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Islamischer Theologe im Gespräch : "Wir haben zu viel Angst voreinander"

  • Aktualisiert am

Prof. Dr. Mouhannad Khorchide hat im Libanon und in Österreich Soziologie und Islamwissenschaften studiert Bild: Holde Schneider

Der islamische Theologe Mouhannad Khorchide sieht den Islam als Religion der Barmherzigkeit. In seinem Religionsverständnis geht es vorrangig um den Menschen, nicht um Gott. Im Interview spricht er über Gesetze, Unwissen und den Glauben junger Muslime.

          5 Min.

          Herr Khorchide, Sie wollen einen Islam entwickeln, der von der deutschen Lebenswirklichkeit geprägt ist. Wie soll der aussehen?

          Das traditionelle Verständnis vom Islam sieht ihn als Gesetzesreligion. Es geht um Instruktionen von Gott an die Menschen, an die wir uns halten müssen. Wenn ich den Koran lese, kommt aber etwas ganz anderes heraus. Da gibt es keinen Gott, der nur verherrlicht werden möchte - warum auch, er ist ja vollkommen. Es geht in meinem Islamverständnis um den Menschen.

          Was hat dieser Islam mit deutscher Lebenswirklichkeit zu tun?

          Religion ist dann nicht mehr Bevormundung. Und das wollen wir auch den Studenten vermitteln: dass sie die Inhalte reflektieren sollen. Sie sollen den Islam nicht als Quelle von Gesetzen verstehen, sondern von Spiritualität und allgemeinen ethischen Prinzipien.

          Fremd in dem Land, in dem sie geboren sind: Gerade junge Muslime fühlen sich wegen ihres Glaubens in Deutschland oft ausgegrenzt

          Und die Prinzipien des Islam sind mit den Prinzipien der Bundesrepublik Deutschland vereinbar?

          In meiner Lesart absolut. Im Koran sind es fünf: Gerechtigkeit, die Unantastbarkeit der menschlichen Würde, die Freiheit aller Menschen, die Gleichheit aller Menschen und die soziale Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber seinen Mitmenschen und seiner Umwelt. Wie wir diese Prinzipien dann umsetzen, ist keine Frage der Religion, sondern eine gesellschaftspolitische Frage.

          Das klingt ein bisschen nach einem für Europa erfundenen Kuschelislam. Oder stehen Sie damit in einer islamischen Tradition?

          Natürlich stehe ich in einer islamischen Tradition. Es gibt im Islam rationalistische Schulen, die die Vernunft zu einer eigenständigen Erkenntnisquelle erhoben haben. In dieser Tradition sehe ich mich. Allerdings hat diese Tradition nicht als Hauptströmung überlebt. Durchgesetzt hat sich das Bild eines fordernden Gottes, der den Menschen erschaffen hat, um sich verherrlichen zu lassen.

          Was Sie lehren, glaubt außer Ihnen also kaum jemand.

          Solche rationalistischen Ansätze gibt es nicht nur in Europa, sondern auch in den muslimischen Ländern, in der Türkei zum Beispiel oder auch in Iran oder Nordafrika. Allerdings funkt dort oft die Politik dazwischen. Ich bin jedenfalls zuversichtlich. Die jüngsten Veränderungen in der arabischen Welt werden das Bedürfnis nach einem anderen Islam wachsen lassen. Die Leute sind die bevormundende Theologie leid, und die hat sich durch die jahrelange Unterstützung der Diktatoren auch kompromittiert.

          Wieso gibt es so verschiedene Interpretationen des Islam?

          Jede Religion ist abhängig von der Gesellschaft, in der sie sich entwickelt. Der Islam ist in den letzten Jahrhunderten in archaischen Stammesgesellschaften gewachsen, wo der Älteste oben steht, keinen Widerspruch duldet und verherrlicht werden will. Da mag dann auch ein entsprechendes Gottesbild entstehen. Ein Diktator-Gott. Einer, der befiehlt und zornig ist, wenn man ihm nicht gehorcht. Das finde ich allerdings sehr einseitig.

          Stimmt es denn nicht?

          Es reduziert Gott auf ein Konstrukt. Der koranische Gott ist ein vollkommener und barmherziger. Laut dem Koran hat Gott sich selbst nichts anderes vorgeschrieben als die Barmherzigkeit. Jede Sure beginnt mit der Anrufung von Gottes Barmherzigkeit. Das Christentum ist eine Religion der Liebe, der Islam ist eine der Barmherzigkeit. Da ist keine große Distanz. So versuchen die Religionen, in die Gesellschaft ein Korrektiv einzubringen.

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