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Integration : Die türkischen Bildungsbürger

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

In Deutschland gründen Einwanderer-Vereine immer mehr Privatschulen. Die guten Erfahrungen lassen ein anderes Thema in den Hintergrund rücken: dass den Schulen nachgesagt wird, sie seien einer undurchsichtigen Bewegung zuzurechnen.

          Hand aufs Herz - wer kennt die „Weiber von Weinsberg“? Das ist die Geschichte von den listigen Frauen, die ihre Männer nach der Kapitulation der Burg auf dem Rücken den Berg hinunter trugen und damit vor der Hinrichtung retteten. Mirza Ernes, ein Pimpf von zwölf Jahren und türkischer Herkunft, schnurrt die Story nur so herunter. „Also, Konrad III., das war ein Kaiser im zwölften Jahrhundert“, sagt er, und sein Deutsch klingt nicht schlecht.

          Dieser Konrad hat die Burg belagert. Und da hätten die Frauen gesagt, was haben wir mit dem Krieg zu tun? „Okay“, habe Konrad gesagt, „packt ein, was euch am liebsten ist.“ Also hätten sie ihre Männer eingepackt. Was lernen wir daraus? Dass Frauen schlau sind, die Männer nicht ohne sie können und der Kaiser doof war. So viel zur Stellung der Frau. Da lachen die türkischstämmigen Jungen und Mädchen, von denen freilich viele einen deutschen Pass haben.

          Die Sache mit der „Treu-Weiber-Begebenheit“ von Weinsberg hat ihnen der Deutschlehrer eingebrockt: Nacherzählen heißt die Hausaufgabe, aber nicht mündlich, wie es Mirza Ernes gerade getan hat, sondern brav ins Heft schreiben. Dann wird sich zeigen, wie weit es mit dem Deutschen tatsächlich her ist. Neunzehn Schüler hat die Klasse „G 6“, fünf Mädchen sind darunter, eines trägt Kopftuch. Und ein deutscher Junge.

          Bildung hat eine hohe Bedeutung in türkischstämmigen Familien

          Überall entstehen türkische Privatschulen

          Damit ähneln die Mehrheits- und Minderheitsverhältnisse jenen in manchen staatlichen Schulen in den problematischen Stadtteilen von Berlin oder im Bahnhofsviertel von Frankfurt. Wir befinden uns jedoch in einer Privatschule in Mannheim - der „Sema“-Schule des „Türkisch-Deutschen Bildungsvereins“. Ob in Köln, Berlin, Stuttgart, Paderborn oder zuletzt in Hannover - überall sind in den vergangenen Jahren in Deutschland Privatschulen nach diesem Muster entstanden: Die Gründer sind Migrantenorganisationen, die meist zuvor schon Nachhilfe-Institute gegründet hatten.

          Hans-Ulrich Kolb, der Deutschlehrer und Leiter der Mannheimer Schule, hat 35 Jahre Erfahrung im Schuldienst. Nach seiner Pensionierung hatte er sich bei einer Nachhilfeeinrichtung des „Türkisch-Deutschen Bildungsvereins“ beworben. Drei solcher Institute unterhält der Verein, ein Lernzentrum, einen Lernkreis und einen Lerntreff, in denen etwa fünfhundert Kinder und Jugendliche büffeln. Gefragt wurde Kolb aber, ob er nicht die Leitung der „Sema“-Schule übernehmen wolle.

          Drei Klassen gibt es mittlerweile in dieser staatlich genehmigten Ganztagsschule (die 250 Euro im Monat kostet) mit Kantine und Hausaufgabenbetreuung, Schach oder Theater-AG am Nachmittag - eine fünfte und sechste Klasse im Gymnasium und eine Realschulklasse. Derzeit hat sie 49 Schüler, davon sind vier aus deutschem Elternhaus. Sie alle werden unterrichtet von sieben deutschen und drei Lehrern mit türkischem Hintergrund.

          „Wir sind eine deutsche Schule“

          Kolb ist begeistert darüber, welch hohe Bedeutung die Bildung in den Familien seiner türkischstämmigen Schüler habe. Viele kommen von weit her, wohnen mehr als zwanzig Kilometer weit weg. Dennoch legt man in Mannheim auf eine Feststellung Wert: „Wir sind eine deutsche Schule“ - und ärgert sich darüber, wenn jemand sagt, die „Sema“-Schule sei eine türkische Schule, gar so eine, wie sie sich der türkische Ministerpräsident Erdogan wünsche.

          Das ist sie sicherlich nicht, denn die Umgangssprache ist Deutsch, der Unterricht folgt dem baden-württembergischen Lehrplan, außerdem steht sie allen offen, möchte „international“ werden. „Wir wollen die staatlichen Schulen übertreffen“, sagt Ali Yildirim vom „Bildungsverein“. Und zeigen, dass „die Türken nicht nur ein Problemfall sind, sondern auch zur Lösung eines Problems beitragen“.

