiert wird. „Muslime, die selbst ihren Glauben nicht praktizieren, sollen uns nicht vorschreiben, wie wir ihn zu leben haben“, kritisiert Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrates.

          Ziel ein „breitangelegter Konsens“

          Schäuble hatte als Ziel der Konferenz ursprünglich eine Art „Gesellschaftsvertrag“ mit den Muslimen angestrebt, in dem sie ein Bekenntnis zur Demokratie und zum Grundgesetz ablegen sollten. Diesen Ausdruck hat er zurückgezogen, nachdem er von Muslimen dafür kritisiert worden war. Treue zum Grundgesetz sei für sie längst selbstverständlich. Nun ist im Konzept des Innenministeriums vorsichtiger von einem „breitangelegten Konsens über die Einhaltung gesellschafts- und religionspolitischer Grundsätze“ die Rede. Über die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Koedukation von Jungen und Mädchen, Kopftuch, Sport- und Schwimmunterricht soll ebenso gesprochen werden wie über die Förderung des Spracherwerbs und die Situation von jugendlichen Ausländern auf dem Arbeitsmarkt.

          Der Sprecher des Zentralrats nennt als wichtigstes Ziel für die Konferenz hingegen, die „rechtliche Integration der muslimischen Organisationen“ zu verbessern. Der Islamratsvorsitzende Kizilkaya wird deutlicher: Er möchte islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen sowie die Ausbildung islamischer Religionslehrer an staatlichen Universitäten erreichen, die von den Verbänden mitverantwortet (aber nicht mitbezahlt) wird. Damit verbunden wäre die rechtliche Anerkennung der islamischen Verbände als Religionsgemeinschaften und somit die Gleichstellung mit den christlichen Kirchen.

          Schulterschluß der Verbände

          Die Ziele der staatlichen und der muslimisch-religiösen Seite könnten unterschiedlicher kaum sein: Schäuble will die frommen Muslime zum Verzicht auf das Denken in Kategorien der Scharia verpflichten; sie wollen von ihm Anerkennung, Rechte und Geld. Die Vertreter der Muslime fühlen sich schlecht behandelt, üben Kritik und stellen Forderungen. Die vier großen muslimischen Verbände handeln dabei neuerdings gemeinsam und suchen den Schulterschluß.

          Jahrelang hatte jeder dieser Verbände in Konkurrenz zu den anderen versucht, zum alleinigen Ansprechpartner der Politik zu werden. Vor allem die Ditib agierte stets besonders zurückhaltend, wenn es um gemeinsame Projekte wie zum Beispiel die Gründung muslimischer Dachverbände auf Länderebene ging.

          Muslime in Deutschland

          Von den 1,2 Milliarden Muslimen weltweit leben nach Schätzung des Verfassungsschutzes rund 3,2 bis 3,5 Millionen in Deutschland. Offiziell sind etwa 1,5 Millionen von ihnen sind in sechs islamischen Spitzenverbänden organisiert, die im Wettstreit um die gesellschaftliche und politische Repräsentation der Muslime in Deutschland stehen. Formal als Vereinsmitglieder registriert sind nach Angaben des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland jedoch nur knapp 400.000 von ihnen.

          Eine Anerkennung als Religionsgemeinschaft oder Körperschaft des öffentlichen Rechts wurde islamischen Organisationen bislang verwehrt. Insgesamt existieren in Deutschland 69 muslimische Verbände, die sich oft auch ethnisch voneinander abgrenzen. Die größte Gruppe sind dabei Muslime türkischer Herkunft: Rund 1,8 der insgesamt 3,2 Millionen Muslime in Deutschland haben einen türkischen Paß. Fast eine Million ist hier geboren. Mit etwa zwölf Prozent ist der formale Organisationsgrad der Muslime somit vergleichsweise gering: Die große Mehrheit ist bei keiner religiösen Gemeinschaft als Mitglied registriert.

          Den regelmäßigen Besuch einer Moschee schließt dies jedoch keinesfalls aus. Feste Mitgliedschaften, wie sie etwa in der katholischen und der evangelischen Kirche üblich sind, haben im Islam keine Tradition: Muslim wird man durch Geburt oder Zeugnis, der Glaube an Gott braucht keinen institutionalisierten Vermittler. Die Forderung nach einer einheitlicheren Organisation der deutschen Muslime wird deshalb von vielen Gläubigen als „Verkirchlichung“ nach christlichem Vorbild empfunden. Rund ein Prozent der Muslime in Deutschland ist in 28 Gruppen organisiert, die vom Verfassungsschutz als ideologisch extrem eingestuft werden. Etwa 3.000 der insgesamt 32.000 Mitglieder dieser islamistischen Gruppen gelten als gewaltbereit.

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