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Erderwärmung schreitet voran : Weltklimarat fordert Essgewohnheiten und Landwirtschaft umzustellen

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Ein Mähdrescher fährt in Petersdorf (Brandenburg) über ein Roggenfeld und drischt am 24. Juli den Roggen. Bild: ZB

Die Experten des Weltklimarats zeichnen ein düsteres Bild: Die Folgen der steigenden Erwärmung von Land und Meer könnten die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln gefährden.

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          Der Weltklimarat hat die internationale Gemeinschaft zu einer radikalen Veränderung von Essgewohnheiten und Landnutzung aufgerufen. Um die wachsende Erdbevölkerung dauerhaft zu ernähren und zugleich das Klima zu schützen, sei sofortiges Handeln nötig, fordern die Wissenschaftler des Weltklimarats (IPCC) in einem am Donnerstag veröffentlichten Sonderbericht. Das weltweite Bevölkerungswachstum und ein verändertes Konsumverhalten hätten zu einem nie dagewesenen Verbrauch von Land und Wasser geführt. Lebensmittelsicherheit, Gesundheit und Artenvielfalt stünden auf dem Spiel.

          Würde sich die Weltbevölkerung stärker von pflanzlichen und nachhaltig produzierten tierischen Lebensmitteln ernähren, könnten bis 2050 mehrere Millionen Quadratkilometer Land renaturiert werden, heißt es in dem Bericht. Der jährliche Kohlendioxid-Ausstoß könnte damit um 0,7 bis acht Gigatonnen sinken.

          Der weltweite Temperaturanstieg hat dem Bericht zufolge über den Landflächen bereits 1,53 Grad erreicht. Unter Berücksichtigung der sich langsamer erwärmenden Meeresflächen liege das globale Temperatur-Plus gegenüber der vorindustriellen Zeit bei knapp 0,87 Grad. Verglichen wurden die Zeiträume 1850 bis 1900 und 2006 bis 2015.

          Bereits im vergangenen Jahr hatte der Weltklimarat in seinem ersten Sonderbericht rasche Veränderungen angemahnt: Die Erderwärmung müsse auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden, nicht nur auf zwei Grad, wie im Pariser Weltklimaabkommen vereinbart.

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          Der Weltklimarat empfiehlt in seinem Bericht auch, im Kampf gegen eine weitere Erwärmung der Erde die Wälder und nicht zuletzt die Moore besser zu schützen.

          Die Land- und Forstwirtschaft steuert laut IPCC rund 23 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgase bei. „Hier liegt sehr viel Potential“, sagte die deutsche Ko-Autorin des Berichts, Almut Arneth aus Karlsruhe. Generell mache der Bericht deutlich, dass die Ressource Land begrenzt sei. „Wir können nicht weitermachen wie bisher.“

          Sehr skeptisch sei sie, dass die im Bericht auch thematisierten Aufforstungen bis hin zu Bioenergie-Plantagen ein guter Weg seien. Laut IPCC leben rund 500 Millionen Menschen in Gebieten, die von Versteppung bedroht sind. Diese Regionen seien umso anfälliger für Wetterextreme wie Dürren, Hitzewellen und Staubstürme.

          „Es ist sehr wichtig, dass der Weltklimarat die Bedeutung von Landflächen und Wäldern voll erkannt hat“, erklärte  Greenpeace-Waldexperte Christoph Thies. „Der Land-Sektor muss nun stärker in die nationalen Beiträge zur Erfüllung des Pariser Klimaabkommens einfließen“, so Thies. Er kritisiert am Report aber, dass die massive Aufforstung sehr unkritisch gesehen werde. „Wir bevorzugen die Alternative der Renaturierung von Ökosystemen wie Wäldern und Mooren.“ So entstünden im Gegensatz zu aufgeforsteten Monokulturen auch Lebensräume für viele Tiere und Pflanzen.

          Um den Netto-Ausstoß ihrer Treibhausgase stark zu reduzieren, wollen einige Experten große Flächen für Wälder nutzen, die die Treibhausgase aus der Atmosphäre ziehen können. In Verbindung mit dem Ziel der Lebensmittelsicherheit für die gesamte Bevölkerung drohen so Landkonflikte - zusätzlich zu den Entwicklungen, die der Klimawandel bereits jetzt ausgelöst hat.

          Juli 2019 war der heißeste Monat seit Aufzeichnungsbeginn

          „Der Bericht bestätigt, dass die vom Menschen verursachte Überhitzung der Atmosphäre schon jetzt zu mehr Hitzewellen und Dürren, heftigeren Starkregen und Überschwemmungen führt“, so die Hilfsorganisation Oxfam. Besonders besorgniserregend sei die Warnung vor einer Beeinträchtigung der weltweiten Nahrungsmittelversorgung, falls sich die Erde weiter deutlich erwärme.

          Die Bundesregierung will am 20. September ihre Klima-Strategie vorstellen. Am 23. September beraten die Staaten bei einem Klimagipfel der Vereinten Nationen über die Folgen des Temperaturanstiegs.

          Die Forscher hatten zunächst eine große wissenschaftliche Analyse erarbeitet, deren Zusammenfassung in Genf seit vergangenem Freitag intensiv beraten wurde. Die vor allem politischen Delegierten einigten sich dabei auf den nun veröffentlichten Bericht, der somit auch von den IPCC-Mitgliedsländern anerkannt ist.

          Die Dringlichkeit des Themas verdeutlichte zu Wochenbeginn nicht zuletzt die Mitteilung des Klimawandeldienstes Copernicus, dass der Juli 2019 global gesehen der heißeste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880 war. Copernicus ist ein Programm der Europäischen Union mit einer eigenen Satellitenflotte, das eine Vielzahl von Erdüberwachungsdaten liefert.

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