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Islamistischer Terrorismus : „Wir haben längst den Online-Dschihad“

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Alexander Eisvogel: „Das Web 2.0 leistet nun auch das, was zuvor allein Prediger, Gebetszirkel oder Koranschule boten“ Bild: Schoepal, Edgar

Der „Dschihadismus 2.0“ ist längst Realität, sagt Verfassungsschützer Alexander Eisvogel. Im Interview spricht er über die Radikalisierung von Islamisten im Internet und die Gefahr eines Cyber-Angriffs.

          4 Min.

          Das Terrornetz Al Qaida gilt als geschwächt. Zugleich haben wir es in Deutschland weiter mit einer regen militanten Islamisten-Szene zu tun. Wie hat sich der islamistische Terrorismus gewandelt, Herr Eisvogel?

          Der gewaltbereite Islamismus, den wir nach dem Wort für den Heiligen Krieg auch Dschihadismus nennen, hat sich immer mehr zu einer eigenständigen Gewaltideologie entwickelt. Diese hat ihre religiösen Grundlagen verlassen. Dschihad bezeichnet ja ursprünglich das letzte Mittel zur Verteidigung der Religion. Im Verständnis von Dschihadisten ist er zum Selbstzweck geworden. Eine theologische Begründung, ob oder warum Gewalt angewendet werden könnte, ist weggefallen. Durch diese ideologische Verflachung hat sich die Gewalt entgrenzt.

          Was meinen Sie damit?

          Der globale Dschihad, wie ihn gewaltorientierte Islamisten propagieren, kennt keine territorialen Grenzen. Es geht nicht mehr um die Verteidigung eines Landes oder des Kalifats, sondern um einen weltweiten Kampf. Ebenso entgrenzt sind die Ziele der Gewalt. So sollen auch Zivilisten in Demokratien bestraft werden, etwa für ihre vermeintlich falsche Wahlentscheidung. Und auch zeitlich gibt es für den Dschihad keine Grenze - der bewaffnete Kampf wurde zum Dauerzustand erklärt.

          Ist diese neuartige Ideologie dadurch für weniger religiös geprägte Muslime attraktiver?

          Grundsätzlich ist diese verflachte Ideologie leichter konsumierbar. Außerdem ist die Schwelle für den Dschihad gesunken. Es bedarf nicht mehr eines militärischen Angriffs, einer Schmähung Mohammeds oder einer Koranverbrennung. Auch eine individuelle Demütigung oder Beleidigung kann der Gewaltrechtfertigung dienen. Über die Zulässigkeit von Gewalt entscheidet keine religiöse Autorität mehr, sondern jeder kann das für sich selbst bestimmen. Dschihad wird so beliebig.

          Was bedeutet das für unsere Situation im Westen, in Deutschland?

          Anfällig für diese Spielart des individualisierten Dschihad sind jetzt auch Leute, die nur über begrenzte religiöse Expertise verfügen. Oft sind es solche, deren Familien in der zweiten oder dritten Generation in Europa leben und die ihre Religion wiederentdecken, oder auch Konvertiten. Dabei geht es in Wirklichkeit mehr um individuelle Bedürfnisse, etwa darum, auf Frustrationen oder Erlebnisse der Ausgrenzung und Marginalisierung zu reagieren. Eine entgrenzte Gewaltideologie ist attraktiv, weil sie solche Bedürfnisse befriedigt. Folgerichtig hat diese verflachte Dschihad-Ideologie von Al Qaida bei den Aufbruchsbewegungen in den arabischen Ländern zunächst keine Rolle gespielt. Die überwältigende Mehrheit praktizierender Muslime empfindet diese Gewaltideologie als theologisch unhaltbar.

          Dennoch wird die Religion als Begründung für die Gewalt allenthalben im Munde geführt.

          Für Dschihadisten dreht sich alles darum, ihr Handeln zu rechtfertigen. Sie wollen nicht als monströse Gewalttäter dastehen. Dafür missbrauchen sie die Religion des Islam: Die Gewalt dient nicht mehr zur Verteidigung einer Religion, sondern Religion dient zur Herleitung von Gewalt.

          Wie wirkt das Internet auf diese Ideologie des Dschihadismus?

          Das Internet trägt stark zur ideologischen Verflachung bei. Mittels „copy and paste“ kann sich jeder ihm passend erscheinende ideologische Elemente beliebig zusammenstellen. Gleichzeitig erzeugen soziale Netzwerke eine enorme Breitenwirkung. So werden ganz neue Möglichkeiten der Rekrutierung geschaffen. Zugleich werden individuelle Radikalisierungsverläufe ermöglicht.

          Welche Rolle spielt das für die Radikalisierung von Muslimen?

