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Urteil gegen Nils D. : Zehn Jahre Haft, weil er für den IS folterte

  • -Aktualisiert am

Nils D. bei der Verkündung des Urteils in Düsseldorf Bild: dpa

Nils D. aus Dinslaken soll für den „Islamischen Staat“ brutal Menschen gefoltert und getötet haben. Einer lebenslangen Haftstrafe entgeht er nur, weil er gegen seine früheren Kumpane aussagte.

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          Seine Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert. Umso erstaunlicher, dass im Gesicht von Nils D. nicht die kleineste Regung zu erkennen ist, als das Düsseldorfer Oberlandesgericht (OLG) das ehemalige Mitglied der berüchtigten salafistischen „Lohberger Brigade“ am Freitag wegen Mordes und Kriegsverbrechen zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Der Senat kam nach 65 Verhandlungstagen zur Überzeugung, dass der heute 31 Jahre alte Mann aus Dinslaken-Lohberg während seiner Zeit beim „Islamischen Staat“ (IS) in Syrien auch am Foltertod eines von der Terrororganisation gefangenen Mannes beteiligt war. „Die Tat war Ausdruck seines damaligen religiösen Fanatismus“, sagt der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Causa Nils D. macht deutlich, dass sich der lange Atem des Rechtsstaats im Umgang mit IS-Verbrechern lohnt, auch wenn diese nicht gleich nach ihrer Rückkehr festgenommen oder wenn einem Angeklagten erst nach Jahren weitere Taten nachgewiesen werden können. Beides trifft auf Nils D. zu. Er musste sich nämlich schon einmal vor Gericht verantworten. Im März 2016 verurteilte das OLG Düsseldorf ihn wegen seiner IS-Mitgliedschaft und seiner Tätigkeit als Mitarbeiter eines „Sturmtrupps“ des IS, der „Verräter“ und „Deserteure“ aufspürte, und als Wachmann im IS-Gefängnis in Manbidsch zu viereinhalb Jahren Haft.

          Er kannte die IS-Hierarchie

          Als D. 2014 nach Deutschland zurückkehrte, hatten die Ermittler zunächst wenig in der Hand gegen ihn – nach zahlreichen abgehörten Gesprächen, in denen er vor seinen Freunden mit seiner Zeit beim IS prahlte, konnte dann ein Haftbefehl erwirkt werden. Im ersten Urteil im März vor fünf Jahren hatte D. kräftigen Strafrabatt bekommen, weil er sich vom IS distanziert und umfangreich mit der Justiz kooperiert hatte. Seine vielen Aussagen seit Sommer 2015 waren für die deutschen Ermittler eine „Goldgrube“, wie die Bundesanwaltschaft damals formulierte. Zahlreiche selbst ernannte Gotteskrieger belastete D. als Kronzeuge.

          Durch seine wechselnden Tätigkeiten in Syrien hatte D. einen guten Überblick über die IS-Hierarchie bekommen. Eigene Gewalttaten aber konnte ihm das OLG im ersten Verfahren nicht nachweisen, obwohl sich schon damals der Eindruck aufdrängte, dass D. gar nicht umfassend reinen Tisch gemacht hatte. So hatte der junge Mann etwa die Grausamkeiten der Folter nach der Methode „Balango“ auffällig detailreich geschildert – dabei wurden die Gefangenen in Manbidsch an ihren auf den Rücken gefesselten Händen aufgehängt und über mehrere Stunden mit Stöcken traktiert.

          Wegen guter Führung durfte sich D. 2018 Hoffnungen machen, auf freien Fuß zu kommen – dann bekamen die Ermittler neue Informationen. Ein in die Türkei geflohener Syrer sagte aus, D. habe in Manbidsch auch selbst gefoltert. Mindestens drei der Häftlinge seien an den Torturen gestorben. Ein großes Problem für das Gericht war, dass es trotz dreier Ersuchen an die Türkei nicht gelang, den Hauptbelastungszeugen zur Aussage nach Düsseldorf zu bekommen. Umso wichtiger war, dass das Landeskriminalamt NRW weiter ermittelte.

          Über eine Recherche in der Datenbank des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge konnte es mehrere mittlerweile in Deutschland lebende ehemalige IS-Gefangene ausfindig machen. Diese konnten glaubwürdig bezeugen, dass Nils D. in Syrien wiederholt als besonders brutaler Täter an Folterungen beteiligt war und dass im Juli 2014 eines der Opfer an den Torturen der „Balango“-Methode starb. Der von der Bundesanwaltschaft im zweiten Verfahren geforderten lebenslangen Haft entging D., weil er im ersten Verfahren gegen seine IS-Kumpane ausgesagt und damit geholfen habe, die Anschlagsgefahr in Deutschland deutlich zu verringern.

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