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Mouhanad Khorchide im Gespräch : „Mit Mahnwachen bekämpft man den Islamismus nicht“

  • Aktualisiert am

Unter Polizeischutz: Khorchide vor dem Schloss in Münster, dem Sitz der Universität. Bild: dpa

Er ist liberal, er ist Islamwissenschaftler und er steht unter Polizeischutz. Mouhanad Khorchide kritisiert die Haltung vieler Muslime nach den Anschlägen von Paris. Wer sage, Salafismus habe nichts mit dem Islam zu tun, der verdränge das Problem. Ein Gespräch.

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          Die muslimischen Verbände in Deutschland haben die Attentate von Paris scharf verurteilt. Zugleich heißt es: Das hat mit dem Islam nichts zu tun. Doch berufen sich die Salafisten auf den Islam.

          Natürlich müssen die Verbände sich distanzieren, was sie auch getan haben. Aber nun einfach zu sagen, Salafismus hat nichts mit dem Islam zu tun, ist ein Verdrängungsmechanismus, der uns allen nicht hilft. Damit wird das Problem ignoriert. Jetzt müsste man sich im Detail die Argumente der Salafisten anschauen und diese mit starken Gegenargumenten entschärfen.

          Helfen keine Mahnwachen?

          So etwas wie die Mahnwache am Dienstagabend ist eine schöne, wichtige Geste. Es ist gut, der Mehrheitsgesellschaft zu sagen: Bitte pauschalisiert nicht. Nicht alle Muslime sind Salafisten oder Extremisten. Aber dadurch bekämpft man nicht den Islamismus. Es wird gar nicht thematisiert, was das für Argumente sind, die es erlauben, einfach unschuldige Menschen zu töten. Wir müssen endlich einen innerislamischen theologischen Diskurs führen. Im Kern müssen wir vor allem darüber sprechen, wie mit Nicht-Muslimen umgegangen werden soll, das heißt auch über die These, dass Gott auch im Jenseits noch ewige Gewalt gegen Nicht-Muslime ausüben wird. Aber es gibt diesen Diskurs noch nicht.

          Aus manchen muslimischen Verbänden heißt es: Wir sind dazu da, den Islam zu praktizieren. Theologische Debatten sollen an den Universitäten geführt werden.

          Ich sehe ein, dass manche sagen, sie hätten nicht die Expertise. Aber dann müssten die Verbände den Diskurs an den Universitäten stärker unterstützen – oder ihn nicht behindern – und sie müssten offen für theologische Positionen sein, die vielleicht nicht von der Mehrheit der traditionellen Gelehrten vertreten wurde, aber dennoch für heute fruchtbar sind.

          Inwiefern wird dieser Diskurs eingeschränkt?

          Positionen wie die meine, die eher offen sind, werden schnell als unislamisch abgetan. Im vorigen Jahr wurde gegen mein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ vehement vorgegangen. Dabei ist es ein Angebot, die gute, barmherzige Seite des Islams in den Vordergrund zu stellen.

          Der Koordinationsrat der Muslime forderte in dem Gutachten Ihre Absetzung, von der größten muslimischen Organisation Ditib hieß es, sie seien „nicht tragbar“.

          Das ist ein Lernprozess für uns alle, auch für die Verbände. Zumindest Ditib öffnet sich nun sukzessive und unterstützt unsere Arbeit.

          Aber müssten sich die Moscheeverbände nicht auch von innen her wandeln?

          Die Moscheegemeinden machen gute praktische Arbeit, besitzen aber nicht immer die theologische Expertise. Zudem erreichen sie nicht die breite Basis der Muslime. Aber wenn wir Hand in Hand arbeiten, die Moscheegemeinden und die Universitäten zusammen, können wir uns ergänzen und den Wandel schaffen. Bei uns in Münster haben sich im vergangenen Jahr 1400 Muslime beworben. Wir begannen 2012 mit dem Studiengang der islamischen Theologie, inzwischen haben wir 650 Studierende. Der Großteil soll später Religionslehrer oder Imame werden. Das ist ein Wandel von unten.