          Typisch für eine Radikalisierung war bisher eine gemeinsam entwickelte religiöse Überzeugung, die etwa in Gebetsstuben kultiviert wurde. Dann kam ein religiöses Erweckungserlebnis hinzu, schließlich eine Reise ins Ausland, die eine fundamentalistische Ausrichtung bestärkte, oft folgte die terroristische Ausbildung in einem Lager. Das alles gibt es weiterhin. Daneben treten heute aber Formen der digitalen Vergemeinschaftung, die in sozialen Netzwerken stattfinden, zum Beispiel auf Facebook. Das Web 2.0 leistet nun auch das, was zuvor allein Prediger, Gebetszirkel oder Koranschule boten: die Bildung einer sozialen Gruppe, die auf andere ausstrahlt. Die virtuelle Welt wirkt auf die reale Welt ein. Wir erleben den Dschihadismus 2.0, eine Art „virtueller Dschihad“.

          Dschihadismus 2.0: Alexander Eisvogel sieht die Gefahr eines Cyber-Angriffs
          Dschihadismus 2.0: Alexander Eisvogel sieht die Gefahr eines Cyber-Angriffs : Bild: Kaufhold, Marcus

          Nennen Sie bitte ein Beispiel.

          Arid U., ein in Deutschland geborener Kosovare, hat im Frühjahr am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten erschossen. Er ist ein typischer Fall für eine Selbstradikalisierung durch das Internet, da er keine der gängigen Stufen der Radikalisierung durchlaufen hat. Neben den Personen, die militanten Islamismus im Internet propagieren, gibt es viele, die sich so digital vergemeinschaften. Das scheint mir ein wesentlicher Grund dafür zu sein, warum wir in letzter Zeit eine Zunahme individualisierter Radikalisierungen verzeichnen.

          Dass das Internet von Extremisten zur Propaganda und Kommunikation genutzt wird, ist allerdings nichts Neues.

          Richtig. Doch das neue Phänomen geht eben weit über die übliche Propaganda und Kommunikation hinaus. Wir können heute von einem virtuellen Dschihadismus, einem Online-Dschihad sprechen. Die realen radikalen Netzwerke in Deutschland, deren Zahl zum Glück überschaubar ist, werden durch Gemeinschaften im Netz ergänzt. Diese strahlen wiederum auf sich selbst radikalisierende Einzelpersonen aus.

          Wie sehen Sie die Zukunft des islamistischen Terrorismus - angesichts dieser neuen Rolle des Internets?

          Wir müssen auch in Zukunft mit Anschlägen - auch auf unsere Infrastruktur - rechnen. Al-Qaida-Ideologen benutzen dafür den Begriff der Nadelstiche. Auch eine weitere Option, der individuelle Dschihad, wird von Al Qaida propagiert. Sie warb im Internet für die Begehung von Anschlägen im Westen durch organisationsungebundene Einzeltäter. Wir müssen uns klar darüber sein, was ein Einzelner anrichten kann. Auch Anders Behring Breivik war ein Einzeltäter, wenn er auch aus dem Bereich der militanten Islamfeindschaft kam. Was uns schließlich beschäftigt, ist die Frage: Wird das Internet von islamistischen Terroristen künftig als Waffe benutzt? Wann kommen elektronische Angriffe aus dieser Szene, und wie bereiten wir uns darauf vor?

          Haben Sie Hinweise darauf, dass so etwas geplant ist?

          Ein bekannter Islamist hat im Sommer 2011 in einem Internet-Forum einen Aufruf veröffentlicht, es mögen sich Leute melden für ein Cyber-Institut für den elektronischen Dschihad. Wir wissen nicht, ob dieses Vorhaben Erfolg haben wird. Der Aufruf zeigt, dass Aktivisten darüber nachdenken, das Internet als Waffe zu nutzen, also eine Art von Cyber-Dschihad zu praktizieren. Ein solcher Angriff bietet den Tätern zwei Vorzüge: ein geringes Entdeckungsrisiko und einen bescheidenen Ressourcenbedarf. Zugleich könnte der wirtschaftliche und politische Schaden enorm sein.

          Was bedeutet das für die Arbeit des Verfassungsschutzes?

          Der Verfassungsschutz kann sein Augenmerk nicht nur auf die klassischen Organisationsformen wie Vereine, Parteien oder ähnliche Zusammenschlüsse richten. Wir müssen unsere Arbeit noch stärker auf das Internet konzentrieren. Dabei können und wollen wir jedoch nicht soziale Netzwerke überwachen. Aber wir müssen unsere Ressourcen so konzentrieren, dass wir noch besser verstehen, was sich im Netz abspielt. Das gilt übrigens auch für den deutschen Rechts- und Linksextremismus und den Ausländerextremismus - also für alle Bereiche, die wir beobachten.

          Das Gespräch mit dem Vizepräsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz führte Markus Wehner.

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