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Innere Sicherheit : Geheimdienste sehen Deutschland durch islamistische Terroristen gefährdet

  • Aktualisiert am

Nachrichtendienste gehen von mindestens 300 „Schläfern” in Deutschland aus Bild: dpa

Zum dritten Jahrestag der verheerenden Terrorangriffe am 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten stellt sich die Sicherheitslage in Deutschland unverändert ernst dar.

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          Zum dritten Jahrestag der verheerenden Terrorangriffe am 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten stellt sich die Sicherheitslage in Deutschland unverändert ernst dar.

          Vertreter der Geheimdienste gaben zu bedenken, daß die Bundesrepublik gegen mögliche Terrorattacken von Islamisten nur bedingt geschützt sei. „Die Sicherheitslage in Deutschland ist angespannter denn je“, stellten am Freitag die deutschen Geheimdienste übereinstimmend fest. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, ließ ohne Vorbehalte wissen, daß die Terrorgefahr in Deutschland wächst.

          Im Bundesgebiet werden nach Darstellung der Nachrichtendienste mindestens 300 Islamisten vermutet, die „aus dem Stand zuschlagen könnten“. Sie werden als „Schläfer“ betrachtet, die unerkannt als Kaufleute, Handwerker, Ärzte leben. „Bei der Suche nach Terroristen stochern wir im Nebel“, sagte ein Geheimdienstexperte.

          Besonders sind die Dienste darüber beunruhigt, daß die islamistischen Terroristen mittlerweile weltweit ein raffiniert verdecktes System im Internet betreiben, um sich über Einzelheiten ihrer Pläne, Anschlagsziele und den Bau von Bomben abzustimmen. Handys und andere Verbindungsmöglichkeiten haben „praktisch ausgespielt“, hieß es.

          Immer noch kein zentraler Infomationsaustausch

          Als entscheidendes Manko bei der Verfolgung gewaltbereiter Islamisten wird von den Experten angesehen, daß sich Bund und Länder noch immer nicht „zusammengerauft“ haben, um einen raschen, zentralen Informationsaustausch über erkannte terroristische Aktivitäten sicherzustellen. Die Verfassungsschutzämter von Bund und Länder kochen bei der Fahndung nach Islamisten weitgehend ihr eigenes Süppchen. „Das wissen natürlich die Terroristen und suchen gezielt die Löcher, wo sie erfolgreich durchschlüpfen können“, schilderte ein Verfassungsschützer. Einen Datenaustausch in Sachen Islamismus auf europäischer Ebene gibt es sowieso nicht.

          Etwa 1000 Al Qaida-Unterstützer in Europa

          Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, hält nicht hinter dem Berg: Al-Qaida sei voll handlungsfähig geblieben, mehr noch, die Organisation habe sich in den vergangenen Monaten personell und organisatorisch offenbar „völlig neu aufgestellt“.

          Geheimdienstler wiesen darauf hin, daß der Kampf gegen den internationalen Terrorismus durch die hohe Beweglichkeit der Täter, ihre weltweit präsenten Unterstützer sowie durch die „ausgeklügelt effiziente Vernetzung“ erschwert werde. Usama Bin Ladin und sein Stellvertreter Ayman Al Zawahiri seien unverändert die Köpfe des islamistischen Netzwerkes. In Europa soll es schätzungsweise über 1000 Al-Qaida-Unterstützer geben.

          Selbstmordattentate gegen „weiche Ziele“ werden zunehmen

          Der Terrorismusexperte Rohan Gunaratna, der am Institut für Verteidigung und strategische Studien in Singapur arbeitet, brachte die neue Entwicklung von Al-Qaida auf den Punkt: Die Natur ihrer Bedrohung sei „diffuser“ geworden. Die aus Afghanistan geflüchteten Al-Qaida-Mitglieder arbeiteten heute mit Gruppen und Kämpfern zusammen, die sie vorher ausgebildet hätten. Gunaratna befürchtet, daß vor allem die Selbstmordattentate gegen „weiche Ziele“ zunehmen werden. Symbolische oder strategische Ziele hätten die Terroristen nicht mehr so im Auge. Diese „Machart“, beispielsweise die Menschen in U-Bahnen anzugreifen, sei „enorm gefährlich“ geworden.

          BND befürchtet Anschläge im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl

          Der breite Gürtel der islamistischen Terroraktivitäten über viele Länder der Erde, der sich gerade wieder in Jakarta, in Tschetschenien und vorher in Spanien gezeigt hat, habe die Fahnder und Geheimdienste sehr nervös gemacht, berichtete ein Verfassungsschützer. Für Nordamerika befürchtet der Bundesnachrichtendienst im Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen einen Anschlag der Al-Qaida. Ein solcher Terrorangriff könnte aber auch in einem mit den Amerikanern verbündeten Land stattfinden. Auch deutsche Soldaten stehen in Afghanistan an der Seite der amerikanischen Verbündeten.

          Pünktlich zum 11. September hat sich Zawahiri in einem Video zu Wort gemeldet und den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten vorausgesagt, sie würden in Afghanistan und im Irak scheitern. Auch Deutschland könnte betroffen sein und mit Anschlägen unter Druck gesetzt werden, meinte ein Geheimdienstler in Berlin.

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