https://www.faz.net/-gpf-rxxn

Integration in Neukölln : Die Center-Kids begeistern

Buschkowsky vor der Rütli-Schule: „Keine Anarchie” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Eine verfehlte „Multi-Kulti-Politik einer Mafia von Gutmenschen“ macht Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky für islamische Parallelgesellschaften mitverantwortlich. Als Lösung schlägt er vor: „Wir müssen Bildung in die Köpfe kriegen.“

          3 Min.

          Er bezeichnet sich als „fanatischen Integrationspolitiker“, der die fordernde Ausländerpolitik des bayerischen CSU-Innnenministers Günther Beckstein „klasse“ findet. Seit sein Berliner Heimatbezirk in ganz Deutschland durch den Brandbrief des Lehrerkollegiums der Rütli-Hauptschule wieder einmal zum Symbol einer gescheiterten Integrationspolitik geworden ist, steht bei Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky das Telefon nicht still. Dem SPD-Politiker, der atemlos und mit unverfälschtem Berliner Akzent die Situation in seinem Stadtteil schildert, ist die prekäre Lage in der Rütli-Schule schon seit 2003 bekannt.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Damals befaßte sich ein „runder Tisch“ im „Quartiersbeirat“ mit der Situation: „Die Schule ist für Kinder und Jugendliche der Lotse in die Gesellschaft. Es war klar, daß es dort irgendwann hochgeht. Die Rütli-Hauptschule ist zur Resteschule geworden, für diejenigen, die schon in der Grundschule unangenehm aufgefallen sind“, sagt er heute.

          „Mafia von Gutmenschen“

          Schon einmal, im November 2004, nach dem Mord an dem islamkritischen holländischen Filmregisseur Theo van Gogh durch einen Niederländer, dessen Eltern aus Marokko gekommen waren, konnte sich Buschkowsky vor Interviewanfragen kaum retten. Der 1948 in Neukölln geborene und hier nie weggezogene Sozialdemokrat hatte die Ermordung van Goghs zum Anlaß genommen, seinem über Jahre gewachsenen Unmut über die aus seiner Sicht verfehlte und sozialromantische „Multi-Kulti-Politik einer Mafia von Gutmenschen“ Luft zu machen. Sie habe in seinem Heimatkiez die Bildung von islamisch geprägten „Parallelgesellschaften“ erst entscheidend gefördert. Was in Amsterdam geschehen sei, könne jederzeit auch in Neukölln passieren, verkündete Buschkowsky im Herbst 2004.

          „Klar haben die bittere Probleme”
          „Klar haben die bittere Probleme” : Bild: AP

          Etwa 300.000 Einwohner zählt Neukölln, der wirtschaftlich schwache Problembezirk im Südwesten der Hauptstadt. Davon sind mehr als 100.000 Ausländer, die Arbeitslosenquote unter ihnen beträgt 40 Prozent. Noch dramatischer sei in den vergangenen 20 Jahren die Entwicklung im nördlichen Teil Neuköllns verlaufen, in dem auch die Rütli-Hauptschule liegt, die zu mehr als 80 Prozent von arabischen und türkischen Schülern besucht wird. Von den 150.000 Einwohnern seien schon jetzt die Hälfte ausländischer Herkunft: „Und in zehn bis 15 Jahren werden es 75 bis 80 Prozent sein. Die Ghettoisierung hat hier doch schon längst stattgefunden.“

          „Bildung in die Köpfe kriegen“

          Diese Bevölkerungsentwicklung hält Buschkowsky zwar für unumkehrbar. Doch an den Erfolg einer Integrationspolitik, die bei Einwanderern die Einhaltung demokratisch-freiheitlicher Werte einfordert, glaubt der seit 2001 amtierende Bürgermeister trotz aller Rückschläge: „Es geht! Wir können erreichen, daß dort unser Wertekanon herrscht und man sich wie in Westeuropa fühlt.“

          Den Schlüssel zur Bewältigung der Schwierigkeiten mit aggressiven Einwandererkindern, gerade auch an der Rütli-Hauptschule, sieht Buschkowsky in einer Bildungspolitik, welche die Jugendlichen fordert und ihnen die Chancen der deutschen Gesellschaft aufzeigt: „Wir müssen Bildung in die Köpfe kriegen. Wir müssen diese jungen Leute für ihre Zukunft begeistern. Die haben ja meist ganz kleinbürgerliche Träume, wie etwa die Ausbildung zur Friseurin. Aber dazu müssen sie wissen, daß man dafür einen guten Schulabschluß braucht.“

