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Gesundheitsministerkonferenz : Impfangebot für Kinder ab zwölf Jahren beschlossen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Juni 2021 (Archivbild) Bild: dpa

Die Gesundheitsminister sprechen sich für die flächendeckende Impfung von Kindern und Jugendlichen gegen Covid-19 aus – anders als die STIKO. Hat die Einschätzung von Wissenschaftlern da noch Gewicht?

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          Je näher nach den Sommerferien der Schulbeginn rückt, desto größer wird das Bemühen der Politik, auch möglichst viele Kinder und Jugendliche gegen COVID-19 impfen zu lassen. Inzwischen hat die europäische Arzneimittel Agentur Ema zwei mRNA-Vakzine für Kinder zwischen zwölf und sechzehn Jahren in der EU zugelassen, jenes von BioNtech/Pfizer und jenes von Moderna. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission STIKO aber keine generelle Impfung von Minderjährigen, sondern rät dazu nur bei Vorerkrankten und in anderen Ausnahmefällen. Gleichwohl sind Impfungen für jedes Kind möglich und zwar, wie die STIKO schreibt, „nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz des Kindes oder der Sorgeberechtigten“.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Die Konferenz der Gesundheitsminister des Bundes und der Länder zitierte diese Formulierung am Montag in ihrem Beschluss als Begründung dafür, dass sie eine umfassende und möglichst baldige Impfung von Kindern und Jugendlichen anstrebt. Schließlich stünden inzwischen „ausreichend Impfdosen beider Hersteller zur Verfügung, um allen der zirka 4,5 Millionen zwölf- bis siebzehnjährigen Personen in Deutschland diese Impfung unmittelbar anbieten zu können“. Bis zum Sonntag hätten bereits 20,5 Prozent in dieser Altersgruppe eine Erstimpfung erhalten, fast zehn Prozent seien vollständig immunisiert. Schon auf ihrer Sitzung am 6.Mai hatten die Ressortchefs beschlossen, „bis Ende August 2021 ein entsprechendes Impfangebot machen zu wollen“.

          „Sichererer Start in den Lehr- und Lernbetrieb“

          Jetzt wird man konkreter: Alle Länder sollen alle Zwölf- bis Siebzehnjährigen auf deren Wunsch hin impfen, und zwar in den Impfzentren. Die Zentren sollten eigentlich zum September geschlossen werden, haben aber derzeit große Vakanzen, so dass sie sofort mit dem beschleunigten Kinderimpfen beginnen könnten. Hinzutreten sollen auch Kinder-, Jugend- und Hausärzte sowie Betriebsmediziner, wenn ein erwachsener Angehöriger im Unternehmen arbeitet. Explizit heißt es auch, dass die Länder in Schulen, Berufsschulen und Universitäten „strukturierte niedrigschwellige Angebote“ machen sollten: „Dies kann zu einem sichereren Start in den Lehr- und Lernbetrieb nach den Sommerferien beitragen.“ Ein Zusatz, der in der Beschlussvorlage des Bundes noch nicht enthalten war, stellt klar, „dass die Freiwilligkeit der Annahme dieses Impfangebots nicht in Frage gestellt wird.“

          Die Gesundheitsminister beschlossen auch, von September an Auffrischungsimpfungen anzubieten. Zum einen durch Impfteams für ältere und vulnerable Gruppen in Pflegeheimen oder Einrichtungen zur Eingliederungshilfe, aber auch durch Ärzte zu Hause. Geschehen soll dies mit BioNTech/Pfizer oder Moderna mindestens sechs Monate nach Ende der ersten Impfserie. Personen, die bisher keinen mRNA-Impfstoff erhalten haben, können damit ebenfalls von September an eine Folgeimpfung erhalten, unabhängig vom Alter oder von Anfälligkeit. Dem Beschluss zufolge können die „Boost-Impfungen“ im Rahmen der bestehenden europäischen Zulassung verabreicht werden.

          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte nach der Videokonferenz: „Wir halten unser Versprechen: Jeder, der will, kann im Sommer geimpft werden. Wir haben genügend Impfstoff für alle Altersgruppen.“ Auch Zwölf- bis Siebzehnährige, die sich nach ärztlicher Aufklärung für eine Impfung entschieden, könnten sich und andere jetzt schützen. Deshalb sei es gut, dass die Länder auch dieser Altersgruppe „möglichst niedrigschwellig“ ein Impfangebot machen wollten. „Ein solches Angebot zur individuellen Entscheidung steht im Übrigen im Einklang mit den Empfehlungen der STIKO“, stellte Spahn klar. Mit der Möglichkeit einer Auffrischimpfung im September wolle man die besonders gefährdeten Gruppen im Herbst und Winter schützen. „Denn für sie ist das Risiko eines nachlassenden Impfschutzes am größten.“

          Die Eile der Politik stößt in der Wissenschaft auf Skepsis. Derzeit gebe es noch zu wenige Daten zu möglichen gesundheitlichen Folgeschäden für Kinder, sagte der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens am Montag im Radiosender NDR Info: „Wir können nicht eine generelle Empfehlung aussprechen, solange wir diesbezüglich nicht die notwendige Datensicherheit haben.“ Die Kinder sollten ohnehin nicht die Hauptstoßrichtung sein, sondern, „dass wir eine hohe Impfquote bei den 18- bis 59-Jährigen erreichen“.

          Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, der Münchner Professor für Kinderheilkunde Johannes Hübner, sagte der F.A.Z.: „Mich ärgert dieser politische Aktionismus. Die Inzidenzen sind niedrig, die Hospitalisierungsquote ist gering, es gibt überhaupt keinen Grund, die Kinderimpfung übers Knie zu brechen.“ Die Politiker seien offenbar der Ansicht, „jetzt im Wahlkampf möglichst schnell etwas entscheiden zu müssen, um die Eltern zu beruhigen. Dabei verunsichern die Schnellschüsse doch alle: die Kinder, die Eltern und auch die Schulen.“

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