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Islamischer Friedhof in Wuppertal : Mit Ewigkeitsrecht

Auf dem bestehenden Gräberfeld: Lemmer und Bouaissa in Ronsdorf Bild: Edgar Schoepal

Auf städtischen Friedhöfen wird ein Grab irgendwann wieder aufgelöst - für Muslime nicht akzeptabel. Nun entsteht in interreligiösem Einvernehmen in Wuppertal der erste islamische Friedhof Deutschlands.

          Samir Bouaissa findet, dass die Muslime endlich ganz ankommen sollen. Wer wie er längst Deutschland als seine Heimat bezeichnet, solle auch nach seinem Tod in Deutschland bleiben dürfen. Für immer. Aber so einfach ist das nicht für Muslime. Auf städtischen Friedhöfen kann ein Grab nur für 25 Jahre gepachtet werden, die Angehörigen können danach den Pachtvertrag verlängern. Irgendwann aber wird ein Grab wieder aufgelöst. So auch auf dem städtischen Friedhof im Wuppertaler Stadtteil Ronsdorf, wo es ein kleines Gräberfeld für Muslime gibt. Nach muslimischem Brauch sollen Tote jedoch für alle Ewigkeit Ruhe finden. „Ein Muslim will sich ganz sicher sein“, sagt Bouaissa. Viele Muslime lassen sich deshalb nach ihrem Tod in die Heimat ihrer Vorväter bringen. „Auch wenn diese Heimat längst nicht mehr ihre Heimat ist, sondern Wuppertal“, wie Hans-Jürgen Lemmer, Leiter des Wuppertaler Ressorts Integration formuliert.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Das Problem ist allerdings nicht in erster Linie das Ewigkeitsrecht. Auf jüdischen Friedhöfen gilt selbstverständlich das Ewigkeitsrecht. Das Problem ist die Sache mit der Trägerschaft. Nach dem derzeit gültigen Bestattungsrecht dürfen nur Kommunen und Religionsgemeinschaften, die Körperschaften öffentlichen Rechts sind, Friedhöfe anlegen und unterhalten. Die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen will das nun ändern. Im novellierten Bestattungsgesetz, das am 1. Januar 2014 in Kraft treten soll, wird auch gemeinnützigen Religionsgemeinschaften oder religiösen Vereinen das Recht zuerkannt, Friedhofsträger zu sein.

          „Heute steht Wuppertal für religiöse Toleranz“

          „Wir Muslime beschäftigen uns intensiv mit dem Themen Sterben und Beerdigung“, sagt Samir Bouaissa, der neben seiner Tätigkeit als Personalratsvorsitzender der Wuppertaler Stadtverwaltung auch Generalsekretär der Wuppertaler Moscheen ist. „Die Vorstellung, dass nach 25 Jahren die Totenruhe gestört werden könnte, ist für Muslime unerträglich.“ Viele seiner Glaubensbrüder legten sich nur deshalb zu Lebzeiten darauf fest, nach dem Tod in die Ferne gebracht zu werden. „Aber die allermeisten erleben einen ganz großen Konflikt.“ Schließlich gehöre es zu den Pflichten eines Muslims, die Gräber seiner Verwandten zu besuchen und zu pflegen. „Das Familienleben geht nach dem Tod weiter. Aber wie soll man seine toten Verwandten besuchen, wenn sie irgendwo weit weg begraben sind?“ Der 40 Jahre Bouaissa jedenfalls fährt nur noch alle paar Jahre nach Marokko, ins Heimatland seiner Vorväter.

          Integrationsamtsleiter Lemmer findet, dass der erste deutsche Friedhof in muslimischer Trägerschaft ganz wunderbar zu Wuppertal passen wird. „Wir sind nach Berlin ja die Stadt in Deutschland mit den meisten Friedhöfen“, sagt Lemmer augenzwinkernd. „Das hat damit zu tun, dass Wuppertal die Stadt ist, in der es die meisten Religionen, Sekten und Glaubensgemeinschaften gibt.“ Früher ging es zwischen den Gruppen nicht immer friedlich zu. Immer wieder kam es zu Aufspaltungen und Absplitterungen. „Aber heute steht Wuppertal für religiöse Toleranz“, sagt Lemmer. Seit dem verheerenden Brandanschlag auf das Wohnhaus einer türkischstämmigen Familie in der Nachbarstadt Solingen vor 20 Jahren gibt es in Wuppertal einen runden Tisch, an dem regelmäßig Christen, Muslime und Juden zusammenkommen. Und dort kam auch die Idee auf, dass in Wuppertal nun nicht nur einfach der erste muslimische Friedhof in Deutschland entstehen soll, sondern auch der erste Friedhof für die drei Weltreligionen. Auf dem evangelischen Friedhof im Stadtteil Varresbeck, wo es heute schon einen jüdischen Friedhof gibt, wollen die Wuppertaler Muslime ein Grundstück pachten. Nur durch einen kleinen Zaun sollen die drei Grabfelder voneinander getrennt sein.

          Für die Kosten müssen die Angehörigen aufkommen

          „Wir haben für das Projekt einen sehr langen Atem gebraucht“, sagt Lemmer. Schon vor fünf Jahren, noch unter dem früheren nordrhein-westfälischen Integrationsminister Armin Laschet (CDU), habe man begonnen, für ein neues Bestattungsgesetz zu werben. Aber dann kam die Landtagswahl 2010. Und das danach bis Anfang 2012 regierende rot-grüne Minderheitsbündnis sei mit anderen Fragen befasst gewesen als dem Bestattungsrecht, sagt Lemmer.

          Auch die Wuppertaler Moscheegemeinden haben einen weiten Weg zurücklegen müssen. Den Gemeinden gehören Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und Muttersprache an. Es gibt manche Differenzen im Islam-Verständnis. „Nun haben wir uns zum ersten Mal überhaupt für ein gemeinsames Projekt zusammengetan“, sagt Generalsekretär Bouaissa. Und ganz nebenbei habe das Vorhaben einen sehr schönen Integrationseffekt. „Wir haben nämlich nur eine gemeinsame Sprache: Deutsch.“ Welche Organisationsform die 15 Wuppertaler Moscheevereine in der Friedhofsfrage wählen, ist noch nicht abschließend entschieden. „Vermutlich gründen wir einen gemeinsamen Trägerverein“, sagt Bouaissa. Öffentliche Zuschüsse wird es für den ersten muslimischen Friedhof jedenfalls nicht geben, weder von der - ohnehin stark verschuldeten - Stadt Wuppertal, noch vom Land.

          Für die Kosten werden die Muslime selbst aufkommen müssen. Bouaissa ist sich aber sicher, dass das kein Problem sein wird. Die meisten Muslime zahlten ohnehin in von türkischen oder arabischen Organisationen angebotene Sterbekassen ein, die dann die sehr kostspielige Überführung und Beerdigung in der „Heimat“ bezahlen. „Die Kassen haben uns schon signalisiert, dass sie auch Beerdigungen in Wuppertal bezahlen würden.“ Wann die erste Beerdigung auf dem muslimischen Friedhof in Wuppertal stattfindet, steht noch nicht fest. „Es dauert gewiss noch zwei Jahre“, sagt Integrationsamtsleiter Lemmer. „Aber das ist nun ja auch keine Ewigkeit mehr.“

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