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Streit um Impfzentren : Maximale Kakophonie

  • -Aktualisiert am

Erst zu, dann wieder offen? Die Debatte um die Impfzentren folgt einem Muster in der Pandemiebekämpfung. Bild: dpa

Noch im September hielten Gesundheitsminister Spahn und seine Länderkollegen den Weiterbetrieb der Impfzentren für unnötig. Nun fordert Spahn die Wiedereröffnung, die Länder halten dagegen. Die Kakophonie ist perfekt.

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          Es ist eine ironisch anmutende Kehrtwende, dass nun die Wiederöffnung der Impfzentren gefordert wird. Anfang September konnte ja schließlich niemand der dafür verantwortlichen Gesundheitspolitiker ahnen, das die zum 1. Oktober geschlossenen Zentren exakt einen Monat später wieder gebraucht werden. Oder ist die Wiederöffnung doch unnötig?

          Wenn es nach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und seinem möglichen SPD-Nachfolger Karl Lauterbach geht, sollten die im Stand-by-Betrieb vorgehaltenen Impfzentren schnell wieder hochgefahren werden. Nur so könne möglichst vielen zweifach Geimpften in den nächsten Wochen die dritte Auffrischungsimpfung gespritzt werden – als wirksamster Schutz vor einer Infektion in der grassierenden vierten Corona-Welle mit steigenden Kranken- und Todeszahlen.

          Das sehen die Bundesländer, wie sollte es anders sein, völlig anders. Es gebe angesichts stagnierender Impfzahlen schlicht keinen Bedarf für die mit viel teurem Personalaufwand betriebenen Zentren – Einrichtungen, für die ausgerechnet Spahn die Mittel gestrichen hat. Die Hausärzte müssten mehr impfen, dreht Berlins Gesundheitssenatorin den Spieß um. Ärzteverbände wiederum sind verärgert über Spahn, der allen Bürgern ab zwölf Jahren eine Booster-Impfung versprochen hatte, die von der Ständigen Impfkommission indes nur für über 70-Jährige empfohlen wird.

          Wie so oft im Verlauf der Corona-Pandemie herrscht damit maximale Kakophonie bei der Entscheidungsfindung zu einer wichtigen Frage. Dabei ist bekannt, dass es zur Eindämmung der wegen der Delta-Variante gefährlicher gewordenen Pandemie auf das Impftempo ankommt. Aber auch wenn die Gesundheitsministerkonferenz als sinnvolles Instrument die abermalige Öffnung der Impfzentren beschließt, könnte es damit noch dauern.

          Denn das nötige Personal ist längst wieder woanders beschäftigt, neue Kräfte müssten erst geschult werden. Das Fahren auf Sicht mag in anderen Krisen von Vorteil sein. Bei Corona sind vorausschauendes Lenken und rasches Handeln gefragt.

          Thomas Holl
          Redakteur in der Politik.

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