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Islamistische Gefahr in Berlin : Gewachsene Gewaltbereitschaft

Im Visier des Verfassungsschutzes: radikal-islamische Salafisten bei einer Koranverteilung in Berlin im Jahr 2012 Bild: © epd-bild / Stefan Boness

In Berlin ist eine beunruhigende Entwicklung zu beobachten: Die Zahl der Salafisten hat sich in den vergangenen sechs Jahren beinahe verdreifacht. Zur großen Mehrheit gehören keine Flüchtlinge.

          Ihre Zahl wächst sehr schnell, sie sind älter als bisher bekannt, und sie werden zunehmend gewaltbereiter. Das sind einige Ergebnisse einer neuen Studie über radikale Islamisten in der deutschen Hauptstadt. Sie werden gewöhnlich Salafisten genannt, womit die Anhänger eines ultrafrommen „reinen“ Islams gemeint sind, der sich auf die Ursprungszeit der Religion bezieht. Berlin hat seit langem eine aktive Szene solcher Fanatiker. Denis Cuspert, einst als Rapper unter dem Namen „Deso Dogg“ bekannt geworden, gehört zu ihren Kultfiguren. Er ging zum sogenannten Islamischen Staat nach Syrien. Das tat auch Reda Seyam, viele Jahre als Propagandist in Berlin aktiv; er wird heute als „Minister“ in der Führungsriege des IS geführt.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Wenn der IS auch auf dem Rückmarsch ist, so hat sich das auf die salafistische Szene in Berlin bisher nicht als bremsender Faktor ausgewirkt. Auch nicht, dass von den 127 Salafisten mit Berlin-Bezug, die nach Syrien und in den Irak ausreisten, mindestens 17 umgekommen sind. Im Gegenteil: In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Zahl der Salafisten in der Hauptstadt beinahe verdreifacht. Waren es Ende 2011 noch 350 Personen, so wurden im März 2017 schon 850 Personen dieser Szene zugeordnet. Bis heute ist die Zahl sogar auf 950 gestiegen.

          Radikale Moscheen in Neukölln und Tempelhof

          Auch die Gewaltbereitschaft der Szene nimmt zu: Waren Ende 2011 nur rund hundert Salafisten in Berlin gewaltbereit, etwa ein Drittel von allen, so sind es heute 420, also knapp die Hälfte. Das geht aus der Lageanalyse hervor, die der Berliner Verfassungsschutz am Mittwoch veröffentlichte. Die Entwicklung in Berlin ist freilich nicht abgekoppelt vom Rest der Republik. Seit 2012 stieg die Zahl der Salafisten in Deutschland um mehr als das Doppelte – insgesamt werden 10.000 Personen gezählt. Aber Berlin weist Besonderheiten auf.

          Das gilt für die Nationalität der Salafisten. Die Hälfte hat eine deutsche Staatsangehörigkeit. Doch ein Drittel hat eine doppelte Staatsbürgerschaft. Bei den Doppelstaatlern stellen Türken und Libanesen die stärksten Gruppen, danach folgen Syrer. Besonders stark vertreten sind die Salafisten aus Russland, bei denen es sich meist um Muslime aus dem russischen Nordkaukasus handelt, also um Tschetschenen, Inguschen, Dagestaner oder Osseten.

          Diese Gruppen sind besonders stark abgeschottet; ihre Strukturen aufzuklären ist schwierig, da die Mitglieder in Clans organisiert sind. Viele sind zudem mit der organisierten Kriminalität verbunden. Von den 324 Salafisten in Berlin, die nicht die Staatsbürgerschaft eines EU-Mitglieds haben, stammten nach einer Stichprobe des Verfassungsschutzes 88 aus dem Nordkaukasus. Sie trafen sich vor allem in der Fussilet-Moschee im Stadtteil Moabit. In ihr verkehrte auch der Attentäter vom Breitscheidplatz, der Tunesier Anis Amri. Nach dem Terroranschlag, bei dem vor dreizehn Monaten zwölf Menschen getötet wurden, wurde die Moschee im Februar 2017 geschlossen – die Tschetschenen besuchen seitdem andere Moscheen Berlins.

          Es sind vor allem zwei Moscheen, die für die Salafisten in Berlin eine überragende Bedeutung haben: die Al-Nur-Moschee in Neukölln, die den größten Zulauf hat, und die Ibrahim-al-Khalil-Moschee im Tempelhof; hinzu kommt die kleinere As-Sahaba-Moschee in Wedding, bei der allerdings die Zahl der gewaltbereiten Besucher höher ist als bei den anderen beiden Moscheen. Der Verfassungsschutz beschreibt diese Moscheen als Rückgrat der Szene und als „Ankerpunkte“ salafistischer Aktivitäten in der Stadt.

          Nur 27 Flüchtlinge unter den knapp 750 Salafisten

          Die Szene ist vor allem in den innerstädtischen Bezirken des „alten“ West-Berlins beheimatet, also in Neukölln, Wedding und Kreuzberg – hier wohnen mehr als die Hälfte aller Salafisten in Berlin. Die Ausbreitung des Milieus, so schreibt der Verfassungsschutz, sei „ein Spiegel der Migrationsgeschichte“ West-Berlins vor dem Mauerfall. In Bezirken des einstigen Ost-Berlins gibt es hingegen kaum Salafisten; in den wenigen Fällen scheinen die geringeren Mieten für einen Umzug in den Osten ausschlaggebend gewesen zu sein. Die Szene bewegt sich daher auf einem im Verhältnis zur Größe der Stadt vergleichsweise kleinen Raum. Kurze Wege sind gefragt, um schnell an salafistischen Veranstaltungen an anderer Stelle teilzunehmen.

          Berlin hat eine alte Szene. Mindestens seit 2004 war sie öffentlich wahrnehmbar, auch wenn der Salafismus damals als Ideologie noch kaum bekannt war. Früh entwickelte sich eine Infrastruktur, zu der auch Bekleidungsgeschäfte, Buchhandlungen und Lebensmittelläden gehören. Es scheint, dass die relativ lange Geschichte der Szene ein Grund dafür ist, dass die Salafisten in Berlin – rund 90 Prozent sind Männer – durchschnittlich 34 Jahre alt sind, also erstaunlich alt für eine Jugendbewegung, als die der Salafismus beschrieben wird. Viele Salafisten sind anscheinend ihrer Szene treu geblieben und mit ihr älter geworden. Der Mangel an Frauen wirkt sich so aus, dass erst im Alter von 46 Jahren beinahe alle Männer in der Szene verheiratet sind.

          Der Verfassungsschutz stellte unter knapp 750 Salafisten, zu denen entsprechende Angaben vorlagen, 27 Flüchtlinge fest, die ab 2014 nach Deutschland gekommen sind. Die meisten stammen aus Syrien, es folgen der Irak, Afghanistan und Russland. Sie sind männlich und meist sehr jung, 16 von ihnen gelten als gewaltorientiert. Die breite Infrastruktur der Salafisten bestand jedoch schon vor der Flüchtlingskrise der letzten Jahre.

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