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Islamistischer Terrorismus : „Wir haben längst den Online-Dschihad“

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Typisch für eine Radikalisierung war bisher eine gemeinsam entwickelte religiöse Überzeugung, die etwa in Gebetsstuben kultiviert wurde. Dann kam ein religiöses Erweckungserlebnis hinzu, schließlich eine Reise ins Ausland, die eine fundamentalistische Ausrichtung bestärkte, oft folgte die terroristische Ausbildung in einem Lager. Das alles gibt es weiterhin. Daneben treten heute aber Formen der digitalen Vergemeinschaftung, die in sozialen Netzwerken stattfinden, zum Beispiel auf Facebook. Das Web 2.0 leistet nun auch das, was zuvor allein Prediger, Gebetszirkel oder Koranschule boten: die Bildung einer sozialen Gruppe, die auf andere ausstrahlt. Die virtuelle Welt wirkt auf die reale Welt ein. Wir erleben den Dschihadismus 2.0, eine Art „virtueller Dschihad“.

Dschihadismus 2.0: Alexander Eisvogel sieht die Gefahr eines Cyber-Angriffs
Dschihadismus 2.0: Alexander Eisvogel sieht die Gefahr eines Cyber-Angriffs : Bild: Kaufhold, Marcus

Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Arid U., ein in Deutschland geborener Kosovare, hat im Frühjahr am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten erschossen. Er ist ein typischer Fall für eine Selbstradikalisierung durch das Internet, da er keine der gängigen Stufen der Radikalisierung durchlaufen hat. Neben den Personen, die militanten Islamismus im Internet propagieren, gibt es viele, die sich so digital vergemeinschaften. Das scheint mir ein wesentlicher Grund dafür zu sein, warum wir in letzter Zeit eine Zunahme individualisierter Radikalisierungen verzeichnen.

Dass das Internet von Extremisten zur Propaganda und Kommunikation genutzt wird, ist allerdings nichts Neues.

Richtig. Doch das neue Phänomen geht eben weit über die übliche Propaganda und Kommunikation hinaus. Wir können heute von einem virtuellen Dschihadismus, einem Online-Dschihad sprechen. Die realen radikalen Netzwerke in Deutschland, deren Zahl zum Glück überschaubar ist, werden durch Gemeinschaften im Netz ergänzt. Diese strahlen wiederum auf sich selbst radikalisierende Einzelpersonen aus.

Wie sehen Sie die Zukunft des islamistischen Terrorismus - angesichts dieser neuen Rolle des Internets?

Wir müssen auch in Zukunft mit Anschlägen - auch auf unsere Infrastruktur - rechnen. Al-Qaida-Ideologen benutzen dafür den Begriff der Nadelstiche. Auch eine weitere Option, der individuelle Dschihad, wird von Al Qaida propagiert. Sie warb im Internet für die Begehung von Anschlägen im Westen durch organisationsungebundene Einzeltäter. Wir müssen uns klar darüber sein, was ein Einzelner anrichten kann. Auch Anders Behring Breivik war ein Einzeltäter, wenn er auch aus dem Bereich der militanten Islamfeindschaft kam. Was uns schließlich beschäftigt, ist die Frage: Wird das Internet von islamistischen Terroristen künftig als Waffe benutzt? Wann kommen elektronische Angriffe aus dieser Szene, und wie bereiten wir uns darauf vor?

Haben Sie Hinweise darauf, dass so etwas geplant ist?

Ein bekannter Islamist hat im Sommer 2011 in einem Internet-Forum einen Aufruf veröffentlicht, es mögen sich Leute melden für ein Cyber-Institut für den elektronischen Dschihad. Wir wissen nicht, ob dieses Vorhaben Erfolg haben wird. Der Aufruf zeigt, dass Aktivisten darüber nachdenken, das Internet als Waffe zu nutzen, also eine Art von Cyber-Dschihad zu praktizieren. Ein solcher Angriff bietet den Tätern zwei Vorzüge: ein geringes Entdeckungsrisiko und einen bescheidenen Ressourcenbedarf. Zugleich könnte der wirtschaftliche und politische Schaden enorm sein.

Was bedeutet das für die Arbeit des Verfassungsschutzes?

Der Verfassungsschutz kann sein Augenmerk nicht nur auf die klassischen Organisationsformen wie Vereine, Parteien oder ähnliche Zusammenschlüsse richten. Wir müssen unsere Arbeit noch stärker auf das Internet konzentrieren. Dabei können und wollen wir jedoch nicht soziale Netzwerke überwachen. Aber wir müssen unsere Ressourcen so konzentrieren, dass wir noch besser verstehen, was sich im Netz abspielt. Das gilt übrigens auch für den deutschen Rechts- und Linksextremismus und den Ausländerextremismus - also für alle Bereiche, die wir beobachten.

Das Gespräch mit dem Vizepräsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz führte Markus Wehner.

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