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Internetszene : Wir sind Helden

Demo in Berlin Ende April Bild: ddp

Die Internetszene wendet sich gegen das Vorhaben von Familienministerin von der Leyen, Kinderpornographie im Netz durch Sperren zu bekämpfen. Hacker und Blogger fühlen sich unverstanden.

          4 Min.

          Ein paar Mausklicks genügten, und Franziska Heine wurde zur Heldin der Internetgemeinde. Die 29 Jahre alte Berlinerin hatte eine Online-Petition gegen die geplanten Internetsperren auf den Webseiten des Bundestages eröffnet, und binnen weniger Tage 50.000 Zeichner gewinnen können. Damit muss der Petitionsausschuss über den Antrag beraten. Der Link auf die Petition wurde über Blogs, den Kurznachrichtendienst Twitter und andere digitale soziale Netzwerke verbreitet. Auch um die Petition zu zeichnen, genügten freilich ein paar Klicks; niemand musste seinen Computer verlassen. Und so haben sich bis dato fast hunderttausend „User“ am Protest beteiligt.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Praktisch die ganze Internet-Szene wendet sich gegen das Vorhaben von Familienministerin von der Leyen, die hier nur „Zensursula“ genannt wird, Kinderpornographie im Internet durch Sperren zu bekämpfen. Die seien schließlich technisch mühelos zu umgehen, die kriminellen Inhalte blieben aber über Umwege erreichbar. „Hier wird das falsche Zeichen gesetzt“, sagt Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club (CCC), ein Hacker-Held der ersten Stunde. „Man geht nicht gegen die Täter vor, sondern gegen die Infrastruktur, die die Täter erst sichtbar macht.“

          Gegen „Krawattis“ und „Internetausdrucker“

          Umstritten ist in der Internetgemeinde, ob die Ministerin lediglich mit guten Intentionen eine falsche Lösung favorisiert oder ob der Kampf gegen Kinderpornographie nicht doch ein Vorwand ist, um eine Infrastruktur zur umfassenden Kontrolle des Netzes zu errichten. Kinderpornographie sei schließlich überall in der Welt geächtet, daher könnten die Inhalte direkt an der Quelle entfernt werden, behaupten die Gegner der Sperren. „Löschen satt sperren“, lautet ihre Forderung. Dagegen verweisen Staatsanwälte darauf, dass die Kooperation mit ausländischen Betreibern und Behörden in der Praxis viel schwieriger sei. Freilich zeigen Sperrlisten aus Norwegen, der Schweiz und Australien, die an die Öffentlichkeit gelangten, dass viele der gesperrten Seiten auf Server in Deutschland verweisen. Die Sperrgegner fragen sich, warum diese Server nicht längst abgeschaltet wurden.

          Dass verschiedene Politiker die Gegner der Internetsperren als Minderheit abgetan haben, hat den Graben zu Hackern, Bloggern und Twitterern nur vergrößert. Sie fühlen sich sowieso unverstanden von „Politikern, die das Internet überhaupt nicht kapiert haben“. Das sagt jemand, der sich als „digitalen Eingeborenen“ und das Netz als seinen „Lebensraum“ bezeichnet, auf einer CCC-Konferenz am vergangenen Wochenende in Köln. Das Internet wird hier nicht als bloß ein weiteres Medium verstanden, sondern als eine „Galaxie, in der etwas möglich ist, was nie zuvor möglich war“, als Kulturraum, der gegen „Krawattis“ verteidigt werden muss. „Von den Laien“ möchte man nicht regiert werden, und vom „heilenden Charakter“ des Internets spricht Müller-Maguhn.

          Wer das anders sieht, wird von der Szene verspottet. „Internet-Ausdrucker“ werden neuerdings Politiker genannt, die sich E-Mails oder Internetseiten von ihrem Sekretariat ausgedruckt vorlegen lassen. Daher hat die Szene in den letzten Wochen viele Internetseiten mit einer Ausdrucksperre versehen. Wer die Seite drucken will, bekommt ein Stoppschild zu sehen: Wer nicht über die „minimalen Computerkenntnisse“ verfüge, um diese Sperre zu umgehen - dafür müsste man den Quellcode der Seite ändern -, möge das Internet „einfach vergessen“ und „uns in Ruhe lassen“.

