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Iglu- und Pisa-Studie : Deutsche Grundschüler holen auf

Die Autoren der Studie kritisieren, dass der Leseunterricht in Deutschland noch zu wenig „kompetenzorientiert” abläuft Bild: dpa

Deutsche Viertklässler haben ihre Leistungen im Lesen erheblich verbessert und führen nun die europäische Rangliste an - zumindest was das Erkennen von Informationen betrifft. Schwache Leistungen erzielen sie aber beim Interpretieren des Gelesenen. Fortschritte in den Leistungen werden offenbar auch in der kommenden Pisa-Studie sichtbar.

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          Die deutschen Grundschüler haben ihre Leistungen im Lesen deutlich verbessert. Das belegt die internationale Iglu-Studie 2006, an der 35 Staaten und zehn Regionen teilnahmen, bei der Deutschland an die Spitze Europas rückte und Schweden und die Niederlande hinter sich ließ. Die deutschen Schüler liegen über dem Mittelwert der EU-Staaten und über dem Mittelwert der OECD-Staaten. Der Anteil der Schüler in der Risikogruppe, die nicht in der Lage sind, wichtige Informationen in Texten zu finden und miteinander in Beziehung zu setzen, ist in Deutschland auf 13,2 Prozent gesunken.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Nur in zwei der Teilnehmerstaaten ist der Anteil signifikant geringer (es handelt sich um Hongkong und die Niederlande). Allerdings liegt der Anteil der Spitzenleser mit der höchsten Leistungsstufe bei nur 10,8 Prozent. Im Vergleich zur letzten Iglu-Studie hat sich auch die Leistungsdifferenz zwischen Mädchen und Jungen deutlich verringert – sie ist in keinem der Teilnehmerstaaten kleiner als in Deutschland. Allerdings finden sich die Jungen häufiger in der Risikogruppe und seltener in der Spitzengruppe. Die Lesefreude scheint aber unter ihnen deutlich gewachsen zu sein.

          In Fachdidaktik und Lehrerausbildung nachbessern

          Die Iglu-Studie zum Leseverständnis bei Verstehen und Leseintention wird alle fünf Jahre erhoben und bezieht auch familiäre, schulische und soziale Bedingungen des Lernens ein. In Deutschland wurden 7900 Schüler aus 397 Schulen anhand von fünf literarischen und fünf Sachtexten getestet. Der Leiter des Deutschen Iglu-Konsortiums, Wilfried Bos, der das Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund führt, wies darauf hin, dass deutsche Schüler Spitzenleistungen erzielen, wenn es darum geht, Informationen zu erkennen und wiederzugeben und daraus einfache Schlussfolgerungen zu ziehen, dass sie hingegen schwach abschneiden beim Interpretieren des Gelesenen und kaum in der Lage sind, Inhalt und Sprache zu bewerten.

          Die Differenz zwischen beiden Fähigkeiten ist in Deutschland deutlich größer als in anderen Ländern. Hier müsse deutlich in der Fachdidaktik und in der Lehreraus- und -fortbildung nachgebessert werden. Für vordringlich hält Bos, die Anschlussfähigkeit in der Sekundarstufe I zu sichern. „Es scheint unumgänglich zu sein, dass Lesen auch in den weiterführenden Schulen fachübergreifend unterrichtet wird“, sagte Bos der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Viertklässler, die eine vorschulische Einrichtung besuchten, schnitten beim Lesen deutlich besser ab. Von einem systematischen Leseunterricht im Kindergarten raten Bildungsforscher jedoch ab. Sie raten dazu, das Lesenlernen durch einen systematischen, aber spielerischen Umgang mit der Sprache zu üben. Da die Frühförderung der Schlüssel für mehr Chancengerechtigkeit sei, wolle das Bundesministerium für Bildung und Forschung seine Initiativen ausbauen, kündigte Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) an.

          Unterschied zwischen Schülern aus den unteren und oberen sozialen Schichten

          Nach wie vor erzielen Kinder „ohne Migrationshintergrund“ deutlich bessere Leseleistungen als ausländische Kinder. Die Differenz zwischen beiden Gruppen liegt bei 48 Punkten und ist im Vergleich zu Iglu 2001 zurückgegangen. Noch bedenklicher fällt der Unterschied zwischen Schülern aus den unteren und oberen sozialen Schichten aus. Er liegt bei 67 Punkten und damit deutlich über dem internationalen Mittelwert. Im Unterschied zu anderen Staaten hat Deutschland aber nur 0,7 Prozent der Grundschüler in der vierten Klasse von der Teilnahme ausgeschlossen. In Luxemburg waren es 3,9 Prozent, in der Russischen Föderation, die international die höchsten Werte erreicht hat, wurden sogar 7,7 Prozent ausgeschlossen.

