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Intersexualität : Das andere Geschlecht

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Zwei Demonstranten vom Verein Intersexuelle Menschen am Donnerstag in Berlin, anlässlich der Stellungnahme „Intersexualitaet“ des Deutschen Ethikrates Bild: dapd

Intersexuelle loben, dass der Ethikrat sich mit ihrer Situation befasst hat. Sie wünschen sich aber, dass sie künftig Ehen mit einem Mann oder einer Frau eingehen können.

          In einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder in „männlich“ und „weiblich“ einteilt – sei es auf dem Pass oder auf den Toiletten – ist kein Platz zwischen den Geschlechtern vorgesehen. Es gibt aber Menschen, die weder als Frau noch als Mann geboren werden. Jahrzehntelang war es ärztliche Praxis, solche Kinder durch Operationen und Hormonbehandlungen möglichst früh einem der beiden Geschlechter zuzuordnen.

          Interessensvertretungen sprechen von „Genitalverstümmelung“ und weisen auf die psychischen Leiden der Betroffenen hin, etwa den Fall eines 1965 geborenen Kindes, dessen Genitalien nicht eindeutig männlich oder weiblich waren. Obwohl das Kind einen männlichen Chromosomensatz hatte, entschieden sich die Ärzte, aus dem Kind ein Mädchen zu machen, offenbar ohne die Eltern um ihre Einwilligung zu bitten. „Ich bin weder Mann, noch Frau, aber vor allem bin ich kein Zwitter mehr“, sagt der Betroffene heute. Sein Leben lang werde er unter den Folgen dieser „menschenverachtenden Behandlung“ leiden.

          Mit diesem Schicksal und vielen ähnlichen beschäftigt sich der Deutsche Ethikrat in einer Stellungnahme zur Situation Intersexueller in Deutschland, die er am Donnerstag in Berlin der Bundesregierung übergeben hat. Darin fordert das Gremium, intersexuelle Menschen als „Teil der gesellschaftlichen Vielfalt“ anzuerkennen und vor „medizinischen Fehlentwicklungen und Diskriminierung“ zu schützen.

          Nach Schätzungen einer Hamburger Forschergruppe leben in Deutschland zwischen 8000 und 10.000 Intersexuelle, die oft auch „Hermaphrodit“ oder „Zwitter“ genannt werden. Ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale wie Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und äußere Geschlechtsorgane sind nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen. Auch wenn es bereits ein Umdenken bei den Ärzten gegeben habe, würden auch heute noch „geschlechtszuordnende“ Operationen und Hormontherapien durchgeführt, sagt das zuständige Mitglied des Ethikrats, Michael Wunder.

          In seiner Stellungnahme kommt der Ethikrat nun zu dem Ergebnis, dass diese Geschlechtsoperationen ein „Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Wahrung der geschlechtlichen und sexuellen Identität“ seien. Die Entscheidung darüber solle von den Betroffenen selbst getroffen werden, wenn sie ein entscheidungsfähiges Alter erreicht hätten. Zudem forderte das Gremium einen Hilfsfonds für Betroffene, die in der Vergangenheit durch ärztliche Behandlungen „schweres Leid“ erfahren hätten.

          Ethikrat empfiehlt ein drittes Geschlecht im Pass

          Auch, dass Eltern intersexueller Menschen sich für ein Geschlecht ihres Kindes entscheiden müssen, sei „ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und das Recht auf Gleichbehandlung“, heißt es in der Stellungnahme. Daher empfiehlt der Ethikrat, ein drittes Geschlecht einzuführen. In Zukunft sollen Betroffene im Personenstandsregister als Geschlecht neben „männlich“ und „weiblich“ auch „anderes“ angeben können. „Wir wissen, dass dieser Vorschlag kulturell, gesellschaftlich sehr viele Fragen aufwerfen wird“, sagt Wunder. Deutschland könne aber international ein Signal für mehr Toleranz senden.

          Die Bundesregierung hatte den Ethikrat im Juni 2010 mit der Stellungnahme beauftragt, nachdem ein UN-Ausschuss sie dazu aufgefordert hatte, über die Situation intersexueller Menschen in Deutschland zu berichten. Daraufhin war das Gremium in einen Dialog mit Betroffenen und Ärzten, Psychologien, Sozialwissenschaftlern und Juristen getreten. Die Bundesregierung werde die Vorschläge des Ethikrates „sehr ernst“ nehmen und „sorgfältig prüfen“, sagte der Staatssekretär des Forschungsministeriums, Georg Schütte.

          Nicht gegen Eingriffe im Kindesalter

          Betroffene kritisierten, dass der Ethikrat sich ausdrücklich nicht gegen Eingriffe im Kindesalter ausspricht, wenn zwar Abweichungen bestehen, aber ein Geschlecht eindeutig festgestellt werden kann, beispielsweise im Falle des Adrenogenitalen Syndroms (AGS). Außerdem wurde die Empfehlung des Ethikrates kritisiert, nur die eingetragene Lebenspartnerschaft für diejenigen zu öffnen, die sich für den Eintrag „anderes“ im Personenstandsregister entscheiden, nicht aber die Ehe. Trotz dieser Kritik wurde die Stellungnahme des Ethikrates insgesamt von verschiedenen Interessenverbände sehr positiv aufgenommen. „Das ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg intersexuell Geborener zu ihren Menschenrechten“, sagte Lucie Veith vom Verein „Intersexuelle Menschen“. Vor allem lobt sie, dass durch die Stellungnahme das „Tabu über dem Leben und Leiden“ intersexueller Menschen gebrochen worden sei.

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