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„Islamischer Staat“ : Die Terroristen lehren Kinder, andere Kinder zu kreuzigen

  • -Aktualisiert am

Ausschnitt aus einem IS-Propagandavideo Bild: AFP

Awda ist Yezidin. Der „Islamische Staat“ hat ihre Familie verfolgt. Sie selbst wurde mehrfach vergewaltigt und verkauft, bevor sie aus den Händen ihrer Peiniger fliehen konnte. Ihren Sohn haben sie zum Krieger gemacht.

          3 Min.

          Awda holt ihr Smartphone aus der Tasche. Die 28 Jahre alte Yezidin ruft ein Video auf, das die Terrorkrieger des „Islamischen Staates“ gemacht haben. Es zeigt, wie IS-Kämpfer Kinder zu Soldaten ausbilden. Sie deutet auf ein Kind in der ersten Reihe - es ist ihr zehn Jahre alter Sohn, der in Tel Afar von den Milizen des IS entführt wurde. Der Junge trägt jetzt ein Stirnband mit arabischer Schrift, man hört, wie er „Allah ist der einzige Gott und Mohamed sein Prophet“ schreit. Awda ist verzweifelt, sie braucht psychiatrische Hilfe.

          Die Yeziden sind eine religiöse Minderheit im Irak, die seit mehr als 4000 Jahren in diesem Land leben und nun von der islamistischen Terrormiliz verfolgt werden. Awda lebt jetzt in einem Flüchtlingscamp im Nordirak. Sie berichtet davon, wie IS-Kämpfer sie gefangen nahmen, von Gewalt, Vergewaltigung, Flucht und unvorstellbarem Leid. Sie sei zwölfmal an IS-Kämpfer im Irak und in Syrien verkauft und immer wieder geschlagen und vergewaltigt worden. Frauen des IS hätten sie in Mossul mit Schlägen und Nahrungsentzug bestraft und gefesselt. „Eine islamische Frau schaute zu, wie ich vergewaltigt wurde. Sie sagte mir, ich sei jetzt eine Muslimin geworden“, berichtet Awda. Schließlich habe sie es nach drei Monaten Geiselhaft geschafft, aus Syrien zu fliehen. Zwei Töchter und ihr Sohn seien immer noch in den Händen des IS. Sie wisse nicht, wo sie sich im Moment befänden. Über ihren Ehemann, der mit mehreren Männern in der Nähe von Sincar hingerichtet worden ist, redet sie nur beiläufig. Sie ist aufgeregt, verzweifelt, kommt immer wieder auf ihren Sohn zu sprechen.

          Viele Männer werden sofort hingerichtet

          Die Terroristen gehen systematisch gegen die religiösen Minderheiten im Irak und Syrien vor. Sie greifen yezidische Dörfer an, treiben die Menschen vor große Gebäude, nehmen ihnen Schmuck und Wertsachen ab. Danach trennen sie die Männer von den Frauen. Viele Männer werden sofort hingerichtet. Dann werden ältere Frauen, Frauen mit Kindern, verheiratete Frauen ohne Kinder und junge Mädchen in Gruppen aufgeteilt und an verschiedene Orte gebracht. Ältere Frauen und Frauen mit Kindern werden in Massenunterkünften wie in Tel Afar oder Mossul interniert, die vormals von Schiiten bewohnt wurden. Sie werden von IS-Kämpfern bewacht, erniedrigt, geschlagen, vergewaltigt. Jeden Abend tauchen IS-Kämpfer, aber auch zivile Männer aus Syrien, Saudi-Arabien und anderen arabischen Ländern auf, weil sie die Frauen kaufen und mitnehmen wollen.

          In das Newroz-Flüchtlingslager der UN in Syrien kommen viele Yeziden, die vor dem „Islamischen Staat“ geflohen sind.
          In das Newroz-Flüchtlingslager der UN in Syrien kommen viele Yeziden, die vor dem „Islamischen Staat“ geflohen sind. : Bild: Helmut Fricke

          Die Frauen werden gezwungen, sich zum Islam zu bekehren und täglich auf Arabisch zu beten, obwohl sie nur Kurdisch sprechen. Die Kinder werden ähnlich wie afrikanische Kindersoldaten gedrillt und instrumentalisiert. Sie werden zur Unmenschlichkeit erzogen und sollen schließlich gegen ihre eigenen Familien vorgehen. Sie werden in den Camps dazu ausgebildet, andere Kinder zu schlagen, zu kreuzigen oder lebendig zu begraben, wenn sie sich nicht an die Vorgaben des IS halten. Diejenigen, die nicht in den Kampf geschickt werden, dienen als Lakaien der Emire, als Wachen oder als Spione in den Dörfern oder Lagern, in denen Yeziden oder andere religiöse Minderheiten gefangen gehalten werden.

          Kinder drohen eigenen Familien mit Enthauptungen

          Der Unterricht besteht neben täglicher religiöser Indoktrination aus Kampfsport und Abhärtung gegen Schmerzen und Grausamkeiten. In Städten wie in Tel Afar, Mossul oder Rakka müssen die Kinder zusehen, wie IS-Kämpfer Bürger steinigen, auspeitschen und enthaupten oder Körperteile auf öffentlichen Plätzen amputieren. Alles, was die Kinder bisher von ihren Eltern gelernt haben, soll bedeutungslos werden. Sie sollen verlässliche neue Kämpfer des IS werden. Einige Kinder, die freigelassen wurden, haben sich stark verändert. Sie verteidigen den Islam und den IS, obwohl sie Yeziden sind; sie drohen ihrer eigenen Familie mit Enthauptungen, wenn sie sich dem IS nicht anschließen. Die Kinder sollen die pathologische Ideologie des „Islamischen Staates“ in die kurdische Gesellschaft tragen und diese von innen aushöhlen.

          Erbarmungsloser Kampf: Ein Anhänger des „Islamischen Staats“ in Kobani, Syrien
          Erbarmungsloser Kampf: Ein Anhänger des „Islamischen Staats“ in Kobani, Syrien : Bild: AP

          Awda wurde von den IS-Milizen von ihren Kindern getrennt, weil sie „besonders hübsch“ war. Man verkaufte sie an einen „Emir“ nach Rakka; dieser habe sie einen Monat lang jeden Tag mehrmals vergewaltigt und dann weiterverkauft. „Ich wurde auch an einen ausländischen IS-Kämpfer verkauft, der kaum Arabisch konnte. Sie waren besonders brutal, nahmen Drogen und holten sich jeden Tag neue Frauen. Sie haben überhaupt kein Schamgefühl“, berichtet Awda. Bevor sie mit Hilfe einer arabischen Familie geflohen sei, sei sie von sechs Aufsehern des Emirs vergewaltigt worden.

          Awda holt ein Bild aus ihrer Tasche, es zeigt sie in einem Garten mit ihren Kindern. Glückliche Zeiten scheinen das für die yezidische Familie gewesen zu sein. Awda sagt, sie habe oft daran gedacht, sich das Leben zu nehmen. „Nach der ersten Vergewaltigung habe ich Rattengift zu mir genommen, ich musste aber erbrechen und bin einfach nicht gestorben. Ich will meine Kinder wiederhaben, das ist der einzige Grund, warum ich noch lebe.“ Die IS-Terroristen hätten ihren Sohn zu einem Mörder gemacht, sie wolle gar nicht wissen, was mit ihren Töchtern geschehen sei. Sie bricht den Satz ab, blickt starr auf den Boden und schweigt.

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