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Deutsche Syrien-Kämpfer : Der Teufel reitet uns, Bruder

  • -Aktualisiert am

In der Musik trotz Erfolgen keinen Lebensinhalt gefunden: Deso Dogg in typische Rapper-Pose 2005 in Berlin Bild: dpa

Denis und Inan waren beste Freunde. Zwei Bad Boys in Berlin. Bis Denis nicht mehr Rapper sein wollte, sondern Krieger. Heute gehört er zur Führung des „Islamischen Staats“. Warum?

          Die Mail an Inan kam kurz vor elf. „Mein alter Ganggenosse, habe dich vermisst und oft an dich gedacht.“ Absender war Denis Cuspert alias Deso Dogg, der bekannteste Dschihadist aus Deutschland. Einer, der es in den engsten Führungszirkel des „Islamischen Staates“ geschafft haben soll. Denis Cuspert schrieb aus Syrien. „Ich weiß, du hast bestimmt viele Fragen, und ich habe viele Antworten.“ Inan hatte vor allem zwei Fragen: Warum hat sich mein Freund dem IS angeschlossen? Und hätte ich ihn aufhalten können?

          Zwanzig Jahre lang waren sie befreundet, kannten einander, seit sie 18 waren. Inan war bei den Bulldogs 21 und Denis bei den Araber Boys, Jugendgangs in Berlin. Vor Denis hatten die Jungs Respekt. Leute einschüchtern, bedrohen, schlagen, das konnte er sehr gut. Und darauf kommt es auf der Straße an. Er gehörte immer zu den besten Kämpfern in seiner Gruppe, vielleicht war er sogar der beste. Denis war als Jugendlicher zum Islam konvertiert. Mit 18 hatte er schon einige Jahre im Jugendarrest verbracht. Er rauchte täglich Haschisch und zog sich manchmal Koks durch die Nase.

          Denis Cuspert weckte seinen Beschützerinstinkt

          Inan und Denis sahen sich meistens auf Partys oder in Discotheken. Beide spielten den Bad Boy, keiner wollte Schwächen zeigen. Inan merkte aber schnell, dass es noch einen anderen Denis gibt. Einen sanften, der für andere Menschen da ist, und der verletzlich ist. Denis’ Vater ist ein Ghanaer, die Mutter deutsch. Der Vater verließ die Familie, kurz nachdem Denis geboren wurde. Die Mutter heiratete einen amerikanischen Soldaten, der in Deutschland stationiert war. Sie bekam ein weiteres Kind mit ihm. In der Schule war Denis ein Außenseiter, darüber singt er in einem Lied: „Auf dem Schulhof war ich nur der kleine Nigger-Junge mit kaputter Jeans, dem bösen Blick und ’ner frechen Zunge.“ Denis fühlte sich daheim nicht wohl. Ob er geschlagen wurde, weiß Inan nicht. Sie haben nie über solche Sachen geredet. Er weiß nur, dass Denis fast immer bei Freunden übernachtete. Immer häufiger auch bei Inan.

          „Er weckte meinen Beschützerinstinkt“, sagt Inan heute. „Meine Lebensaufgabe war, ihn von Scheiße abzuhalten.“ Denis fühlte sich schnell persönlich beleidigt, wollte Streit sofort mit den Fäusten austragen. Inan war derjenige, der es lieber erst mal mit Reden versuchte. In einer Gruppe von Verrückten war er der Vernünftigste. Wobei „vernünftig“ nicht unbedingt das erste Wort ist, das einem zu Inan einfällt. Auch er hat allerlei Straftaten begangen. Prügeleien, Messerstechereien und viele andere Dinge, deretwegen er vor Gericht stand.

          Hinter dem Rücken andere Töne

          Wir treffen uns in einem Café in Berlin-Kreuzberg. Inan bestellt Apfelschorle, Alkohol trinkt er nicht. Es ist laut, doch seine Stimme übertönt leicht allen Lärm um ihn herum. Inan sieht aus wie ein amerikanischer Straßengangster aus den achtziger Jahren. Lederjacke, dicke Goldkette, Goldringe an den Fingern, goldene Armbanduhr. Der Kopf ist sauber rasiert, er trägt einen dünnen Bart. Tattoos bedecken seine Arme. Inan ist ein 38 Jahre alter Kurde. Wenn er über Streit mit anderen Gangstern redet, sagt er manchmal Sätze wie: „Unser Disput musste gelöst werden.“ Dann klingt er sehr sachlich. Manchmal sagt er auch: „Dieser Hurensohn! Ich ficke sein Leben, er soll mal seine Rolle nicht übertreiben!“ In einem Moment ist er noch heiter, lacht laut auf, im nächsten guckt er dich durchdringend an, kommt mit seinem Kopf immer näher. Es ist, als ob man in einen Vulkankrater guckt.

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