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Integration : „Türken haben den größten Nachholbedarf“

  • Aktualisiert am

Integrationsschwierigkeiten: Türkischunterricht an einer Frankfurter Gesamtschule Bild: AP

Türkische Einwanderer und ihre Kinder sind nach einer Untersuchung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung die mit Abstand am wenigsten integrierte Einwanderergruppe in Deutschland. Mit dem Direktor des Instituts, Reiner Klingholz, sprach Susanne Kusicke.

          3 Min.

          2008 sollte das „Jahr der Integration“ werden - so hatte es die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), ausgerufen. Das Jahr ist kaum vorüber, da muss Frau Böhmer zugestehen, dass zumindest für die Gruppe der türkischen Einwanderer die Integration noch immer mangelhaft sei. Das ergab eine Studie, deren Ergebnisse das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung am Montag veröffentlicht hat.

          Danach sind türkische Einwanderer und ihre Kinder die mit Abstand am schlechtesten integrierte Einwanderergruppe in Deutschland: Dreißig Prozent der hier lebenden Türken und Türkischstämmigen haben keinen Schulabschluss, nur 14 Prozent erreichen die allgemeine Hochschulreife. Im Erwerbsleben weise diese Gruppe die geringsten Erfolge unter allen Einwanderern auf. Selbst in der zweiten Generation verbesserten sich diese Werte nur geringfügig.

          „Wir müssen die Integrationsanstrengungen verdoppeln, gerade in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten“, sagte Frau Böhmer mit Blick auf die Studie am Montag. Bis 2012 sollten türkische Schüler das Bildungsniveau ihrer deutschen Altersgenossen erreicht haben. Reiner Klingholz, der Direktor des Instituts, erläutert die Ergebnisse gegenüber FAZ.NET:

          Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung
          Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung : Bild: Archiv

          Herr Klingholz, auf welchen Daten basiert die Studie Ihres Instituts?

          Wir haben die Daten des Mikrozensus' 2005 zugrunde gelegt. Dafür wurden 800.000 Personen befragt; es ist also die repräsentativste Grundlage, was es in Deutschland gibt. Interessant für uns war vor allem, dass zum ersten Mal überhaupt nach dem Geburtsort der Befragten selbst und nach dem ihrer Eltern gefragt wurde. Dadurch haben wir erstmals Erkenntnisse über die Gruppe der Eingebürgerten, die seit einer oder zwei Generationen einen deutschen Pass besitzen. Diese Gruppe ist mittlerweile größer als die der Ausländer mit ausländischem Pass. Zur terminologischen Unterscheidung sprechen wir darum weiterhin von „Ausländern“ (8,8 Prozent der Bevölkerung) und „Migranten“ (10,2 Prozent).

          Wonach bemisst sich „Integration“?

          Wir halten 20 Indikatoren für relevant. In der Bildung sind dies unter anderem Abiturquote, Akademikeranteil, der Anteil von Personen ohne jeden Bildungsabschluss. Im Erwerbsleben etwa Fragen nach Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatz, Teilzeitjobs. Die soziale Absicherung wurde nach Verdienst oder etwa der Abhängigkeit von Sozialleistungen bemessen. Schließlich das Feld der Assimilation: Wie viele Angehörige einer bestimmten Bevölkerungsgruppe sind mit Deutschen verheiratet, wie viele haben die deutsche Staatsbürgerschaft inne? Die Staatsbürgerschaft zeigt besonders deutlich den Willen, in der Aufnahmegesellschaft anzukommen, aber auch deren Aufnahmebereitschaft. Insgesamt handelt es sich um „harte“ Indikatoren, nach inneren Haltungen, etwa der emotionalen Zuordnung, wurde nicht gefragt.

          Welche Ergebnisse haben Ihre Erwartungen bestätigt, welche waren für Sie überraschend?

          Besonders interessant war für mich, dass die Türken gar nicht die größte Einwanderergruppe sind, sondern die Aussiedler. Sie stellen 25 Prozent der Migranten, die Türken nur 17,7 Prozent. Das widerspricht der optischen Wahrnehmung, insbesondere in den Städten. Das liegt wiederum daran, dass die Türken in den Städten überproportional vertreten sind, aber kaum auf dem Land, und am wenigsten noch in Ostdeutschland. Die Aussiedler dagegen konnte man nach ihrer Ankunft verteilen, so dass sie auch auf dem Land vertreten und dort vielfach auch gut „angekommen“ sind.

          Daraus folgt für mich die nächste Überraschung: Die Aussiedler sind ausgesprochen gut integriert, ganz gegen den Ruf, der ihnen zum Teil anhaftet. Sie kamen mit guter Bildung und einer hohen Frauenerwerbsquote (die bei den Türken besonders niedrig ist) hier an. Und 67 Prozent der Aussiedler sind schon jetzt mit Deutschen verheiratet. Das bedeutet, dass sich dieser „Migrationshintergrund“ innerhalb der nächsten Generation auflösen wird, sie werden vollständig assimiliert.

          Was muss man daraus schließen?

          Nur einmal mehr den hohen Stellenwert, den die Bildung besitzt. Das ist das Problem der Türken: Sie kamen als Gastarbeiter mit einem ohnehin niedrigen Bildungsgrad, verloren im Zuge des industriellen Strukturwandels vielfach ihre Jobs und haben ihren Kindern nicht - oder nur unzureichend - vermittelt, wie wichtig Bildung mittlerweile in dieser Gesellschaft geworden ist. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, aber die türkischstämmige Elite ist sehr klein. Es gibt kaum Vorbilder, die andere mit sich ziehen könnten.

          Spielt der Glaube in diesem Zusammenhang eine Rolle?

          Das ist aus den Daten nicht zu entnehmen. In Gruppen, die marginalisiert werden und groß sind, ist es allerdings leicht, unter sich zu bleiben, in der eigenen Sprache zu bleiben, türkisches Fernsehen zu schauen. Das gilt insbesondere für die Frauen. Die Gefahr besteht, dass sich diese Gruppen, die ihre Randstellung ja durchaus spüren, gegen die Mehrheitsgesellschaft ausrichten und sagen: Die wollen uns gar nicht. Wenn dann der Glaube als Plattform da ist, diese Haltungen zu bündeln, wirkt das auf jeden Fall kontraproduktiv für die Integration.

          Was sind die dringendsten Folgerungen, die Sie ziehen?

          Mit einem Wort: Größte Probleme, größter Nachholbedarf. Dreißig Prozent der Türken haben keinen Schulabschluss. Die Generation der Fünfzigjährigen werden wir nicht mehr erreichen, darum sind die heutigen Schüler um so wichtiger. Die türkischen Eltern müssen in die Schulen geholt werden. Schulen müssen zu Intergrationszentren ausgebaut werden. Deutsche Vereine sollten gezielt um türkische Mitglieder werben, türkische umgekehrt um deutsche.

          Und vor allem: Die Einbürgerung sollte erleichtert werden. Sie wirkt klar integrationsfördernd. Unter Türken mit oder ohne deutschen Pass ist die Gruppe der Eingebürgerten sehr viel besser integriert als die der Türken ohne deutschen Pass - das heißt, so gut wie alle anderen Migrantengruppen.

          Das Gespräch führte Susanne Kusicke

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