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Sprengstoff ist out : Terroristen steigen auf Sturmgewehre um

Manche Stoffe werden allerdings nur verkauft, wenn der Käufer seine Identität preisgibt. Die terroristische „Sauerland“-Gruppe fiel 2007 auf, weil sie etwas zu oft Wasserstoffperoxid beim gleichen Händler kaufte; die Polizei tauschte den in einer Garage in Fässern lagernden Stoff in einer Geheimaktion gegen ein ungefährliches Gemisch aus. Als die Terroristen die Flüssigkeit in einem Ferienhaus im Sauerland für den Bombenbau hochkochen wollten, klappte das nicht.

Durch die organisierte Kriminalität kommt man an fast alles

Auch müssen Bombenbauer technische Kenntnisse haben. Denn schon ein kleiner Fehler kann dazu führen, dass die Bombe nicht explodiert. Die „Kofferbomber“, zwei aus dem Libanon stammende junge Männer, machten im Sommer 2006 beim Basteln etwas falsch, so dass die Sprengsätze, die sie in Rollkoffern versteckt am Kölner Hauptbahnhof in zwei Regionalzügen deponiert hatten, nicht hochgingen. Auch eine Bombe, die Mitglieder einer islamistischen Terrorzelle im Dezember 2012 am Bonner Hauptbahnhof auf einem Gleis abstellten, detonierte nicht. Der Zünder war fehlerhaft konstruiert.

Die Täter der „Sauerland“-Gruppe waren immerhin noch im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet im Bombenbau unterrichtet worden. Den Dschihadisten, die heute nach Syrien in den Kampf ziehen, fehlt solches Wissen. Sie lernen vor allem Schießen. Wer etwas auf sich hält, posiert mit einer Kalaschnikow vor der schwarzen Flagge des „Islamischen Staates“, wie vielfach auf Fotos und Videos im Internet zu sehen ist. Kriegswaffen, vor allem Maschinenpistolen und Sturmgewehre, sind Kult. Der Mann und sein Gewehr, dieser Mythos wird gepflegt und befördert. Die Terrororganisationen Al Qaida und Islamischer Staat rufen in ihren Magazinen und Videos ihre Anhänger dazu auf, sich eine Waffe zu schnappen und auf eigene Faust loszuschlagen, am besten gleich dort, wo sie leben.

Amedy Coulibaly in einem vor seinem Anschlag gedrehten Video mit einer Maschinenpistole.

Wer seinem Opfer direkt in die Augen sieht, muss eine höhere Hemmschwelle überwinden als ein Bombenleger. Die Terroristen, die in den vergangenen Monaten zuschlugen, scheinen damit kein Problem zu haben. Manche, wie Nemmouche, haben das Töten wohl schon in Syrien geübt. Andere sind durch Horrorvideos im Internet beeinflusst, in denen Islamkritiker, Juden, Amerikaner und andere zu „Feinden Gottes“ erklärt werden, die den Tod verdient haben. Dass sie selbst ums Leben kommen könnten, nehmen die meisten Attentäter in Kauf.

Aber wie kommt ein Täter zu einer Waffe? „Über Kontakte zur organisierten Kriminalität lässt sich fast jede Waffe in der Bundesrepublik besorgen“, sagen Ermittler. Oft knüpfen Islamisten solche Kontakte, während sie im Gefängnis sitzen. Der Attentäter von Kopenhagen, ein 22 Jahre alter Islamist, hatte zum Beispiel gerade eine Haftstrafe verbüßt. Seine Waffe soll er aus dem Bandenmilieu bekommen haben. Die Täter von Paris führten sogar eine Panzerfaust mit sich. Selbst Waffen, die unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen, sind auf dem Schwarzmarkt nicht sehr teuer: Eine Kalaschnikow ist für rund 500 Euro zu haben, eine Maschinenpistole kostet etwa die Hälfte.

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