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Internetszene : Wir sind Helden

Hackerangriffe auf die Stoppserver?

Solch eine empfindliche Reaktion war wohl auch der Angriff auf die Webseite der Deutschen Kinderhilfe vor wenigen Tagen. Hacker hatten dort eine fiktive Todesanzeige für die Meinungsfreiheit plaziert, nachdem sich der Verein vehement für die Internetsperren ausgesprochen hatte. Auch die laut dem Gesetzentwurf geplanten Stoppserver, die beim versuchten Zugriff auf kinderpornographische Inhalte ein Stoppschild zeigen sollen, könnten ins Visier von Hackern geraten. Recht schnell dürften nämlich deren IP-Adressen bekannt werden. Mit automatisierten Massenanfragen könnten die Server lahmgelegt werden. Der dabei produzierte Datenmüll würde die geplante Strafverfolgung zusätzlich erschweren.

Der CCC hat sich schon immer als politischen Verein verstanden. Aufmerksamkeit hat er zunächst aber vor allem mit spektakulären „Hacks“ gefunden, etwa dem ersten „digitalen Bankraub“. 1984 schafften es Hacker, über das BTX-System der Post in die Rechner der Hamburger Sparkasse einzudringen. Sie instruierten die Computer, ihnen 135.000 Mark zu überweisen. Das Geld wurde umgehend zurückgezahlt, aber Post und Sparkasse waren blamiert. Später schafften es CCC-Leute sogar, die Rechner der Raumfahrtbehörde Nasa zu knacken. Einen heimlich erlangten Fingerabdruck von Bundesinnenminister Schäuble reproduzierten sie tausendfach. Das war ihre Art, gegen biometrische Merkmale im neuen Reisepass zu demonstrieren. Sie wiesen auch Sicherheitslücken bei Wahlstiften und Wahlmaschinen sowie beim Frankfurter Flughafen nach.

Heute treten Mitglieder des CCC als Sachverständige in Bundestagsausschüssen oder vor dem Bundesverfassungsgericht auf. Müller-Maguhn saß von 2000 bis 2003 im Direktorium der Icann, der Verwaltungsbehörde des Internets. Constanze Kurz lehrt Informatik an der Berliner Humboldt-Universität. In der Internetszene gilt der CCC als die größte Autorität.

„Wozu noch Volksvertreter?“

Trotz mancher Berührungsängste mit dem etablierten Politikbetrieb wollen die Aktivisten die verbleibenden Wochen nutzen, um auf Politiker zuzugehen und den Gesetzentwurf noch zu Fall zu bringen. Der CCC hat bei der Union offenbar jede Hoffnung aufgegeben. Bei den Grünen und der FDP seien „schwerste Erziehungsmaßnahmen“ notwendig gewesen, um sie auf Linie zu bringen, sagen Aktivisten. Und bei der SPD hat sich mit dem Abgeordneten Jörg Tauss ihr größter Held im Bundestag zurückgezogen. Dass Tauss, gegen den wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornographie ermittelt wird, das Opfer einer politischen Kampagne wurde, davon scheinen in einer Diskussionsrunde in Köln alle überzeugt.

Vielleicht wird die Lücke, die er hinterlässt, schon bald von einem anderen SPD-Politiker ausgefüllt: Der hessische SPD-Fraktions- und Parteivorsitzende Schäfer-Gümbel, der seinen Wahlkampf schon betont internetaffin geführt hat, tat seinen Widerstand gegen den in Berlin vorliegenden Gesetzentwurf kund. Der sei „kein wirksamer Beitrag zur Bekämpfung der Kinderpornographie im Internet“, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Man könne nicht im Netz „Stoppschilder aufbauen, die leicht zu umgehen sind, während die abscheulichen Inhalte auf den Servern liegenbleiben“.

Ob das der SPD, deren Bundesjustizministerin den Entwurf immerhin mitträgt, neue Wählerstimmen aus der Internetgemeinde einträgt? Dort stellt so mancher schon das ganze politische System in Frage. Wenn alle frei im Internet kommunizieren könnten, „warum brauchen wir dann noch Volksvertreter?“

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