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Insolvenz der P+S-Werften : Zu viel gewollt und alles verloren

Krise im Wahlkreis: Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Sellering (rechts) auf der Werft in Stralsund Bild: dpa

Werftenkrisen gehören zum Alltag der Landespolitik in Mecklenburg-Vorpommern. Die absehbare Insolvenz der P+S Werften erschüttert das Land dennoch in seinem Kern. Trotzdem: Die Koalitionspartner stehen zusammen.

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          Sogar die Kanzlerin war nach Stralsund gekommen. Schließlich ist es ihr Bundestagswahlkreis. Auch Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) und Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) waren dabei, als die Mitarbeiter der P+S Werften in Stralsund und Wolgast am Dienstag über die Lage des Unternehmens informiert wurden. Dass diese nicht gut ist, wussten sie im Grunde schon seit April - seit keine Schiffe mehr ausgeliefert wurden. Auch die Landesregierung wusste, dass aus der Krise bei den P+S Werften das werden konnte, was sie eine „Katastrophe für das Land“ nennt.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit der Wiedergründung des Landes Mecklenburg-Vorpommern 1990 haben die Werften die Politik begleitet. Erst ging es darum, die Werften über die Treuhand zu privatisieren. Als das geschehen war, kriselte es mal in dem einen, mal in dem anderen Unternehmen. Dann kam noch ein handfester Betrug hinzu, damals bei der Vulkan-Werft. Die Politiker im Nordosten wissen also: Wenn schlechte Nachrichten aus einer der fünf großen Werften im Land kommen, dann geht es immer gleich um alles.

          Aufträge erledigen, Schiffe verkaufen, liquide sein

          Anfang August hatte die Geschäftsführung bei P+S gewechselt. Es kam der in Krisen erfahrene Rüdiger Fuchs als Nachfolger von Dieter Brammertz, der seit 2010 die Umstrukturierung der früheren Hegemann-Werften geleitet hatte. Brammertz war in die Kritik geraten, als bekannt wurde, dass die Werften staatliche Beihilfen in Höhe von 152 Millionen in Anspruch nehmen mussten. Ministerpräsident Sellering beauftragte Fuchs, dem es bei Airbus gelungen war, die Probleme mit dem Großraumflugzeug A380 zu lösen, rasch ein ungeschminktes Lagebild zu geben. Dieses Lagebild sah dann noch schlimmer aus, als es sich die Landesregierung hatte vorstellen können. Im Juni erst hatte das Land alles versucht, um mit Hilfe des Bundes und genehmigt von der Europäischen Kommission die benötigten 152 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Das war die größte Beihilfe, die es in Mecklenburg-Vorpommern je gegeben hat. Freilich sollte das Geld nur zur Überbrückung dienen. Die Werften sollten ihre Aufträge erledigen, ihre Schiffe verkaufen und wieder liquide sein.

          Fuchs musste nun mitteilen, dass der Bürgschaftsrahmen allenfalls bis Jahresende reichen würde, nicht aber, um alle Aufträge abzuarbeiten. Selbst sein auf die Schnelle geschriebenes Konzept, das den Verkauf der Peene-Werft in Wolgast vorsieht, hätte mehr Geld benötigt. Sellering und Glawe telefonierten mit Bund und EU. Die Auskünfte, die sie bekamen, waren so einmütig wie niederschmetternd: Mehr Geld gibt es nicht. Da die Zahlungsunfähigkeit von P+S absehbar ist, fließen nun nicht einmal mehr die 152 Millionen Euro vollständig. Der Gang zum Insolvenzrichter wird wohl unausweichlich. Fuchs machte auch klar, dass das beide Werften betrifft: „Beide sind ein Verbund und ein Unternehmen.“ Seit 2009 schwelte in den Werften die Krise, obwohl es genug Aufträge gab. Der Werftenverbund wurde 2010 gebildet mit dem Ziel, beide Werften auf den Spezialschiffbau zu lenken und vor allem in Stralsund den für deutsche Standorte nicht mehr lukrativen Containerschiffbau aufzugeben. In Wolgast - die Werft dort ist kleiner als die in Stralsund - gelang das. In Stralsund jedoch habe man, wie Fuchs analysierte, zu viel gewollt und zu ambitionierte Zeitpläne formuliert.

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