          Welche Rolle spielt die Sprache? Nur in wenigen Moscheen wird auf Deutsch gepredigt.

          In sehr wenigen. In einem Großteil der Moscheegemeinden werden andere Sprachen als Deutsch gesprochen. Gerade die aus der Türkei angeworbenen Imame kommen für ein paar Jahre nach Deutschland und gehen dann zurück. Das motiviert nicht gerade, Deutsch zu lernen.

          Verlieren die Gemeinden so den Nachwuchs?

          Dadurch erreichen die Gemeinden die erste Generation der Einwanderer, aber junge Menschen fühlen sich in den Moscheen nicht immer angesprochen, auch wenn sie ein wenig Türkisch oder Arabisch sprechen. Wir hinterlassen hier eine Lücke, die die Salafisten nutzen. Die sprechen die jungen Menschen auf Deutsch an. Noch wichtiger aber ist die kulturelle Sprache. Um auf die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen einzugehen, brauchen wir Imame, die nicht nur Deutsch sprechen, sondern auch die jungen Menschen verstehen. Dadurch, dass wir nun an den Universitäten Imame ausbilden, wird sich hier einiges ändern. Auch die Moscheegemeinden sind immer mehr um konstruktive Jugendarbeit bemüht.

          Auch mit der kostenlosen Koranverteilung, wie hier auf der Frankfurter Zeil, sprechen Salafisten junge Leute an.
          Auch mit der kostenlosen Koranverteilung, wie hier auf der Frankfurter Zeil, sprechen Salafisten junge Leute an. : Bild: Röth, Frank

          Wie erreichen die Salafisten die jungen Menschen?

          Zunächst bieten die Salafisten einen Islam auf Deutsch an. Vor allem aber bieten sie einen Islam, der in Opposition zu unserer Gesellschaft steht, der also nicht offen ist, sondern polarisiert und den jungen Menschen suggeriert, ihr seid die Besseren. Die anderen werden in die Hölle verdammt. Salafismus ist bei Jugendlichen attraktiv, die das Gefühl haben, ohnmächtig und marginalisiert zu sein, und von der Gesellschaft nicht anerkannt. Dann kommt jemand, der Dir sagt: Du bist kein Verlierer, sondern der wahre Gewinner – und Gott ist auf Deiner Seite. Die anderen sind die wahren Verlierer, sie wird Gott verdammen, Du aber kommst ins Paradies.

          Wenn man Vertreter von Religionsgemeinschaften fragt, warum sie nicht noch mehr auf die jungen Leute zugehen, heißt es oft: Dafür fehlen die Mittel.

          Wenn man nicht die Mittel hat, sollte man noch mehr die Zusammenarbeit mit den Universitäten suchen. Die 650 Theologen, die bei uns studieren, sind eine enorme Ressource. In Münster geben die Studenten an Wochenenden ehrenamtlich Religionsunterricht in der Ditib-Moschee. Das funktioniert wunderbar. Es wäre schön wenn die Moscheegemeinden die Notwendigkeit unserer Arbeit anerkennen würden und diese noch stärker unterstützen würden. Doch bis die ersten Absolventen aus den theologischen Zentren in Deutschland kommen und sich entsprechend beweisen, dass sie das Vertrauen der Gemeinden gewonnen haben, wird es wohl noch etwas dauern.

          Das heißt, Sie sind weiter optimistisch?

          Es muss sich einfach etwas verändern, wir müssen die aufgeklärten Positionen stärker unterstützen. Hoffentlich erkennen das auch die, die sich bisher verweigert haben. Vielleicht rütteln nun diese schrecklichen Ereignisse in Paris hierzulande einen humanistischen Islam wach. Selbst im schlimmsten Unglück findet sich ein Glück. Natürlich kommt der Wandel nicht immer freiwillig, aber das war für die Katholische Kirche auch nicht anders zu Zeiten der Aufklärung.

          In der Vergangenheit gab es immer wieder Morddrohungen gegen Sie. Stehen Sie noch unter Polizeischutz?

          Die Morddrohungen haben zwar abgenommen, aber ich stehe weiterhin unter strengem Polizeischutz.

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