          „Klar haben die bittere Probleme“

          Die von den Lehrern in ihrem Brief an die Schulaufsicht geschilderten Zustände einer alltäglichen Gewalt in den Klassen hat Buschkowsky so nicht wahrgenommen: „In der Schule gibt es keine Anarchie. Klar haben die bittere Probleme.“

          Um die Situation der Schüler zu verbessern, müsse die Schule zu einer „Sozialisations- und Integrationsinstanz“ umgebaut werden. Dazu gehörten etwa ein „Mediator“ zur Streit- und Konfliktbewältigung und Sozialarbeiter. Auch das Lehrerkollegium sollte künftig nicht aus Pädagogen bestehen, die gegen ihren Willen nach Neukölln versetzt würden. An der Schule müsse es für die Jugendlichen ein Ganztagsangebot geben mit interessanten Projekten: „Man muß die für eine Sache begeistern.“

          Polizei gegen Schulschwänzer?

          Neben diesen Angeboten hält der gelernte Verwaltungswirt aber auch die strikte Einhaltung von Regeln für unumgänglich: „Schuleschwänzen muß hart verfolgt werden, notfalls muß die Polizei die Schüler von zu Hause abholen.“ Von Vorschlägen wie Jugendarrest für renitente Schüler, wie sie etwa Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) vorschlägt, hält Buschkowsky allerdings nichts: „Damit will man nur den Stammtischen Zucker geben.“

          Daß es an der Rütli-Schule so weit gekommen ist, liegt nach Erfahrung des Bürgermeisters auch an der Situation in den „absolut bildungsfernen“ Elternhäusern: „Da muß man sich fragen, wann haben die Eltern das letzte Mal einen Elternabend besucht? Steht da ein Buch im Schrank? Wissen die Eltern, daß ihr Kind ein Center-Kid ist, das nach der Schule im Einkaufscenter rumlungert und eine Straßensozialisation erfährt?“ Das riesige Medieninteresse, das der Fall der Rütli-Schule nun erregt, läßt Buschkowsky auf eine Umkehr in der Integrationspolitik hoffen: „Ich kann nur sagen, hört auf, euch die Welt schönzureden.“

          Weitere Themen

          Langsam kreist der Sputnik

          Russland startet Massenimpfung : Langsam kreist der Sputnik

          Russland startet eine „Massenimpfung“ mit seinem heimischen Impfstoff. Dessen Testphase soll erst im Mai abgeschlossen sein. Die Verantwortlichen sagen trotzdem: Wird schon!

          Österreichs Durchhalteparolen

          Lockdown verlängert : Österreichs Durchhalteparolen

          In Österreich wird der Lockdown vorerst bis zum 8. Februar verlängert. Bundeskanzler Sebastian Kurz begründet das vor allem mit dem „Briten-Virus“. In Wien demonstrieren derweil Tausende gegen die Corona-Politik der Regierung.

          Topmeldungen

          Marylyn Addo und ihr Team arbeiten an einem Corona-Impfstoff.

          Forscherin Addo im Interview : „Ich erwarte im Frühjahr eine Entspannung“

          Infektiologin Marylyn Addo forscht mit ihrem Team selbst an einem Corona-Impfstoff, hat dabei aber gerade einen Rückschlag erlebt. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit, mangelnde Impfbereitschaft, Virus-Mutationen und Lockdown-Effekte.

          Nach Laschets Wahl : Der knappe Sieg des Merkelianers

          Der künftige CDU-Vorsitzende Armin Laschet steht nun vor zwei Herausforderungen. Zum einen muss er Friedrich Merz einbinden, zum anderen seine Umfragewerte verbessern. Nur dann dürfte er Kanzlerkandidat werden.
          Das Symbol für Ethereum

          Digitalwährung Ether : Besser als Bitcoin

          Alle Welt ist im Bitcoin-Rausch. Dabei gibt es eine Alternative, die viel interessanter ist: Ether. Doch was macht die Digitalwährung so besonders?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.