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Intensivbetten und Corona : Kommt die Gesundheitskatastrophe zum Advent?

Werden die Intensivbetten bald knapp? Bild: dpa

Ärzte sagen: Deutschlands Krankenhäuser stehen in drei Wochen vor dem Kollaps. Und das lasse sich nicht mehr verhindern.

          5 Min.

          Ende Oktober haben sie in München umgestellt auf Corona. Intensivstation 3 des Universitätsklinikums wurde abgeriegelt von der Außenwelt. Wer dort hineinwill, muss seitdem durch eine Schleuse, in Schutzmontur mit Brille, Maske, zwei Paar Handschuhen. Die Patienten liegen in Isolationsboxen. Innen herrscht Unterdruck, damit keine Aerosole nach außen dringen, wenn eine Pflegekraft die Tür öffnet.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Alles, was die Schwestern brauchen, liegt auf Tischchen im Flur bereit: Handtücher, Desinfektionsmittel und Geräte, um den Sauerstoffgehalt des Blutes zu messen. Sogar ein Defibrillator ist in Reichweite, damit niemand an die Schränke oder die Station verlassen muss.

          Denn die Desinfektion dauert quälend lange. Fehler dürfen nicht passieren. Wenn sich jemand mit dem Virus ansteckt, bedeutet das mindestens zwei Wochen Quarantäne. Und schlimmstenfalls landet er selbst als Patient auf der Station.

          Ähnlich ist die Lage auf der Intensivstation für Covid-19-Patienten am Frankfurter Uniklinikum. Die Brandschutztüren sind geschlossen. Die Klimaanlage haben sie um zwei Grad heruntergeregelt. In den Büros friert man jetzt, dafür müssen die Pfleger auf der Station in ihrer Schutzkleidung nicht schwitzen. Corona kann kommen.

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          Am Rand der Erschöpfung

          Und die Patienten werden kommen, da sind die Ärzte sich sicher. Sie sagen, in drei Wochen sind alle noch verfügbaren Intensivbetten belegt. Und zwar unabhängig davon, ob der Teil-Lockdown Wirkung zeigt oder nicht. Die Ärzte glauben, dass die Einschränkungen verhindern können, dass das Gesundheitssystem zusammenbricht, aber nicht, dass es an den Rand der Erschöpfung gebracht wird.

          Ihre Rechnung ist einfach: Wer sich heute mit Corona infiziert und schwer erkrankt, der landet erst nach Wochen auf der Intensivstation. Das Virus braucht Tage, um sich im Körper auszubreiten. Wer krank wird, liegt erst einmal ein paar Tage zu Hause im Bett, bevor er merkt, dass er Hilfe braucht. Im Krankenhaus kommen die Menschen zunächst auf eine normale Station, erhalten Sauerstoff, und erst dann geht es für einige weiter auf die Intensivstation.

          Die Fälle von morgen tragen das Virus schon in sich. Und sie landen immer häufiger in den Krankenhäusern. Im Moment liegen rund 2600 Patienten in Deutschland mit Covid-19 auf der Intensivstation. Gut 7000 Betten sind noch frei, das steht im Melderegister für Intensivbetten, an das die Krankenhäuser seit dem Frühjahr ihre freien Betten melden müssen. Doch nach den Berechnungen der Epidemiologen verdoppelt sich die Zahl der schweren Fälle alle zehn Tage.

          „Belastung wird extrem sein“

          Folgt man ihnen, liegen in Deutschland in zehn Tagen 5000 Patienten auf den Intensivstationen und in drei Wochen zehntausend. Das Gesundheitssystem wäre an der Grenze. Und das trotz der neuen Maßnahmen. Denn es kann zwei Wochen dauern, bis ein Infizierter krank wird. Sollten die Krankenhäuser volllaufen, hätte das also vor allem mit dem zu tun, was vor den Einschränkungen geschah.

          Bernhard Zwißler, Direktor der Klinik für Anästhesiologie am Uniklinikum München und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, sagt: „Wir werden noch in dieser Woche in Deutschland eine Zahl an Covid-Patienten erreichen, die wir in der Spitze im Frühjahr hatten.“

          Er sei zwar kein Epidemiologe, sagt Zwißler, aber „die stark ansteigenden Zahlen von Intensivpatienten folgen einer mathematischen Logik. Die Vorhersagen haben bisher gestimmt, und ich habe keine Zweifel, dass sie weiter stimmen.“ Der Lockdown habe auf diese Entwicklung kaum Einfluss, „der wird erst in Wochen wirken“. Natürlich werden die Krankenhäuser auch dann versuchen, mehr Betten freizumachen. „Aber die Belastung in drei Wochen wird für das deutsche Gesundheitssystem extrem sein.“

          Tausend Betten weniger als gedacht

          Verschärft wird die Situation dadurch, dass die Krankenhäuser die Zahl der verfügbaren Betten im Melderegister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz: Divi, zu hoch angegeben haben. Es stehen also in Wahrheit weniger zur Verfügung. Eigentlich sollen Krankenhäuser nur Intensivbetten als frei melden, für die alles da ist: ein Raum, ein Beatmungsgerät und vor allem: genug Pflegekräfte und Ärzte.

          Genau da liegt aber das Problem. Denn wer auf der Intensivstation liegt, muss engmaschig betreut werden. Auf zwei Patienten kommt deshalb im Schnitt eine Pflegekraft. Nicht irgendeine, sondern eine, die weiß, wie man eine Beatmungsgerät bedient, die alle Warntöne kennt, die also dafür ausgebildet ist. Davon gibt es in Deutschland nicht gerade viele.

