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Integration : Die Eltern sind der Schlüssel

Was ist gutes Deutsch? Eine schwierige Frage, nicht nur für die Teilnehmerinnen dieses Integrationskurses Bild: ©Helmut Fricke

Vierzig Prozent Ausländeranteil ist Frankfurter Durchschnitt. In einigen Problemvierteln liegt er deutlich darüber. Dennoch verläuft die Integration einigermaßen spannungsfrei. Sogar in einem sozial extrem durchmischten Stadtteil wie Niederrad: Ein Blick auf Integrationsbemühungen von Bund, Stadt und Land.

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          Mama, wie redet der Chuan?“, fragt der Dreieinhalbjährige, der gerade aus dem Kindergarten kommt. „Du meinst, welche Sprache er spricht?“ „Ja.“ „Ich glaube, er spricht Thai; seine Mama kommt aus Thailand.“ „Und wie redet die Elif?“ „Ich bin nicht sicher, aber wahrscheinlich Türkisch.“ „Wie wir? Was reden wir, Mama?“ „Wir sprechen Deutsch, mein Kleiner.“

          Susanne Kusicke
          Redakteurin der Politik.

          Vor dem Kindergarten in Frankfurt-Niederrad steht eine blonde junge Frau, schwanger ungefähr im siebten Monat, an der Hand ein kleines blondes Mädchen. Sie beugt sich vor, versucht, über die Mauer einen Blick in den Hof zu erhaschen. Da kommt eine Mutter heraus. „Verzeihung, kann ich Sie mal etwas fragen?“ „Ja, natürlich.“ „Sie haben Ihr Kind in diesem Kindergarten, und wir überlegen, ob wir unsere Tochter auch hier anmelden, aber der Ausländeranteil soll hier so hoch sein. Deswegen wollte ich mal fragen, wie Sie den Kindergarten finden.“

          Siebzig Prozent Ausländer oder Deutsche mit „Migrationshinweis“

          „Nun ja, der Ausländeranteil ist schon hoch, aber es ist ein guter Kindergarten. Die Kinder sprechen alle Deutsch miteinander, soweit ich es mitbekomme, und die Kindergärtnerinnen bemühen sich sehr um sie. Und sie haben eine wirklich gute Köchin!“ Die junge Frau blickt zweifelnd. „Wie hoch, würden Sie sagen?“ „Vielleicht fünfzig, sechzig Prozent. Ich glaube aber kaum, dass das in den anderen Kindergärten anders ist.“ „Aha, danke sehr. Das hilft mir schon weiter.“

          Gegensätze, die sich nicht anziehen: In Sichtweite des alten Dorfkerns ragen die dunkelbraunen Wohnsilos des Quartiers „Mainfeld” auf
          Gegensätze, die sich nicht anziehen: In Sichtweite des alten Dorfkerns ragen die dunkelbraunen Wohnsilos des Quartiers „Mainfeld” auf : Bild: ©Helmut Fricke

          Niederrad ist nicht der Stadtteil mit dem höchsten Ausländeranteil in Frankfurt. Aber es ist ein Stadtteil mit der denkbar höchsten sozialen Durchmischung: Nördlich am Main das „Mainfeld“, eine Hochhaussiedlung, für die der Begriff „sozialer Brennpunkt“ fast schon eine verharmlosende Umschreibung ist. Das „Mainfeld“ ist eine städtebauliche und sozialpolitische Sünde der sechziger Jahre: sieben Hochhäuser mit bis zu 21 Stockwerken im infrastrukturellen Niemandsland. Siebzig Prozent der 2200 Bewohner sind Ausländer oder Deutsche mit „Migrationshinweis“, wie es die Frankfurter Statistiker seit einiger Zeit nennen, wenn deutsche Staatsangehörige entweder noch eine zweite Staatsangehörigkeit besitzen, eingebürgert wurden, nach dem Optionsmodell Deutsche sind oder nach 1945 in einem Aussiedlerstaat geboren wurden.

          Skeptischer Blick in die Zukunft

          Im Süden, am Stadtwald, ein ausgedehntes Villenviertel. Kameras überwachen die Einfahrten, auf den Briefkästen stehen nur Initialen. Im Westen schließt sich die Bürostadt an, hinter deren Glasfassaden sich wegen der Wirtschaftskrise immer mehr Leerstände verbergen. Von dort sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Frankfurter Flughafen. Dazwischen liegen weitläufige Wohnanlagen aus den zwanziger und fünfziger Jahren: ganze Straßenzüge mit Sechs- bis Achtparteienhäusern, die jetzt teilweise saniert und mit Balkonen versehen werden. Das Viertel gilt als grün und familiengerecht, der Ausländeranteil beträgt - einschließlich eingebürgerter Einwanderer - etwa vierzig Prozent, das ist Frankfurter Durchschnitt. In der Altersgruppe bis 34 Jahre liegt er schon bei 50 Prozent.

          Die weitere Entwicklung wird vielfach skeptisch beurteilt: „Der Fluglärm wird zunehmen, die Haupteinkaufsstraße wird veröden, da es jetzt schon zu viele Im- und Exportläden und Internetcafés von Ausländern gibt“, lautet die unbarmherzige Beschreibung der Wohngegend auf einer Internet-Immobilienseite. Lokalpolitiker und soziale Verbände versuchen durch Wirtschaftsansiedelung und Integrationsprojekte gegenzusteuern.

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