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Handyverbot im Internat : Salems Schüler auf Entzug

Schüler der Mittelstufe im Regen Bild: Fricke, Helmut

Wo Eltern kapitulieren, greift Salem hart durch. Mit einem Verbot internetfähiger Geräte will die Internatsleitung ihr pädagogisches Konzept retten. Für die Schüler ist die Entscheidung dagegen undemokratisch und rückwärtsgewandt.

          Wann immer der Unterrichtsablauf kurz unterbrochen war, hatten Schüler des privaten Internats Schloss Salem am Bodensee ihr Handy am Ohr oder in der Hand. Nicht selten ging es im Unterricht unter dem Tisch weiter, war doch der neueste Chat mit dem Schwarm um einiges interessanter als Mathematikformeln oder Grammatikübungen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Für die Schüler der Mittelstufe hat die Schulleitung gemeinsam mit den Lehrern nun bemerkenswert konsequent reagiert: Sämtliche internetfähigen Geräte mit Bildschirmen werden abends um 21.30 Uhr eingezogen. Während Laptops und Tablets den 13 bis 17 Jahre alten Schülern zu Unterrichtsbeginn wieder zur Verfügung stehen, werden Smartphones und Handys erst nach dem gemeinsamen Mittagessen um 14.15 Uhr wieder ausgegeben.

          „Wir konnten nicht länger zusehen, wie sehr diese Geräte unseren Schülern Zeit, Konzentration und Aufmerksamkeit stehlen“, sagte Schulleiter Bernd Westermeyer, der zurzeit – vertretungsweise – auch das Mittelstufeninternat pädagogisch leitet. Die Schule wolle keineswegs Technikfeindlichkeit antrainieren, sagte ein Sprecher am Montag dieser Zeitung, die Schüler sollten den Umgang mit Laptops und Tablets systematisch lernen und auch im Unterricht einsetzen können. Die Schule habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass die Schüler nicht mehr von ihren internetfähigen Geräten weggekommen seien, obwohl sie selbst glaubten, ihren Medienkonsum im Griff zu haben.

          Keine Mitwirkung am „Tag der offenen Tür“

          Lehrer und Schulleitung seien zu dem Schluss gekommen, dass die exzessive Nutzung der Geräte das pädagogische Konzept der Schule regelrecht unterlaufe. „In Salem geht es um Lernen durch reale Erfahrung, stattdessen steht die virtuelle Wirklichkeit im Vordergrund“, sagte der Sprecher. Nahezu einhellig unterstützt wird die „Handy-Regel“, die seit Anfang dieses Schuljahres für die Mittelstufe gilt, von den Eltern der Schule, die sich aus nahezu vierzig Nationen zusammensetzt. Viele Eltern hätten bei der Erziehung zum maßvollen Gebrauch internetfähiger Geräte längst kapituliert, heißt es in Salem. Und sie seien froh, wenn die Schule das für sie übernehme.

          Die Mittelstufenschüler haben die Entscheidung der Schulleitung als dramatische Einschränkung ihres Rechts auf Selbstbestimmung empfunden, doch nicht nur das: Für sie steht ihre demokratische Beteiligung an Entscheidungen der Schule in Frage. Sie sind deshalb in einen Streik getreten und haben ihre Mitwirkung etwa am „Tag der offenen Tür“ verweigert, an dem die Schule besonders auf die Mithilfe der Schüler angewiesen gewesen wäre. Von der Welt fühlen sie sich am Bodensee durch das Durchgreifen der Schulleitung abgeschnitten, was die von den Verantwortlichen unterstellte Abhängigkeit eher bestätigen dürfte. In den Augen der Schüler gehören die Schulleitung und die Lehrer, die schließlich im Internat für die konfliktreiche Durchsetzung der neuen Regel sorgen müssen, inzwischen zu den Ewiggestrigen.

          Die scheinen damit aber ganz gut leben zu können, jedenfalls sehen sie keine Veranlassung, von ihrem Beschluss abzurücken. Manche Schüler, so heißt es in Salem, fühlten sich sogar entlastet, auch wenn sie das in der aufgeheizten Lage kaum zugeben dürften. Sie hätten plötzlich mehr Zeit und könnten sich mit einem Buch in die Ecke setzen. Bei anderen führt der verordnete Verzicht zu den üblichen Entzugserscheinungen. Staatliche Schulen tun sich erheblich schwerer, solche Regeln durchzusetzen, sammeln aber immer häufiger auch die Handys während des Unterrichts ein, um sie danach wieder auszuhändigen.

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