          Das könnte der Grund sein, warum es zu den Fehlmeldungen kam. Die Krankenhäuser haben Betten als frei angegeben, für die kein Personal da ist oder erst dann, wenn es anderswo abgezogen wird, zum Beispiel aus den Operationssälen. Am Dienstag wies die Divi die Krankenhäuser deshalb noch mal eindringlich darauf hin, nur Betten als frei zu melden, die sofort zur Verfügung stehen. Die Zahlen hat die Divi außerdem korrigiert. Jetzt stehen tausend Betten weniger zur Verfügung.

          Kam der Lockdown zu spät?

          Intensivmediziner Zwißler ist deshalb der Meinung, dass die Einschränkungen aus medizinischer Sicht zu spät kamen. Er glaubt aber nicht, dass die Politik sie vorher hätten beschließen können. Man habe ja „die Reaktionen der Menschen jetzt gesehen“. Solch harte Einschnitte hätte „man im September niemals durchsetzen können. Das wäre politisch nicht zu vermitteln gewesen. Aber wenn man nur die Pandemie betrachtet, kann es sein, dass wir im Nachhinein sagen: Verflixt noch mal, da haben wir einen Fehler gemacht, wir hätten früher schließen müssen.“

          Auch in Frankfurt machen sie sich Sorgen. Gernot Rohde, Leiter der Pneumologie am Universitätsklinikum Frankfurt, sagt: „Wenn wir uns die Zahlen anschauen, die konkrete Belegung und wie die sich entwickelt hat, dann sehen wir einen dramatischen Anstieg im Oktober.“ Rohde koordiniert die Bettenverteilung im Versorgungsgebiet Frankfurt und Offenbach, das besonders schwer von der Pandemie betroffen ist.

          „Im Sommer lag die Zahl der schweren Covid-19-Fälle auf der Intensivstation in unserem Versorgungsgebiet bei etwa zehn, seit Anfang Oktober bei dreißig, jetzt bei über hundert. Wir haben einen drastischen Anstieg gesehen. Deswegen ist es nicht unrealistisch, davon auszugehen, dass das System in ein paar Wochen an seine Grenzen stößt.“

          Die Ärzte stehen vor unangenehmen Entscheidungen

          Tritt dieser Fall ein, dann gibt es noch eine sogenannte Notfallreserve. Das sind Betten, die Krankenhäuser innerhalb einer Woche freimachen können. Im Melderegister stehen davon über zwanzigtausend. Also alles kein Problem? Doch, denn die Pflegekräfte, die man dafür braucht, fehlen dann anderswo, zum Beispiel im Operationssaal. Dann können nur noch Notfälle operiert werden.

          Hat ein älterer Herr einen Operationstermin für eine Hüftprothese und ist absehbar, dass er anschließend länger auf der Intensivstation liegen wird, muss er warten. Alle Eingriffe, die nicht zwingend notwendig sind, müssen verschoben werden. Die Ärzte stehen vor unangenehmen Entscheidungen.

          Fieberhaft versuchen die Kliniken deshalb, Personal anzulernen, wo immer es geht. In Frankfurt haben sie schon normale Stationen geschlossen. Die Pfleger, die dadurch frei wurden, gehen zunächst auf eine Überwachungsstation. Dort können Herzrhythmus und Sauerstoffsättigung der Patienten gemessen werden. Fünf bis zehn Schichten machen die Pfleger dort, bis sie sich sicher fühlen. Dann übernehmen sie von den Kollegen. Die wiederum gehen auf eine „Intermediate Care“-Station. Dort können Patienten schon mit einer Atemmaske behandelt werden.

          Drohen Zustände wie in Belgien?

          Wieder findet ein Austausch statt: Die Neuen übernehmen, und die Pfleger, die bislang fest auf der Station gearbeitet haben, gehen auf die Intensivstation. Aber dieser Durchlauf dauert. Und er ersetzt auch nicht den gutausgebildeten Intensivpfleger, der mit brenzligen Situationen vertraut ist.

          Rohde sagt: „Wir versuchen Kapazitäten aufzubauen, aber unsere Möglichkeiten sind endlich. Und nicht jeder Pfleger oder Arzt ist sofort einsatzbereit für die Intensivstation. Da muss ja jeder Handgriff sitzen.“ Und dann ist da noch die Gefahr, dass sich Pfleger und Ärzte selbst anstecken und ausfallen. „Wir haben natürlich auch infizierte Mitarbeiter und Ärzte“, sagt Rohde.

          Diese Sorge hat auch Zwißler. Deutschland stünden schwere Wochen bevor, sagt er. „Alle Meldungen über freie Intensivkapazitäten basieren ja darauf, dass uns unsere Mitarbeiter dauerhaft zur Verfügung stehen. Aber auch da wird es Ausfälle geben. Einige Krankenschwestern und Ärzte fallen ja jetzt schon für vierzehn Tage aus, weil sie sich mit dem Virus infizieren. Und wenn wir Pech haben, werden diese Kurven gegeneinanderlaufen: Es kommen immer mehr Patienten an, und es müssen immer mehr Ärzte und Pflegekräfte in Quarantäne.“

          Es drohten Zustände wie in Belgien: Dort müssen mit Corona infizierte Pfleger weiterarbeiten, solange sie keine Symptome haben. Anders geht es nicht mehr. Zwißler richtet deshalb einen Appell an die Deutschen: Alle müssen mitziehen.

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