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Islam und Christentum : „Jesus kommt zu den Deutschen“

  • -Aktualisiert am

Jesus ist Jesus: Aber ist er nun Gottes Sohn oder bloß ein Prophet? Da sind sich der kleine Baris und seine Eltern nicht einig Bild: dapd

Baris ist fünf Jahre alt und Muslim. Aber seit er in den Kindergarten geht, schwärmt er von den „Heiligen drei Geistlein“ und Sankt Martin. Seine Eltern sind ratlos.

          3 Min.

          „Lieber Gott...“ Der kleine Baris* stockt. Zwei Tage lang hat der Fünfjährige die Fürbitte auswendig gelernt, und immer wieder hat er seiner Mutter den Satz vorgetragen. Doch jetzt, als es darauf ankommt, fallen ihm die Worte nicht ein. Der Junge steht in einer Kirche in Duisburg und feiert den Gottesdienst mit vierzig anderen Kindern aus seinem katholischen Kindergarten. Es ist ganz still, alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Baris ist aufgeregt. Nach einigen Sekunden fallen ihm die Worte doch noch ein. „Lass uns an die Kinder denken, denen es nicht so gut geht.“ Gut gemacht, er darf sich setzen.

          Den Rest des Gottesdienstes meistert Baris locker. Bei den Kirchenliedern ist er textsicher, und auch das Vaterunser spricht er flüssig. Am Ende macht er mit der Hand ein Kreuz. Wie ein richtiger Christ. Doch Baris ist Muslim.

          Seine Eltern hatten sich bewusst für einen katholischen Kindergarten entschieden. Er ist der beste im Viertel, fand die Mutter. Bald soll Baris auf eine katholische Grundschule gehen, und wenn er tatsächlich so klug ist, wie seine Mutter behauptet, schafft er es vier Jahre später auf ein katholisches Gymnasium. Seine Eltern finden es in Ordnung, dass er mit dem Christentum in Berührung kommt: Die Grundwerte der Religionen seien gleich.

          „Baris, wie betest du denn“

          Doch inzwischen begeistert sich Baris so sehr für das Christentum, dass es den Eltern manchmal schon unheimlich wird. Der Kleine glaubt daran, dass Jesus Gottes Sohn ist, und er glaubt an die „Heiligen drei Geistlein“. Er meint die drei Könige. Baris weiß auch, wer „Bischof Nikolaus“ ist. „Aber der Nikolaus, der in den Kindergarten kam, war nur verkleidet“, erklärt er seinen Eltern.

          Über Gott redet er mit ihnen nicht so gern, seit sie sich vor einigen Monaten gestritten haben: Die Familie saß damals am Abendbrottisch und unterhielt sich friedlich. Aber die Mutter hatte am Tag zuvor beim Elternabend im Kindergarten erfahren, dass die Kleinen jeden Tag vor dem Essen beten. Sie dürfen sich aussuchen, ob sie dabei ihre Hände wie Christen oder wie Muslime halten.

          „Baris, wie betest du denn“, fragte die Mutter den Sohn, „so oder so?“ Dabei faltete sie erst wie Christen die Hände, und anschließend öffnete sie die Handflächen, wie es Muslime beim Beten tun. „Oh, lasst mich doch. Das interessiert euch doch nicht“, schrie Baris da. Er wollte nicht verraten, dass er wie ein Christ betet. Seine Eltern sagten nichts mehr. Sie wollten Baris nicht verunsichern.

          Vor dem Streit hatte Baris zu Hause oft von der Kirche und von Jesus erzählt. Am liebsten aber hatte er über Sankt Martin geredet. Von ihm hat er gelernt, wie wichtig es ist, zu teilen. Deswegen gibt er seiner zweijährigen Schwester Süßigkeiten ab, auch, wenn sie sich zuvor mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat, dass er etwas von ihren Chips abbekommt.

          „Ich frage morgen Ilse“

          Schon oft haben die Eltern versucht, Baris für den Islam zu gewinnen. Immer ganz vorsichtig. Sein Vater hat ihm ausführlich erklärt, dass sie Muslime sind, dass sie zwar an den Propheten Jesus glauben, aber Mohammed ihr letzter und wichtigster Prophet ist. Doch das hat Baris überhaupt nicht interessiert. So leicht lässt er sich nicht bekehren.

          So leicht geben die Eltern aber auch nicht auf. Baris’ Vater nahm den Kleinen mit in die Moschee, eine hässliche Hinterhofmoschee, wie es viele in Deutschland gibt. Es war ein islamischer Feiertag, der winzige Raum war überfüllt, Dutzende Männer drängten sich. Baris verstand die türkische Predigt nicht, und das arabische Gebet schon gar nicht. Der Junge fand die Feier blöd. Als sein Vater ihn mal wieder in die Moschee mitnehmen wollte, entschied Baris sich für eine Zeichentrickserie im Fernsehen. Und zwingen wollte ihn der Vater dann auch nicht.

          Ein einziges Mal kam es zu Hause noch zum Streit über Religion. Schuld war ausgerechnet ein Atheist - Baris’ Onkel.

          Der sagte: „Das mit Gott weiß man nicht so genau. Die einen sagen so, die anderen so.“ Baris war sauer: „Wie ist es denn? Jetzt sag schon!“ Er wisse es ja selbst nicht, antwortete der Onkel. „Aber Ilse hat gesagt, Jesus ist Gottes Sohn“, wehrte sich Baris. Ilse ist seine Kindergärtnerin. Das wiederum wollte der Vater nicht durchgehen lassen. „Baris, wir sind Muslime, wir glauben nicht daran, dass Jesus Gottes Sohn ist.“ Das war zu viel für den Kleinen. „Ist mir egal. Ich frage morgen Ilse.“ Diskussion beendet.

          Diplomatische Kniffe vor Weihnachten

          Nicht immer ist Baris auf Krawall gebürstet, wenn er seinen Glauben verteidigt. Manchmal zeigt er sogar diplomatische Kniffe. So war es kurz vor Weihnachten. Er fragte seine Mutter, ob sie ihm einen Weihnachtsbaum kaufe. Wieder kam das alte Argument der Eltern: „Wir sind aber keine Christen.“ Baris’ Antwort: „Aber Mama, ich will doch nicht Weihnachten feiern. Ich will nur einen Baum schmücken.“ Genützt hat die Finesse nichts. Ein Weihnachtsbaum im eigenen Haus - das ging den Muslimen dann doch zu weit.

          Die Eltern wissen nicht, wie sie mit dem Durcheinander zwischen Christentum und Islam umgehen sollen. Sie hoffen, dass aus dem Fünfjährigen noch ein richtiger Muslim wird. Wenn er etwas älter ist, soll er regelmäßig die Moschee besuchen. Bis dahin hat vielleicht auch seine Begeisterung für Zeichentrickfilme nachgelassen.

          Inzwischen weiß Baris immerhin, dass Christentum und Islam nicht dasselbe sind. „Jesus kommt zu den Deutschen“, sagt er. Und woran glauben die Muslime? „An Gott.“ Und was ist mit Jesus? „An ihn glauben sie auch.“ Was ist dann der Unterschied? „Es gibt keinen.“

          *Name geändert

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