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Internet : Von der Spielwiese zum Politikfeld

Twitterwand über dem Podium des „Politcamp” Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Die Politik erkennt, dass sie die Internetaktivisten nicht links liegenlassen sollte. Auf einmal sind die „Nerds“ und ihre Expertenmeinung überall gefragt - und sie werden umschwärmt. Das „Politcamp“ in Berlin hat gezeigt, wie man sich vorsichtig näherkommt.

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          Es trifft sich gut, dass Burkhardt Müller-Sönksen ein höflicher Mensch ist. Er dreht seinem Publikum ungern den Rücken zu, während er mit ihm redet. Und so kommt er an diesem Nachmittag eben nicht in die Verlegenheit, all die hämischen Kommentare zu lesen, die die Netzgemeinde über ihn per Twitter verbreitet, während er sich bei ihr beliebt zu machen versucht.

          Katharina Wagner
          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Müller-Sönksen, der seit vergangenem Jahr medienpolitischer Sprecher der FDP ist, hat wie viele andere Politiker in jüngster Zeit das Internet als Thema entdeckt. Also ist er am Wochenende aus Hamburg zum „Politcamp“ nach Berlin gekommen, einem „großen Treffen der Community“, wie er zuvor auf Twitter angekündigt hatte, wo Netzaktivisten, „digital natives“ und alle anderen, die sich für netzpolitische Themen interessieren, in Kontakt mit Politikern kommen sollen.

          Zum Auftakt findet am Samstag unter dem Titel „Politik trifft Web 2.0“ die Elefantenrunde statt, an der neben Müller-Sönksen auch Familienministern Kristina Schröder (CDU) teilnimmt, deren Ministerium die Veranstaltung fördert. Anders als ihr Koalitionskollege von der FDP ist sie leger gekleidet, in Jeans und Sakko, sie duzt das Publikum und spricht darüber, wie gerne sie twittere. Obwohl ihre Partei der Internet-Szene inhaltlich nicht nahesteht, sind die Tweets über sie weitgehend positiv. Sie werden im Saal auf eine Leinwand im Rücken der Diskutanten projiziert, die „Twitterwall“. Oft sind die Einträge dort interessanter als das, was auf der Bühne passiert. Genauso oft sind sie völlig belanglos. Oder unverschämt: Wenn Müller-Sönksen auszudrücken versucht, wie gut er das Internet findet, sagt er: „Man muss die positive Grundhaltung dem Internet gegenüber beibehalten.“ Die Netzgemeinde twittert dann: „FDP-Mann: Blablabla.“

          Wer twittert da was im Hintergrund? Diskussion mit Familienministerin Schröder (CDU) und dem Grünen-Politiker Beck (r.)
          Wer twittert da was im Hintergrund? Diskussion mit Familienministerin Schröder (CDU) und dem Grünen-Politiker Beck (r.) : Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

          Daran, dass Ministerin Schröder selbst auf dem Podium sitzt, sieht man, wie sich die Wahrnehmung des Politikfeldes geändert hat. Was früher als irrelevante Spielwiese einer Handvoll Freaks galt, verspricht heute die Aufmerksamkeit junger Wähler. Die Fraktionen laden regelmäßig zu öffentlichen und geschlossenen Anhörungen zu netzpolitischen Themen. Auch Innenminister Thomas de Maizière hat eine Runde zum Thema „Perspektiven deutscher Netzpolitik“ einberufen, die an diesem Mittwoch zum zweiten Mal zusammentrifft, um unter anderem über die Idee eines „Datenbriefs“ zu diskutieren: Einmal im Jahr sollen die Bürger darüber aufgeklärt werden, welches Unternehmen und welche Behörde Daten von ihnen speichert.

          Auch der Bundestag richtet gerade zum dritten Mal eine Enquetekommission zu digitalen Themen ein, in der 17 Abgeordnete und ebenso viele externe Sachverständige in zwei Jahren Handlungsempfehlungen erarbeiten sollen. Auf einmal sind die „Nerds“ und ihre Expertenmeinung überall gefragt, nach jahrelanger Missachtung werden sie permanent eingeladen und umschwärmt.

          Dass sie sich selbst längst von ihrem eigenen Klischee entfernt haben, wird auf dem „Politcamp“ deutlich. Viele Gäste tragen Anzüge, noch mehr aber Seitenscheitel und Brillen mit dicken Rahmen, viele junge Frauen sind im Publikum. Die im Anzug nennt Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs, „Social-Media-Spacken“. Sie verdienen ihr Geld nicht damit, dass sie soziale Netzwerke programmieren können. Sie beraten vielmehr Politiker darin, was sie in ihr Profil auf „Facebook“ schreiben, wie, wann und ob sie überhaupt twittern sollen. Der Trend, so berichten es zwei sehr junge Mitarbeiter der Wahlkampfteams von CDU und SPD aus Nordrhein-Westfalen, gehe weg von Twitter und hin zu Facebook, weil das authentischer wirke.

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