          Auf Platz zwei der Rangliste liegt Hongkong, auf Platz drei die kanadische Provinz Alberta, Deutschland liegt unmittelbar hinter Schweden auf Platz elf der Rangliste. Werden die schwächeren Schüler in Deutschland ausgenommen, nimmt es einen Spitzenplatz ein. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, der Berliner Bildungssenator Zöllner (SPD) sagte, Iglu zeige, dass Deutschland auch im Grundschulbereich noch immer zu den Staaten mit großen sozialen Ungleichheiten gehöre, das müsse geändert werden.

          18,1 Prozent der Viertklässler lesen nie zum Spaß

          Wenig überrascht, dass das Interesse an der Hauptschule in ganz Deutschland deutlich zurückgegangen ist. Die Übergangsquote liegt inzwischen bei durchschnittlich 14 Prozent. Es zeichnet sich ein wachsendes Interesse an höherwertigen Bildungsabschlüssen ab. Während Eltern und Lehrer bei der Iglu-Studie 2001 häufig dieselbe Schule bevorzugten, ist die Übereinstimmung bei dieser Studie zurückgegangen, weil die Eltern höhere Bildungsgänge vorziehen. Es gibt durchaus schwache Leser mit Gymnasialpräferenz, aber auch starke Leser, die keine Gymnasialpräferenz erhalten. Bedenklich ist, dass einem Kind aus der oberen Dienstklasse schon bei einem Lesewert von 537 (insgesamt erreicht Deutschland einen Wert von 548 Punkten) der Gymnasialbesuch zugetraut wird, während die Lehrer bei Arbeiterkindern einen deutlich höheren Wert von 614 Punkten erwarten.

          Auch Kindern mit Migrationshintergrund wird der Gymnasialbesuch seltener zugetraut als deutschen Kindern. Abgesehen davon, dass die Kinder aus gebildeten Schichten ohnehin mit besserer Unterstützung im Elternhaus rechnen können, müssten institutionelle Lösungen geschaffen werden, die leistungsstarken Kindern aus benachteiligten Familien erfolgreiche gymnasiale Karrieren ermöglichten, forderte Olaf Köller, der das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) leitet. Außerdem müsse das Schulsystem überall so durchlässig werden wie in Baden-Württemberg und Bayern, sagte Wilfried Bos.

          Im internationalen Mittel lesen 18,1 Prozent der Viertklässler nie zum Spaß, in Deutschland sind es 14,2 Prozent. Noch immer scheint die leseförderliche Atmosphäre im Elternhaus in Deutschland, die über die Motivation der Kinder wesentlich entscheidet, aber geringer ausgeprägt zu sein als im internationalen Durchschnitt, sie hat sich aber verbessert. Dennoch lesen deutsche Eltern nicht nur seltener mit ihren Kindern als die Eltern anderer Staaten, sie sprechen auch nicht mit ihren Kindern über die Texte und wissen deshalb nicht, ob die Kinder den Text verstanden haben. Die Autoren der Iglu-Studie kritisieren deshalb, dass der Leseunterricht noch zu wenig „kompetenzorientiert“ ablaufe und die Eigenaktivitäten der Schüler zu wenig fördere. Das von den Ländern eingerichtete IQB wird in Abstimmung mit den Landesinstituten deshalb Vorschläge und Materialien zu einem stärker leistungsorientierten Deutschunterricht in der Grundschule bereitstellen.

          Neue Pisa-Studie: Fortschritte auch in Naturwissenschaften

          Eine weitere positive Nachricht kam am Abend aus Spanien. Laut einem Bericht der spanischen Lehrerzeitung „Magisnet“ vom Mittwoch liegen deutsche Schüler in einer neuen Pisa-Studie beim Umweltwissen und in Naturwissenschaften in der internationalen Spitzengruppe. Laut der Studie landen die 15 Jahre alten Deutschen auf Rang 13 - von insgesamt 57 Staaten. Bei der Pisa-Studie 2003 lag Deutschland noch auf Platz 18. Laut OECD sind aber beide Tests wegen ihrer geänderten Aufgabenstruktur nicht direkt vergleichbar.

          Die Pisa-Ergebnisse sollen offiziell erst am 4. Dezember präsentiert werden. Die Naturwissenschaften sind erstmals Pisa-Schwerpunkt. Dazu war das gesamte Aufgabenspektrum umgestellt und vor allem Umweltwissen in den Mittelpunkt gestellt worden. Damit kam man auch deutschen Wünschen entgegen.

          Finnland behauptet in der neue Studie danach seinen absoluten Spitzenplatz. Auf den zweiten Rang kommt Hongkong vor Kanada und Taiwan. Österreich erreicht Platz 18 (vorher 23). Dagegen fällt die Schweiz vom 12. auf den 16. Rang.

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