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Internet : Immer wertvoller

Noch immer gilt: Geredet wird über das, was in der Zeitung steht. Nur sie zieht einen Strich unter die Debatte. Sie ist der Schleusenwärter im Informationszeitalter.

          Ein wahres Märchen aus der alten Welt: In Greifswald waren kürzlich offenbar alle Exemplare dieser Zeitung ausverkauft. Die Hansestadt hatte nämlich die Staatsrechtslehrer auf ihrer Jahrestagung zu Gast, und offenbar wollten die etwa 200 versammelten Professoren und Privatdozenten - trotz Abonnements und mobiler und fester Internetanschlüsse - auf ihre tägliche gedruckte Stammlektüre nicht verzichten.

          Solche Nachrichten sind heute die Ausnahme. Aber wenn man genau hinschaut, so gilt in ganz Deutschland (und in der Welt?): Geredet wird über das, was in der Zeitung steht. Die zahllosen Foren, Blogs oder Kommentare im weltweiten Netz sind oft lediglich Abziehbilder jener Berichte, welche die Printmedien gedruckt haben - entweder weil die Zeitungen sie ohnehin einfach ins Netz stellen oder weil sich andere darauf beziehen.

          Es stimmt: Den Zeitungen geht es nicht besonders gut. Das Internet macht ihnen Leser und Anzeigenkunden abspenstig. Aber die angeblich allein zukunftsträchtige Online-Welt wird, was Journalismus angeht, immer noch in hohem Maße von Erlösen aus der Print-Welt finanziert. Ganz abgesehen davon, steht Gedrucktes immer noch in höherem Ansehen, und zwar nicht nur bei jenen, die seit 50 Jahren nichts anderes gewohnt sind. Auch „digital natives“, etwa Politiker der Piraten-Partei, sind ganz verzückt, wenn sie erfahren, dass ihr Gastbeitrag nicht etwa nur für den Internetauftritt, sondern für die gedruckte Zeitung vorgesehen ist.

          Von Monopolisten und Kostenverwertern geprägt

          Und was wären die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender ohne die Zeitungen? Sie, die zweifellos eine wichtige Rolle für das Funktionieren dieser Demokratie haben und in ihrem Kerngeschäft oft hochqualifizierte und wichtige Arbeit leisten - auch sie profitieren von den überregionalen Tages- und Wochenzeitungen. Wie oft hört man etwa Kommentare, die man (teils wörtlich und natürlich ohne Quellenangabe) irgendwo schon einmal gelesen hat?

          Gebühren freilich werden - zum Glück - nicht für Zeitungen erhoben. Es ist kein Gejammer, sondern auch aus Gründen des Gemeinwohls geboten, die unbegrenzte Bestands- und Entwicklungsgarantie kritisch zu sehen, die das Bundesverfassungsgericht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zugesteht. Diese Garantie wird dann zu einem Schaden für die Demokratie, wenn mit Gebühren (Online-)Zeitungen betrieben werden. Diese rechtswidrige, aber gleichwohl gängige Praxis verzerrt nicht nur den Wettbewerb, der eigentlich ohnehin keiner ist, sondern bedroht eine wichtige Quelle auch von Fernsehen und Rundfunk.

          Dieses Modell wird mit Gebühren betrieben, die neuerdings auch diejenigen entrichten müssen, die gar kein Gerät zum Rundfunkempfang haben. Mit dieser neuen Abgabe, die anders als der Wasseranschluss keine Ausnahmen kennt, werden sich die im Kern fernsehfreundlichen Karlsruher Richter noch befassen müssen - es wird nicht leicht sein, das im Angesicht der heutigen Medienlandschaft zu rechtfertigen.

          Die Landschaft ist durch die Haushaltsabgabe sowie Monopolisten und Kostenlosverwerter wie Google geprägt. Dazu kommt, alles überragend, die Gratismentalität des Internets. Auch an der Etablierung dieser (Un-)Kultur haben die Verlage ihren Anteil. Sie beginnen jetzt immerhin damit, eine Wende einzuleiten. Denn was soll man davon halten, wenn die Geschäftsbedingung lautet: alles umsonst? Nicht nur für die Leser, auch für die Autoren. Auch die Wohlwollendsten müssen sehr lange suchen, bis sie einen Blogger finden, der von dieser Tätigkeit leben kann.

          Knapper und immer wertvoller

          Man kann es als Ausdruck des Marktes ansehen, also als Resultat von Angebot und Nachfrage, wenn es als geniales Geschäftsmodell gilt, guten Autoren anzubieten, sie dürften ohne Lohn für ein Online-Portal schreiben. Gewiss: Man kann so ein Angebot annehmen oder ablehnen - wenn man es sich leisten kann. Wenn allerdings ein Pizza-Bote für einen Stundenlohn von weniger als zwei Euro ausgebeutet wird, ist der Aufschrei groß, und zwar zu Recht. Vielleicht sollte man auch ihn damit trösten, er werde mit „Reichweite“ belohnt.

          Zur Unkultur des Netzes, die kaum wieder rückgängig zu machen ist, zählt auch dessen Mangel an Anstand. Anonymität kann wichtig sein, etwa wenn jemand schwerwiegende Folgen bei der Nennung seines Names zu befürchten hat. Doch mit gutem Grund gilt für Demonstrationen ein Vermummungsverbot, wie im Übrigen selbstverständlich auch das Verbot, Straftaten zu begehen. Anders im Internet. Hier gehört der Deckname zur Netz-Identität. Und so sehen zum Teil auch die Kommentare aus. Natürlich ist die Debattenkultur anders. Nur im Netz kann man schnell und ungefiltert reagieren und in einen Dialog eintreten.

          Die Zeitungen sind dagegen ein Filter. Kein Beitrag, kein Leserbrief kommt unredigiert ins Blatt. Das ist nicht mit Zensur zu verwechseln. Redigieren bedeutet eigentlich: etwas zurückführen, in Ordnung bringen. Nur Zeitungen ziehen einen Strich unter die Debatte. Sie sind die Schleusenwärter im Informationszeitalter. Nur das Gedruckte kann auch einmal vergriffen sein. Es wird knapper - und immer wertvoller.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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