          Die Stadtpolitiker freut das - und die Integrationsbeauftragten auch. Dass die Türken ein eigenes Bildungsangebot machen, wenn die staatlichen Schulen es nicht schaffen, ihre Kinder zum Schulerfolg zu führen, sei in Ordnung und ihre Bildungsarbeit auch, heißt es dort. Die guten Erfahrungen mit den Schulen und die Erkenntnis, dass Bildung die Integration fördere, lassen ein anderes Thema in den Hintergrund rücken: dass den Schulen nachgesagt wird, sie seien einer undurchsichtigen Bewegung zuzurechnen: der des türkischen Predigers Fethullah Gülen.

          Vorbild Gülen?

          Gülen lebt seit rund zehn Jahren in Amerika und ist Gründer einer „weltweiten islamischen Bildungsbewegung“, wie es der Islamwissenschaftler Bekim Agai von der Universität Bonn nennt. In der Türkei ist Gülen umstritten. Die einen loben ihn als einen islamischen Gelehrten mit liberalen Vorstellungen, der für eine Verbindung von Religion und Naturwissenschaften steht und den interreligiösen Dialog pflegt; Gülen wurde zum Beispiel von Papst Johannes Paul II. empfangen. Die anderen sehen in ihm jemand, der die Türkei durch eine neue Elite zu einem islamischen Staat machen will.

          Gülen verurteilt Selbstmordattentäter, gibt dem Erziehungssystem die Schuld dafür, dass die Terroristen aus der Mitte der Muslime hervorgegangen sind. Seit den achtziger Jahren begannen seine Anhänger damit, in der Türkei Schulen zu gründen, im Dezember 1994 ging Gülen groß damit in die Öffentlichkeit. Schulen in der ehemaligen Sowjetunion kamen hinzu, auf dem Balkan, aber auch in Westeuropa. Parallel dazu entwickelte sich ein Medien-Netzwerk, das den Gülen-Anhängern nahestehen soll und zu dem Radio- und Fernsehsender zählen, eine Nachrichtenagentur, Zeitungen, darunter auch die auflagenstarke „Zaman“, die inhaltlich der in der Türkei regierenden AKP und Erdogan wohlgesinnt ist. Die Europa-Zentrale der „World Media Group“ befindet sich in Offenbach am Main.

          In Deutschland ist die Bewegung nach den Worten von Bekim Agai mit Nachhilfezentren „in nahezu jeder größeren Stadt aktiv und bemüht sich, private Schulen zu eröffnen, ohne dabei eine offizielle Zentrale zu besitzen, was jedoch nicht bedeutet, dass die Aktivitäten im Netzwerk nicht koordiniert werden“.

          Dahinter „steckt eine islamistische Auffassung“

          Auch in Deutschland hat die Gülen-Bewegung Kritiker. Zu ihnen zählt der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban von der Evangelischen Fachhochschule in Berlin. Er hält sie für gefährlich, weil sie „unfassbar“ sei. „Unter dem pseudo-modernistischen Lack steckt eine islamistische Auffassung“, sagt Ghadban und zitiert eine Passage aus Gülens Buch „Fragen an den Islam“. Darin werde dem Koran bescheinigt, dass er die Verfassung und Grundlage sei, auf dem sich das individuelle und gesellschaftliche Leben gründen solle. Alle Islamisten kämen aus dieser Tradition. Ghadban lässt auch nicht gelten, dass sich Gülen gegen den Terrorismus des 11. September ausspricht. Wer „uns“ friedlich erobern wolle, verurteile den Terror, denn Bomben passten nicht in die Strategie.

          Ob die Gülen-Bewegung eine islamistische Agenda hat oder nicht - dieser Frage müsste nach Ansicht der Islamismus-Kennerin Claudia Dantschke vom Zentrum Demokratische Kultur in Berlin weiter nachgegangen werden. Für sie ist Gülen kein Reformer, sondern ein orthodoxer Gelehrter, der den Islam mit moderner Technik und Wissenschaft verbindet, so für die Globalisierung „fit machen“ und Defizite etwa im Bildungssystem aufgreifen will.

          Das Studenten-Netzwerk beobachten

          Für alles andere, etwa eine religiöse Unterwanderung, gebe es zu wenig Belege. Um diese Belege zu finden, fordert Frau Dantschke, den Blick weg von den Schulen, hin auf das Netzwerk zu richten. Das gelte vor allem für die Studentenwohnheime und die Wohngemeinschaften, in denen sich die „Kerngemeinschaft“ treffe. Keiner wisse, was da besprochen werde.

          In der „Sema“-Schule in Mannheim gibt es keinen Religions-, sondern Ethikunterricht. Ali Yildirim vom „Bildungsverein“ gibt zwar zu, offen für die Gülen-Thesen zu sein. Das sei aber seine Privatsache und habe nichts mit der Schule zu tun. Und für die will er gelobt werden. Den Gülen-Gegnern, ob in der Türkei oder hier, wirft er vor, immer nur zu kritisieren: „Die sollten erst einmal bessere Einrichtungen machen als unsere.“

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