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Interview : Schäuble: „Der Islam ist keine Bedrohung für uns“

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Schäuble: Wer in Europa lebt, muß Pressefreiheit ertragen wollen Bild: f.A.Z. / Christian Thiel

Bundesinnenminister Schäuble (CDU) äußert sich im Interview der Sonntagszeitung über integrierte Türken, Zwangsehen, Deutschkenntnisse und ein Vorbild namens Niederlande.

          Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) äußert sich im Interview über integrierte Türken, Zwangsehen, Deutschkenntnisse und ein Vorbild namens Niederlande.

          Was können wir von Ausländern erwarten, die dauerhaft hier leben?
          Wir können erwarten, daß sie mit uns hier leben wollen. Sie sollten Deutsch lernen und am zivilgesellschaftlichen Leben in seiner Vielfalt teilnehmen. Sie sollten nicht so leben wollen, als wären sie nicht hier. Nehmen wir die jüngste Debatte über die Mohammed-Karikaturen. Ich kann schon verstehen, daß man sich durch die Karikaturen verletzt fühlt. Aber wer in Europa lebt, muß ertragen wollen, daß es Pressefreiheit gibt.

          Sind die muslimischen Einwanderer ein besonderes Problem?
          Viele, die ursprünglich als Gastarbeiter hierhergekommen sind, haben sich ohne Probleme integriert, etwa die Italiener. Auch gibt es viele gut integrierte Türken. Wir haben kürzlich die positive Erfahrung gemacht, daß sich die muslimische Bevölkerung in Deutschland in der Frage des Karikaturenstreits sehr maßvoll verhalten hat. Wer sich durch die Karikaturen verletzt fühlte, hat dagegen demonstriert. Das entspricht unserer Freiheitsordnung. Aber es gab keine Gewalt, und in den Moscheen wurde vor Gewalt sogar gewarnt. Wir Deutsche sollten uns immer wieder klarmachen, daß der Islam keine Bedrohung für uns ist.

          Was müssen wir von denen verlangen, die Deutsche werden wollen?
          Sie müssen nachweisen, daß sie schon ein gutes Stück Integrationsarbeit geleistet haben. Deswegen ist es richtig, daß man vor der Entscheidung über die Einbürgerung prüft, ob ein hinreichendes Maß an Willen zur Integration besteht. Ob man das in Gesprächen macht - Baden-Württemberg hat dazu den Gesprächsleitfaden vorgestellt - oder Tests macht, wie es die Niederlande schon für die Aufenthaltsgenehmigung tun, das wird man sehen. Auf jeden Fall werden Deutschkenntnisse dazugehören.

          „Müssen als Deutsche mit uns im reinen sein”

          Die Akzeptanz unserer Kultur kann man nicht erzwingen, auch nicht durch Einbürgerungstests.
          Bis jetzt haben wir ja keinen solchen Test. Aber schon die Debatte darüber vermittelt den Menschen ausländischer Herkunft, worum es geht. Von der niederländischen Kollegin Verdonk habe ich eine interessante Geschichte gehört: Die dortigen Behörden versenden an diejenigen, die ein Aufenthaltsrecht erwerben wollen, eine DVD, die Grundkenntnisse über das Land vermittelt. Da gibt es eine Passage, in der holländische Frauen am Strand oben ohne baden. Das rief Proteste in der arabischen Welt hervor. Dann haben die Niederländer die Bilder rausgenommen, aber den Text gelassen. Denn es ist auch für Muslime gut zu wissen: Wenn du in Holland an den Strand gehst, kann es dir passieren - ob das nun Hoffnung oder Befürchtung ist -, daß du spärlich bekleidete Frauen siehst. Wenn man das nicht will, sollte man nicht in dieses Land gehen.

          Was können die Deutschen tun für die Integration?
          Gerade aus der türkischen Gemeinschaft kann man immer wieder hören: Solange die Deutschen sich mit ihrer nationalen Identität so schwertun, so lange ist es schwer, anderen zu sagen, sie sollen Deutsche werden. Aber wenn die Kinder und Enkelkinder der Migranten Deutsche werden, wenn es eine geglückte Integration gibt, dann werden sich auch die Deutschen verändern. Wir müssen als Deutsche mit uns auch ein wenig im reinen sein, unsere Vergangenheit akzeptieren. Wer Deutscher werden will, muß die deutsche Vergangenheit als seine nationale Vergangenheit mit übernehmen. Das geht nicht, daß die Zugewanderten sagen: Was vor 1945 war, interessiert uns nicht. Auch die, die nach 1945 geboren sind, haben als nationale Identität die Verantwortung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das gilt auch für die, die sich integrieren wollen.

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