          Der Mythos vom freien Internet lebt, und die Feindbilder sind klar. Auf der einen Seite stünden „die konservativen Neophobiker, also jene, die irgendwie finden, dass ohne dieses Netz alles besser, überschaubarer, gemütlicher war“, schreibt CCC-Sprecherin Constanze Kurz in der „Tageszeitung“, in deren Redaktionsräumen der CCC im September 1981 gegründet wurde. Auf der anderen Seite stünden diejenigen, „die auf inkompetent-bösartige Einmischung in ihren Lebensraum empfindlich reagieren“.

          Hackerangriffe auf die Stoppserver?

          Solch eine empfindliche Reaktion war wohl auch der Angriff auf die Webseite der Deutschen Kinderhilfe vor wenigen Tagen. Hacker hatten dort eine fiktive Todesanzeige für die Meinungsfreiheit plaziert, nachdem sich der Verein vehement für die Internetsperren ausgesprochen hatte. Auch die laut dem Gesetzentwurf geplanten Stoppserver, die beim versuchten Zugriff auf kinderpornographische Inhalte ein Stoppschild zeigen sollen, könnten ins Visier von Hackern geraten. Recht schnell dürften nämlich deren IP-Adressen bekannt werden. Mit automatisierten Massenanfragen könnten die Server lahmgelegt werden. Der dabei produzierte Datenmüll würde die geplante Strafverfolgung zusätzlich erschweren.

          Der CCC hat sich schon immer als politischen Verein verstanden. Aufmerksamkeit hat er zunächst aber vor allem mit spektakulären „Hacks“ gefunden, etwa dem ersten „digitalen Bankraub“. 1984 schafften es Hacker, über das BTX-System der Post in die Rechner der Hamburger Sparkasse einzudringen. Sie instruierten die Computer, ihnen 135.000 Mark zu überweisen. Das Geld wurde umgehend zurückgezahlt, aber Post und Sparkasse waren blamiert. Später schafften es CCC-Leute sogar, die Rechner der Raumfahrtbehörde Nasa zu knacken. Einen heimlich erlangten Fingerabdruck von Bundesinnenminister Schäuble reproduzierten sie tausendfach. Das war ihre Art, gegen biometrische Merkmale im neuen Reisepass zu demonstrieren. Sie wiesen auch Sicherheitslücken bei Wahlstiften und Wahlmaschinen sowie beim Frankfurter Flughafen nach.

          Heute treten Mitglieder des CCC als Sachverständige in Bundestagsausschüssen oder vor dem Bundesverfassungsgericht auf. Müller-Maguhn saß von 2000 bis 2003 im Direktorium der Icann, der Verwaltungsbehörde des Internets. Constanze Kurz lehrt Informatik an der Berliner Humboldt-Universität. In der Internetszene gilt der CCC als die größte Autorität.

          „Wozu noch Volksvertreter?“

          Trotz mancher Berührungsängste mit dem etablierten Politikbetrieb wollen die Aktivisten die verbleibenden Wochen nutzen, um auf Politiker zuzugehen und den Gesetzentwurf noch zu Fall zu bringen. Der CCC hat bei der Union offenbar jede Hoffnung aufgegeben. Bei den Grünen und der FDP seien „schwerste Erziehungsmaßnahmen“ notwendig gewesen, um sie auf Linie zu bringen, sagen Aktivisten. Und bei der SPD hat sich mit dem Abgeordneten Jörg Tauss ihr größter Held im Bundestag zurückgezogen. Dass Tauss, gegen den wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornographie ermittelt wird, das Opfer einer politischen Kampagne wurde, davon scheinen in einer Diskussionsrunde in Köln alle überzeugt.

          Vielleicht wird die Lücke, die er hinterlässt, schon bald von einem anderen SPD-Politiker ausgefüllt: Der hessische SPD-Fraktions- und Parteivorsitzende Schäfer-Gümbel, der seinen Wahlkampf schon betont internetaffin geführt hat, tat seinen Widerstand gegen den in Berlin vorliegenden Gesetzentwurf kund. Der sei „kein wirksamer Beitrag zur Bekämpfung der Kinderpornographie im Internet“, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Man könne nicht im Netz „Stoppschilder aufbauen, die leicht zu umgehen sind, während die abscheulichen Inhalte auf den Servern liegenbleiben“.

          Ob das der SPD, deren Bundesjustizministerin den Entwurf immerhin mitträgt, neue Wählerstimmen aus der Internetgemeinde einträgt? Dort stellt so mancher schon das ganze politische System in Frage. Wenn alle frei im Internet kommunizieren könnten, „warum brauchen wir dann noch Volksvertreter?“

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